14 Kinderbücher, in denen es sich zu leben lohnt
Mein Daumen schmerzt, also zieht mir meine dreijährige Tochter das Unbehagen verursachende Mäuschen mit der Pinzette raus. Auf die Frage, wie das Tierchen denn bloss da reingekommen sei, meint sie: «Viellicht häts ä Rutschbahn gha und isch ide Nacht, wo du gschlofe häsch, direkt inegrutscht!»
So muss es gewesen sein. In der Welt, in der sie lebt, sind die Räuber schon lange ausgestorben, zusammen mit den Dinosauriern. Sie fragt sich, wann sie fünf wird. Und wann wieder zwei.
Mein fünfjähriger Sohn wartet derweil darauf, dass er auf eine Grilliarde zählen kann. Am Morgen ist er gern Steve («Minecraft»), «am Obig en Römer, ide Nacht en Zombie und am Halbmorge en Mensch.»
In der Welt, in der sie leben, ist noch alles möglich. Es ist noch nicht so ganz klar, was zum Aussen und was zum Innen gehört; Assoziationen, Gedanken und Wünsche, alles ist Realität, ist formbar und auf magische Weise miteinander verbunden. Und bessere Namen gibt's da auch.
Gott, wie ich diese Welt manchmal vermisse. Und wie sehr ich manchmal nicht will, dass meine Kinder ihr entwachsen – auf dass sie niemals von der Realität entzaubert werden.
Aber gut, immerhin bleibt uns Erwachsenen noch die Imagination, und in dieser können wir uns alle miteinander treffen. Am besten geht das mit guten Kinderbüchern.
Hier kommen 14 davon.
Ab in den Wilden Westen!
Ole Könnecke kann's einfach. Und das mit sehr viel weisser Fläche. Er gibt der Vorstellungskraft Raum, damit sie bis über den Bücherrand hinausschwappen kann. Und hier reitet dann der kleine Roy auf seinem Pferd Desperado durch die Weiten des Wilden Westens in den Kindergarten.
Aber was ist das denn!? Als er ankommt, ist die Schaukel abgerissen und seine Erzieherin Heidi samt dem Sirup und den Guetzli verschwunden. Der fiese Black Bart hat sie entführt. Und er will sie zu allem Übel auch noch zwangsheiraten! Zum Glück ist Desperado so schlau wie Roy mutig ist – und zusammen hecken sie das brillanteste Täuschungsmanöver in der Geschichte der Täuschungsmanöver aus, um die Banditenbande zu überlisten.
Ein wunderbar unbekümmertes Abenteuer.
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
Aus der guten alten Zeit
Dieses Buch haben unsere Kinder von einer alten Freundin ihres Vaters bekommen (Danke, Bea!). Sie hat es selbst als Kind geliebt. Und darum wohl hat jenes poetische Meisterstück – geschrieben von Gina Ruck-Pauquèt und illustriert von Pepperl Ott – seit seiner Geburt 1966 überhaupt noch nie einen Lieferunterbruch erlebt. Weil jedes Kind es als Erwachsener wieder seinen oder anderen Kindern vorliest und immer so weiter, bis in alle Ewigkeit. Es umfasst 60 kurze Gutenachtgeschichten, die vom kleinen Nachtwächter, dem kleinen Zauberer, dem kleinen Stationsvorsteher, dem kleinen Briefträger und dem kleinen Schornsteinfeger handeln:
Der Himmel hier hängt voller himbeerroter Wölkchen, manchmal sehen sie auch ganz leicht und duftig aus, als wären sie aus Watte. Und einmal, an einem Sommerabend, an dem die Luft so warm ist wie ein Federbett, schwebt der kleine Nachtwächter mit einem Bündel Ballone über die Dächer.
Dort oben sitzt der Liedermacher, um die Musik einzufangen, die überall ist, aber die man unten in der Stadt nicht hören kann, weil es da zu laut ist. Zusammen mit dem kleinen Schornsteinfeger spielt er auf allen möglichen Instrumenten, er zupft lustige Liedchen auf der Gitarre, und sie lachen, träumen zu den Klängen der Mundharmonika und weinen mit der traurigen Trompete; sie tupfen einander die Tränen ab und verstehen sich.
Unten geigt und trommelt die Musikkapelle zu Ehren des kleinen Stationsvorstehers, der sein zehnjähriges Dienstjubiläum feiert und bei all den «Hoch soll er leben!» so schrecklich verlegen wird, dass er hinter seinem Blumenstrauss verschwindet.
