Wie die Tessiner gegen die Nazis kämpften – manchmal wie in einem Agentenfilm
Ihre Geschichten erinnern an Agentenfilme. Etwa jene von Silvio Baccalà aus Brissago TI: Nach aussen lebte der Gärtner ein scheinbar normales Leben. Er arbeitete tagsüber in einem Hotel und sorgte für eine adrette Aussenanlage. Brach jedoch die Dunkelheit herein, überquerte Baccalà die Grenze ins benachbarte Italien. Dort führte er, in der Region namens Ossola, italienische Partisanen durch die Berge. Viele von ihnen waren ortsunkundig und waren froh um den Schweizer Gärtner, der sie durch die Gegend lotste.
Es war im September 1943, als sich in Ossola verschiedene Widerstandsgruppen gegen die faschistische Besatzung bildeten. Zuvor hatte Italien mit den Allierten einen Waffenstillstand abgeschlossen. Darauf reagierte Deutschland sofort und besetzte das südliche Land.
Partisanen gab es in verschiedenen Teilen Italiens. Doch in der alpinen Region rund um das Städtchen Domodossola gelang den Widerstandskämpfern kurzzeitig die Befreiung: Im Herbst 1944 riefen sie die Partisanenrepublik Ossola aus.
Das ist umso bemerkenswerter, da die Partisanen nicht geschlossen agierten, sondern in verschiedenen Gruppierungen organisiert waren. Zudem waren sie schlecht ausgerüstet. Vielen standen nur Messer oder ihre blossen Hände zur Verfügung. Bloss etwa ein Drittel besass Feuerwaffen. Häufig machte dies keinen Unterschied, weil ihnen Munition fehlte. Ganz anders sah dies auf der Besatzerseite aus: Dort kämpften – gut ausgerüstet – die Wehrmacht und ihre faschistischen Verbündeten.
Die Unterstützung aus dem Tessin war daher für die ossolanischen Partisanen zentral. Die beiden Historiker Raphael Rues und Andrej Abplanalp zeigen in dem soeben erschienenen Buch «Kampfzone Ossola» auf, wie stark der Austausch zwischen der Schweiz und der Partisanenrepublik war. Besonders die beiden Kantone Tessin und Wallis, entlang deren Grenzen sich die Region Ossola schmiegt, waren für viele Partisanen lebensrettend.
Auszeichnung in Norditalien, Busse in der Schweiz
Von der Tessiner Bevölkerung bekamen die Widerstandskämpfer unter anderem Kleider, Lebensmittel oder Geld. Die lokale Presse berichtete wohlwollend über sie und auch die Kirche stand hinter ihrem Anliegen. Manchen Tessinerinnen und Tessinern reichte das nicht. Wie der Gärtner Silvio Baccalà unterstützen sie den Widerstand aktiv.
Über ihren Einsatz debattiert der Nationalrat Mitte März. Eine parlamentarische Initiative strebt die Rehabilitierung der Freiwilligen an, die im Zweiten Weltkrieg Teil der französischen Résistance oder der italienischen Resistenza waren. Lange galten sie als Landesverräter. Wurden sie von den Schweizer Behörden erwischt, bestrafte die Militärjustiz sie für ihre Unterstützung. Seit 1927 verbietet die Schweiz die Teilnahme an einem «fremden Militärdienst».
Bis heute sind diese Urteile nicht aufgehoben. Das soll sich nun ändern: Die Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats unterbreitet dem Nationalrat einen Gesetzesentwurf zur Rehabilitierung dieser Freiwilligen. Dies, weil ihr Engagement für Freiheit und Demokratie aus heutiger Perspektive «richtig und weitsichtig» gewesen sei.
Bei ihren Einsätzen für die italienischen Partisanen riskierten die Freiwilligen oft ihr Leben. Etwa Vincenzo Martinetti. Der Vater der Tessiner Schlagersängerin Nella Martinetti kämpfte in Ossola bei der Partisanengruppe «Divisione Piave». Dabei nahm er eine wichtige Position ein, indem er den Schmuggel von Material und Waffen über die Grenze organisierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichneten Partisanen des Ossola-Gebiets Martinetti für seinen Einsatz aus. In der Schweiz kassierte er hingegen wegen Verletzung der Neutralität eine Busse und vier Monate Gefängnis auf Bewährung.
Vor allem die Region um Locarno war für den Waffenschmuggel wichtig. Die Lieferungen konnten relativ einfach über die Grenze gebracht werden, schreiben die beiden Historiker Rues und Abplanalp. Im Buch halten sie fest: «Wussten die Schweizer Behörden davon? Oft ja, und noch öfter drückten sie beide Augen zu.» Manches Material schmuggelten die Freiwilligen gar mit der Centovalli-Bahn von Locarno nach Domodossola. Zuweilen reisten Partisanen gar selbst in die Schweiz, um Ware abzuholen. Dabei spielte die Insel Brissago eine wichtige Rolle. Sie diente als relativ sicherer und kaum kontrollierter Umschlagplatz.
