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Fast ein Drittel der gefährdeten Pflanzenarten in der Schweiz ist verschwunden

In einem einzigartigen Mammutprojekt haben Freiwillige tausende alte, bekannte Fundstellen der 713 seltensten und gefährdetsten Pflanzenarten in der Schweiz aufgesucht. Das Erschreckende: 27 Prozent der 8024 Populationen konnten nicht wiedergefunden werden.



Das Bodensee-Vergissmeinnicht, die Vielspaltige Mondraute oder die Sumpf-Siegwurz: Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie hierzulande als vom Aussterben bedroht gelten.

Sommer Blutströpfchen / Sommer-Adonisröschen: Das Sommer-Blutströpfchen ist eine einjährige Ackerbegleitpflanze aus der Familie der Hahnenfussgewächse. Wie viele ruderale Arten setzt ihr die intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Herbiziden stark zu. In der Schweiz gilt es als gefährdet.

Das Sommer-Blutströpfchen ist eine einjährige Ackerbegleitpflanze aus der Familie der Hahnenfussgewächse. Wie viele ruderale Arten setzt ihr die intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Herbiziden stark zu. In der Schweiz gilt es als gefährdet. Bild: unibe/andrea gygax

Forschende der Universität Bern analysierten gemeinsam mit Info Flora, dem Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora, die «Schatzsuche» der 420 ehrenamtlichen Botanikerinnen und Botanikern. Das Ergebnis sei alarmierend, schreibt die Uni in einer Mitteilung vom Dienstag. Demnach verloren die am stärksten gefährdeten Arten 40 Prozent ihrer Populationen im Vergleich zu den letzten 10 bis 50 Jahren.

Artenschwund ist menschengemacht

«Solche lokalen Aussterbeereignisse sind Frühwarnsysteme. Zwar verlieren wir heute nur einzelne Populationen, doch könnten schon bald ganze Arten aus der Schweiz verschwinden», sagte Anne Kempel von der Uni Bern. Sie ist die Erstautorin der Studie, die nun im Fachmagazin «Conservation Letters» erschienen ist.

Dr. Anne Kempel Institut für Pflanzenwissenschaften, Universität Bern

Erstautorin Anne Kempel. Bild: unibe/zvg

Um Pflanzen, die am Rand von landwirtschaftlich genutzten oder besiedelten Flächen wachsen, steht es besonders schlecht. Diese Populationen zeigten mehr als doppelt so grosse Verluste wie Arten aus Wäldern oder alpinen Wiesen. Auch Pflanzenarten aus Gewässern, Ufern und Mooren schwinden dramatisch.

Schuld daran ist gemäss den Forschenden vor allem der Mensch: Mikroverunreinigungen, Düngerbelastung, der Verlust natürlicher Flussdynamiken durch Flussbegradigungen, die Nutzung von Flüssen als Stromlieferant oder das Trockenlegen von Moorflächen machen diesen Pflanzen zu schaffen.

Spätblühender Bitterling: Der Spähtblühende Bitterling gehört zur Familie der Enziangewächse und bewohnt Ufer von Kleingewässern. Wie viele Pflanzen aquatischer Lebensräume gilt auch diese Art in der Schweiz als stark gefährdet.

Der Spähtblühende Bitterling gehört zur Familie der Enziangewächse und bewohnt Ufer von Kleingewässern. Wie viele Pflanzen aquatischer Lebensräume gilt auch diese Art in der Schweiz als stark gefährdet. Bild: unibe/andrea gygax

Schnelles Handeln notwendig

«Diese Studie hat uns wachgerüttelt und uns ganz deutlich gezeigt, dass Habitatschutz alleine nicht ausreicht, um unsere Biodiversität zu erhalten», sagte Stefan Eggenberg, Leiter von Info Flora. Ohne ein schnelles Handeln sieht es laut den Forschenden denn auch nicht gut aus für die seltensten Arten der Schweiz.

Lässt sich der Rückgang der Artenvielfalt aber überhaupt noch aufhalten? Ja, sagen die Forschenden. So könnten etwa die Renaturierung von Fliessgewässern, das Errichten von Hecken, Steinhaufen oder Tümpeln in der Agrarlandschaft, eine weniger intensive Landnutzung und gezielte Artenförderung viele gefährdete Arten in der Schweiz retten. (sda)

Artenvielfalt allein macht Ökosysteme nicht stabil

Ob eine Pflanzengemeinschaft stabil ist, hängt nicht nur von der biologischen Vielfalt ab. Eine wichtigere Rolle spielt das sogenannte «asynchrone Wachstum»: Wächst unter gewissen Bedingungen eine Art weniger gut, kompensiert eine andere Art den Verlust mit besserem Wachstum. Das hat ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) herausgefunden.