Im Zoo aber, wo die Löwen vom vielen Nachdenken riesige Falten im Gesicht bekommen und die Gämsen im Schlaf mit ihren Hufen zucken, weil sie von grossen Sprüngen träumen, sitzt der kleine Zoowärter unter dem Jasminstrauch und strickt.
Stricken tut auch die Oma Rumpelputz, und zwar jeden Tag einen Strumpf für ihren Sohn Otto, der weit weg wohnt und ihr jeden Tag einen Brief schreibt.
«Mir geht es gut. Wie geht es dir?», liest der kleine Briefträger Ottos Zeilen vor, die er alle Tage schreibt. Sie essen ein Schüsselchen Milchsuppe, die Oma Rumpelputz, der kleine Briefträger und der Kater Wuschemusch, dann geht der kleine Briefträger heim. Aber irgendwann kommt kein Brief mehr und Oma Rumpelputz weint die frisch gestrickten Socken nass. Und so beschliesst der kleine Briefträger, selbst einen zu schreiben: «Viele Grüsse, Otto», schreibt er nach vielem Grübeln – und obwohl Oma Rumpelputz sich über die Worte freut («Das hat er noch nie geschrieben!»), hat er ein so schlechtes Gewissen, dass er nachts nicht schlafen kann. Er läuft umher, und selbst dem Mond kann er nicht ins Auge sehen.
Dem Mond, der als einziger das Geheimnis der Vogelscheuchen kennt, dieser traurigen, zerzausten Gestalten, die sich vom kleinen Zauberer einst wünschten, fliegen zu können. Und er tat's, berührte sie mit seinem Stab und sprach den Zauberspruch und schon hoben sie ihre zerrissenen Ärmel in die Luft und schlugen Purzelbäume vor lauter Freude über die neu gewonnene Freiheit. Doch leider fürchteten sich die Vögel im Himmel zu sehr vor ihnen und auch der Bauer wollte sie zurückhaben in seinem Roggenfeld.
«Hokuspokus Sim !», sprach also der kleine Zauberer ...
«... und weil er den Zauberspruch nicht zu Ende sprach, blieb ein winziger Zauber an den Vogelscheuchen haften. Zwar kehrten sie ins Roggenfeld zurück, und da stehen sie nun wieder alle Tage und seufzen im Wind. In den Nächten aber, wenn die Menschen und die Tiere schlafen, heben sich die Vogelscheuchen in die Luft und tanzen unter den Sternen. Niemand weiss etwas davon – nur der Mond. Und der sagt es nicht weiter.»
Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Die etwas andere Prinzessin
Wir kennen es. Die alten Märchen von den eher passiven Prinzessinnen wollen überwunden sein. Und hier gelingt das auf ganz und gar fantastische, weil enorm ironische Weise. Mit Begonia, der übel gelaunten Kronerbin, die unbedingt am Ritterturnier teilnehmen möchte, aber nicht darf, weil sie ein Mädchen ist.
«Es ist zu gefährlich, verstehst du», sagt der König. «Wenn da was passiert! Du könntest vom Pferd fallen oder einen Pfeil in den Kopf bekommen! Du bist ja mein Goldstück, das weisst du doch.»
«Du bist so wahnsinnig altmodisch!», ruft die Prinzessin. «Man könnte meinen, wir leben im Mittelalter!»
«Na schau mal auf den Kalender!», sagt der König. «Wir HABEN ja das Mittelalter!»
Doch Begonia findet einen Weg. Sie erpresst die Ritter Zack und Rosenbusch, die lieber im Gras rumliegen als ihr Leben im Lanzenkampf zu geben. Sie müssen ihr nun eine Rüstung besorgen. Denn dieses Mal darf Herzog Waldemar, der aussieht wie ein fieser violetter Hexerich in angesagtester Pludermode, die Ritter des Königs nicht wie jedes Jahr besiegen, sonst wird es langsam peinlich.
Und als das Turnier schon verloren geglaubt ist, als Klampenburgs riesenhafter Ritter Papa Bär all seine Gegner samt Crocs vom Platz fegt, bleibt einzig noch der Extrawettbewerb, den Herzog Waldemar als Zeichen seiner Grosszügigkeit und seines Edelmutes mit einem winzigen Glöcklein ankündigt.
Und hierfür taucht plötzlich ein geheimnisvoller Ritter auf ...
Dem norwegischen Duo Bjorn F. Rorvik und Camilla Kuhn gelingt hier ein heiteres Gerangel zwischen Moderne und Vergangenheit, ein anachronistisches Jonglieren, bei dem auch Plastik eine gewinnbringende Rolle spielen darf.