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Zwei Schwestern schmuggeln Nachrichten über die Grenzen
Auch Schweizer Frauen waren im Widerstand aktiv. Etwa Gabriella Antognini, eine Kommunistin aus Locarno. Mit ihrer Schwester Maria versteckte sie unter anderem Partisanen oder überbrachte Nachrichten zwischen Widerstandskämpfern in Ossola und der Schweiz. Das brachte ihr 1945 eine einwöchige Haftstrafe ein, weil die Schweizer Behörden sie beim illegalen Grenzübertritt mit eindeutigen Mitteilungen erwischten. Antognini blieb nach dem Krieg politisch aktiv. 1971 zog sie als erste Frau in den Gemeinderat von Locarno ein.
Nicht nur die Tessiner Bevölkerung unterstützte die Partisanen. Auch das Wallis half ihnen. Als die Wehrmacht und ihre Verbündeten die Partisanenrepublik Ossola mit einer massiven Gegenoffensive nach 40 Tagen zurückeroberten, flüchteten die meisten Widerstandskämpfer in die Schweiz. Die Forschung geht von rund 3500 Partisanen und maximal 10'000 Flüchtenden aus, die sich über die Schweizer Grenze retteten.
Möglich machten dies einzelne Kantonspolitiker – sowie eine kurz zuvor erlassene Weisung der Schweizer Armeeleitung, dass einzelne «fremde Wehrmänner» einreisen dürfen, solange sie nicht kriminell waren. Gleichwohl hätten sich die Kantonspolitiker «juristisch und politisch auf sehr dünnem Eis» bewegt, halten die Historiker Rues und Abplanalp fest. Dazu gehörte der Nationalrat Karl Dellberg aus Brig, der Tessiner Staatsrat Guglielmo Canevascini und der Gemeindepräsident von Locarno Biovan-Battista Rusca.
Um die Schweizer Neutralität nicht infrage zu stellen, argumentierten sie gegenüber der Landesregierung, dass die Flüchtlinge politisch verfolgt würden und sich in einer humanitären Notlage befänden. «Den Tessinern und Wallisern gelang es so, die Aufnahme der Widerstandskämpfer als humanitär motivierte Pflicht erscheinen zu lassen und zugleich den Eindruck einer Parteinahme zu vermeiden», halten die Historiker fest. Rückhalt, aber auch Druck, den Partisanen zu helfen, gab es von der eigenen kantonalen Bevölkerung. Auch die Kirche oder das Schweizerische Rote Kreuz engagierte sich für die Aufnahme der geflüchteten, teils verletzten Widerstandskämpferinnen und -kämpfer.
Widersprüchliche Schweiz
Ohne die Rettung in diesen sicheren Hafen ennet der Kampfzone wäre den Partisanen der Tod gewiss gewesen, sobald die Wehrmachtssoldaten sie gefasst hätten. Gleichzeitig zeigt dies, wie widersprüchlich die Schweizer Grenzpolitik zu jener Zeit war. Jüdische Flüchtlinge wurden an der Tessiner Grenze zurückgewiesen. Viele von ihnen gelang es dadurch nicht, sich in Sicherheit zu bringen und wurden von den Nationalsozialisten nach Auschwitz deportiert. Darunter waren auch Kinder, wie etwa die 13-Jährige Liliana Segre. Sie gilt heute als eine der wichtigsten Zeitzeuginnen der Shoah in Italien.
Fast alle Partisanen kamen nach ihrer Flucht in ein Arbeitslager in der Deutschschweiz. Wer einen kommunistischen Hintergrund hatte, landete in besonders abgelegenen Gegenden. Gemütlich war es für niemanden. Selbst in den Wintermonaten mussten die oft abgemagerten und vom Kampf gezeichneten Partisanen in schlecht isolierten Baracken leben. Meist ohne Heizung. Auch die Verpflegung war spärlich. Gleichwohl mussten sie körperlich anstrengende Arbeiten verrichten – etwa in der Landwirtschaft, im Strassenbau oder in der Lawinenräumung.
Immer wieder flüchteten Partisanen deshalb aus diesen Arbeitslagern. Solange sie die Schweiz rasch verliessen, war das den Schweizer Behörden einigermassen egal. Bei ihrer Rückkehr nach Italien konnten sie wiederum auf Tessinerinnen und Tessiner zählen, die sie kurzzeitig versteckten und danach über die Grenze schleusten. Zu einer neuen Partisanengruppe im Kampf gegen den Faschismus.
Vierzig Tage lang bestand die freie Republik Ossola. In dieser kurzen Zeit baute die provisorische demokratische Regierung den Postdienst wieder auf, organisierten die Schule neu und führten die politische Gleichstellung von Frauen und Männern ein.
Die Region rund um das Städtchen Domodossola war strategisch bedeutsam: Durch den Simplontunnel wurden zwischen Deutschland und Italien bedeutende Kriegsgüter wie Kohle, Stahl oder Maschinen transportiert. Zudem beherbergt die Gegend rund 50 Wasserkraftwerke, welche die norditalienische Industrie und Rüstungsproduktion mit Strom versorgten.
Mit einer massiven Gegenoffensive eroberten die deutschen Truppen das Gebiet Mitte Oktober zurück. 10'000 Menschen flohen in die Schweiz. Zwei Drittel der Partisanen waren entweder gefallen, gefangengenommen worden oder ebenfalls geflohen. (aba)
(aargauerzeitung.ch)
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