Altersempfehlung: ab 4 Jahren
Warum wir Staub anhimmeln statt wegputzen sollten
Zumindest wenn er so putzig daherkommt wie in diesem Buch. Denn Staub ist mehr als Dreck. Und über dieses Mehr schreibt die deutsche Kinderbuchautorin Silke Schlichtmann in ihrem Sachbuch. Sie macht die unerwünschten Partikel zu winzigen Helden, die helfen, Verbrecher zu fassen – weil jeder Mensch eine ganz persönliche und darum umso verräterischere Staubwolke aus Hautschuppen, Haaren, Kleiderfasern, Bakterien und Viren mit sich herumschleppt –; zum feinen Wunderstoff, der uns glühend schöne Sonnenaufgänge beschert und Regen ebenso wie Schnee aus dem Himmel zaubern kann.
Darum gibt es auch eine Staubforschung und Menschen wie Jens Soentgen, die sich darin genüsslich austoben.
Im deutschsprachigen Raum ist er neben Schlichtmann wohl der zweite Mensch, der Bücher über Staub schreibt, allerdings für Erwachsene – ein populärwissenschaftliches namens «Staub. Alles über fast nichts» und ein wissenschaftliches, das den Titel «Staub – Spiegel der Umwelt» trägt. Und er tut das, weil er Staub «einfach spannend» findet. Und verrückt auch:
Diese Tatsache hat auch Schlichtmann derart fasziniert, dass sie augenblicklich draufloszutippen begann: «Ohne Staub wäre vieles nichts.»
Andere hingegen überzeugen weder jene Paradoxie der Staubschen Existenz (Staub ist selbst fast nichts und macht gleichzeitig fast alles zu nichts!) noch ihre verrückte Beziehung zur Schwerkraft:
Kann natürlich passieren. Sicherer also, man schenkt das Buch einer Staubliebhaberin. Und kauft dem anderen einen Staubsauger.
Altersempfehlung: ab 6 Jahren
Von A bis Zett
Klein Zettchen steigt aus Neugier in den falschen Zug – und reist geradewegs ans Meer. Kaum ist ihr Fehlen bemerkt, saust auch schon die ganze, riesige Buchstabenfamilie der Zetts auf Autos, Bussen, Velos, Skateboards, Trottis und Traktoren dem verlorenen Töchterchen hinterher.
Doch jetzt fehlen sie überall. Die ...uckerwatte schmeckt nicht mehr und dem ...auberer misslingen alle Kunststücke. Und wie sehen denn die ...ebras aus, so ganz ohne ihre Streifen. Himmel Hilf, eine Welt ohne den letzten Buchstaben unseres Alphabets darf kein Dauerzustand sein!
Dafür sorgen die beiden gebürtigen Berner Michael Staub und Res Zinniker.
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
Für Partyfüchse und solche, die bedingungslos sie selbst sein wollen
Schnitzel mag drei Dinge: Bücher, Partys und Wassermelonen. Kaninchen mag er nicht und auch keine Hühner, also essenstechnisch. Darum ist er ein eher aussergewöhnlicher Fuchs. Ein Vegetarier nämlich. Und ebendie feiern in ihrem Tal gerade eine Party, wie ihm zu Ohren gekommen ist. Da will er als guter Partygänger natürlich sofort hin. Nach tagelanger Reise erblickt er durch sein Fernglas sein Ziel. Ein Partyfloss auf dem See. Und darauf eine ganze Menge Tiere, die sich ganz hervorragend zu amüsieren scheinen.
Nur wie gelingt es Schnitzel, in jene illustre Gesellschaft reinzupassen? Wie soll er seine Fuchsidentität glaubhaft verschleiern, damit niemand sich vor ihm zu fürchten braucht?
Mehrere gescheiterte Pläne und eine gebratene Wassermelone später probiert er etwas sehr Mutiges – und tadaa!
Schnitzel wird sein nacktes Wunder erleben. Dank seiner Erschafferin, der chilenischen Künstlerin Sol Undurraga – oder Mujer Gallina, wie sie sich auch zu nennen pflegt.
Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Als nationales Kompetenzzentrum gibt SIKJM auch Kurse für Bibliothekar:innen, Lehrpersonen und alle anderen am Kinder- und Jugendbuchmarkt Interessierten. Um allen Kindern den Zugang zu Literatur zu ermöglichen, organisiert es landesweite Lese-Events wie die alljährlich stattfindende Schweizer Erzählnacht oder den Schweizer Vorlesetag. Zudem gibt es dreimal jährlich die Fachzeitschrift Buch&Maus heraus.
Der fantastische Bus
Für den Fall der Fälle: Man kann mit diesem Buch jemanden erschlagen. Einen Räuber beispielsweise. Aber die sind ja gottlob ausgestorben.
Ansonsten kann man daraus enorm viel Vergnügen ziehen. Gesellschaftskritik auch, und ebenso technisches Wissen über Plasma-Generatoren und solche Sachen. Hier wird wie wild getüftelt, denn die Tiere vom Hafenviertel in Ahnstarr City müssen weg. Ihre selbst zusammengenagelten Häuser werden abgerissen, also bauen sie sich einen Bus mit zehn Rädern, vier Motoren, 18'500 Pferdestärken, mit Küche, Kojen und Kuscheldecken.
Da ist der Kater Spir, dessen Fell grün leuchtet, weil er in radioaktiven Schleim gefallen ist, ein klassisches Opfer eines Atomkrieges also. Und da ist der kleine Dachs Timo, der so krank ist, dass ihn nur noch die sagenumwobene Safranlilie retten kann, die wiederum im sagenumwobenen Land Balalanka wächst. Dorthin macht sie sich nun auf, jene heimatlos gemachte Truppe, durch Wüsten und Sümpfe, durch Tundra, Steppe und Stratosphäre fährt sie mit ihrem fantastischen Bus, löst Rätsel und überwindet Ängste, bis schliesslich auch gewaltige Tiergötter sich einmischen – und alles gut wird.
Diese 2,5 Kilogramm schwere Grossartigkeit passt in keine Schublade. Und das in keinerlei Hinsicht. Weil ein wahrer Punk sie gestaltet hat. Und das ist das Schönste an nicht einzuordnenden Erzeugnissen: Sie sind für alle. Für Vierjährige genauso wie für Greise, Jakob Martin Strid hat 15 Jahre lang für keine bestimmte Zielgruppe gezeichnet, er hat schlicht die ganze Wildheit des Lebens zwischen zwei Buchdeckel gequetscht, in seinen Bus hinein, der der Düsternis mit ungebändigter Fantasie begegnet und so die Welt tatsächlich ein Stück weit zu retten vermag.
Für die, die sich wundern, wo all die Socken abgeblieben sind
Die polnische Kinderbuchautorin Justyna Bednarek hat sich der Frage angenommen, die sich alle Besitzerinnen und Besitzer von Waschmaschinen stellen, sobald das einstige Sockenpaar als trauriger Solostrumpf aus der Trommel steigt: Wo zum Teufel ist die bessere Hälfte hin verschwunden?
Nun. In ein Loch im Boden der Waschküche hat sie sich verabschiedet. Ab ist sie, durch ein dunkles, labyrinthartiges Rohrsystem, um in einem besseren Leben anzukommen. Einem, wo sie keinem Mobbing im Kleiderschrank ausgesetzt ist, weil sie von Natur aus flauschiger – feinste italienische Angorawolle macht's – ist als die anderen. Fort von der überwältigenden Traurigkeit, die auf dem Grund eines Wäschekorbs herrschen kann. Vom Gestank wollen wir erst gar nicht anfangen.
In der freien Welt entscheiden die Socken selbst, zu was sie werden. Und der ebenfalls aus Polen stammende Illustrator Daniel de Latour verhilft ihnen dazu auf die herrlichste Weise. Schliesslich hat er das Zeichnen von seinen Kindern gelernt.
So wärmt die kunterbunte Angorawolle-Socke bald den Fuss eines einbeinigen, obdachlos gewordenen Königs. Die kohlrabenschwarze Seidensocke wiederum wird zum Fernsehstar, nachdem sie im Casting alle sprachlos gemacht hat mit ihrem herausragenden Talent.
Weil zehn Sockenabenteuer aber lange nicht genug sind, hat sich die Autorin für ihren zweiten Band 13 weitere, «noch erstaunlichere», ausgedacht. Und wie das so ist, die Sache mit den Socken scheint ihr und ebenso ihrem Illustrator zur Sucht geworden zu sein, also hat sie noch einen dritten («Die Bande der schwarzen Frotteesocke») und vierten Band verfasst, letzterer befasst sich dann in seinem sockenmässigen Grössenwahnsinn notgedrungen mit der «geheimen Geschichte der Menschheit Socken», in der wir erfahren, wer das Rad erfunden hat (Spoiler: eine Socke), mit wessen Hilfe David Goliath besiegte (es beginnt mit S ...), wer das Artus-Schwert aus dem Felsen zog (es endet mit ...ocke) und was es mit diesen eigensinnig angeordneten, uralten Steinblöcken namens Stonehenge auf sich hat (das verrate ich ganz sicher nicht).
Alle Bände sind allerdings völlig unabhängig voneinander lesbar, weil jede einzelne Socken-Geschichte in sich geschlossen ist. Und, Überraschung, zwei weitere sind auf polnisch schon erschienen, das siebte angeblich in Arbeit ...
Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Für die Furchtlosen
Schlägt man die Wörterbücher des 19. Jahrhunderts auf, zeigt sich, dass das Wort «unheimlich» eng mit «heimlich» und «heimelig» verbunden ist. Es speist sich also aus der Mischung von etwas Vertrautem und Behaglichem und zugleich Verborgenem, Geheimen.
Sigmund Freud hat jene Ambivalenz folgendermassen zusammengefasst:
Etwa so liesse sich auch die Wirkung der Bilder für «La nuit quand je dors» («Nachts, wenn ich schlafe») beschreiben. Geschaffen hat sie der herausragende Lausanner Maler, Grafiker, Kostüm- und Bühnenbildner Ronald Curchod – mitsamt seiner surrealistischen Kraft.
«La nuit quand je dors» («Nachts, wenn ich schlafe») ist darum nicht gerade das, was man sich unter einer klassischen Gutenachtgeschichte vorstellt. Es macht die Nacht nicht zu etwas, wovor man keine Angst haben muss. Im Gegenteil, es widmet sich sehr gnadenlos ihrer Dunkelheit, dem träumerisch-bizarren Treiben eines schwarzen Figürchens, das federleicht durch die Bilder huscht und aus jeder Szene etwas mitnimmt, um seine Reise fortzusetzen. Es fliegt mit geklauter Luft und sieht mit geklauten Augen, es rennt, nachdem es die Haare vom Teller eines Riesen gegessen, und leuchtet hell auf, nachdem es einen Zauberpilz genossen hat. Und Regenschirmfledermäuse gibt es auch. Oder sind es Fledermausregenschirme?
Wer weiss das schon. Hier ist alles voller Geheimnisse, voller fantastischer Unbehaglichkeit, die im behaglichen Bettchen ihr Ende findet, wo das Figürchen vom anbrechenden Tag allmählich entschattet wird.
Mein Sohn ist davon heillos fasziniert, meine Tochter traut sich kaum, es anzuschauen.
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
Apropos Furcht: Hier geht's zum Handwerk des Horrors
«Geisterbahn backstage – eine witzig-wilde Lehrstunde in der hohen Kunst der Gruselogie», verspricht der Klett Kinderbuch Verlag hier völlig zu Recht. Zu verdanken haben wir diesen spektakulären Sachcomic der deutschen Illustratorin und Designerin Sandra Bayer. Es heisst, sie habe Blutgruppe 0 positiv und ein Spiegelbild. Aber ganz sicher kann man da nicht sein.
In «Geisterbahn Geheimnisse» verrät die Geisterbahnbesitzerin Olivia dem Mädchen Lola und seinem Hund Gurkbert – was für ein Name! –, was hinter den Kulissen einer solchen Gruselfahrt passiert. Was Pneumatik ist zum Beispiel, und wie diese es schafft, dass sich eine Zombie-Puppe wie von Geisterhand aus ihrem Sarg erhebt.
Am Ende kann dein Kind also gleich selbst eine Geisterbahn eröffnen. Für den Einstieg gibt's jedenfalls schon mal themengerechte Bastelanleitungen und «lecker Ekelrezepte».
Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Von der Freundschaft
Vieles ist heutzutage nicht mehr okay. Hier, in der wundervoll windschief illustrierten Geschichte der chinesischen Künstlerin Ye Guo, ist es das aber. Denn sie erzählt von Freundschaft, ohne dabei etwas zu erklären oder gar zu belehren. Es ist einfach, wie es ist; Ziege und Hase sind verschieden – und es ist okay.
Die Liebe zu Dosengras und Kaffee hat sie zusammengeführt, doch sie finden bald heraus, dass es auch Unterschiede zwischen ihnen gibt. Hase mag viel Zucker in seinen Kaffee, Ziege trinkt ihn lieber ohne.
Hase verzweifelt, wenn sie bei ihrem Ausflug vom Weg abkommen, während Ziege ruhig die Karte studiert. Dann treffen sie sich jeweils irgendwo in der Mitte, um gemeinsam ihr kleines Drama zu bewältigen.
Und ab und an muss Ziege dem Zuckerkonsum seines langohrigen Freundes halt einfach Einhalt gebieten.
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