Je stabiler eine ökologische Gemeinschaft ist, desto besser kann sie auf Veränderungen wie etwa Dürren oder intensivierte Landnutzungen reagieren. Welche Faktoren für Stabilität sorgen, untersuchten die Forschenden anhand von 79 Datensätzen, die fast 8000 Pflanzengemeinschaften weltweit repräsentieren.

Dabei zeigte sich: Je synchroner sich Arten verhalten, desto eher gerät eine ökologische Gemeinschaft ins Wanken. Bei 71 Prozent der untersuchten Datensätze bestätigte sich dies, wie die Forschenden im Fachmagazin «PNAS» schreiben. Zwar ging auch ein höherer Artenreichtum mit einer höheren Stabilität einher – allerdings nur bei 29 Prozent der Datensätze. (sda)

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Skip Bo 09.09.2020 06:49
    Highlight Highlight Viele dieser Arten sind nicht konkurrenzstark. Sie benötigen nährstoffarme Standorte wie Ökoflachen, damit Konkurrenzpflanzen weniger in Vorteil sind. Sie verschwinden nicht, weil 50 m nebenan Herbizide eingesetzt werden, es gibt zuwenig ideale Standorte.
    Einige Arten reagieren empfindlich auf eine Schnittnutzung. Deshalb wird in Ökoflächen die Absamung durch den Schnittzeitpunkt gefördert.
    Im ÖLN werden artenreiche Ökoflächen zusätzlich honoriert.
    Man müsste gefährdete Arten nicht nur beobachten und dann jammern, sondern aktiv fördern.


    • Skip Bo 09.09.2020 07:08
      Highlight Highlight Es ist schade, dass für dieses Projekt die Bauern nicht einbezogen wurden.
      Die LwFH Zollikofen agiert da praxisnäher. Man (Bauern) wird oft angeschrieben um sich an Praxisprojekten zu beteiligen. Habe dabei an Blühstreifenversuchen teilgenommen.
      Vom Uniprojekt lese ich hier das erste mal.
  • Hardy18 08.09.2020 21:22
    Highlight Highlight Also sind sie nun nicht mehr gefährdet?
  • Andre Buchheim 08.09.2020 20:00
    Highlight Highlight Das Artensterben, welches wir ausgelöst haben, nimmt mehr und mehr beängstigende Ausmasse an. Wir sollten langsam aber sicher zu Hütern des Lebenssystems werden, und zwar jeder Einzelne, sonst ist diese Welt bald futsch...
  • Gooner1886 08.09.2020 19:09
    Highlight Highlight Wo ist jetzt das Problem? Wenn noch die anderen 2/3 verschwinden ist das Problem gelöst. 😉
  • Vedder (aka der Dude) 08.09.2020 15:35
    Highlight Highlight Ich habe einen pestizidfreien Naturgarten. Gerne können diese Pflanzen zu mir kommen.
    Einen Naturgarten kann ich nur allen empfehlen. Das Leben kehrt Jahr für Jahr mehr zurück.
  • Sprachrohr 08.09.2020 15:14
    Highlight Highlight "Fast ein Drittel der gefährdeten Pflanzenarten in der Schweiz ist verschwunden"

    Ob ein Drittel, ein Viertel, fast alle oder praktisch keine der gefährdeten Pflanzenarten verschwunden sind, hängt davon ab, was man alles als gefährdet definiert.

    Sinnvoller wäre wohl ein Vergleich mit der Gesamtzahl hiesiger Pflanzenarten.

    Zudem sind nicht die Arten, sondern nur die im konkreten Projekt an bestimmten Orten erfassten Populationen verschwunden.

    Auch wenn das Anliegen berechtigt ist, trägt die Betitelung des Artikels deshalb nicht unbedingt zur fundierten Meinungsbildung bei.
    • Mr. Spock 08.09.2020 17:56
      Highlight Highlight Fakt ist dennoch, dass Pfanzen verschwinden Dank menschlichem Einfluss... Mehr Meinung brauche ich da nicht wirklich!?
    • Sprachrohr 08.09.2020 18:29
      Highlight Highlight @Mr Spock

      Das Pflanzen durch menschliche Einflüsse aussterben, wissen wir beide aus zahlreichen anderen Quellen.

      Nur ist diese Studie aus dargelegten Gründen hierfür und für das konkrete Ausmass weitaus weniger Beleg, als der Titel vermuten lässt. Und damit wird aus einem Wissenschaftsartikel Propaganda und werden Fakten zu Meinungen...

      Ich bevorzuge objektivere Informationen und weniger suggestive Titel, unabh. von meinen eigenen Ansichten. Der restl. Artikel ist da weitaus neutraler.
    • Skip Bo 09.09.2020 07:14
      Highlight Highlight Vulkanier, es gehört zum Menschsein, seine Umgebung seinen Ansprüchen anzupassen. Die Mehrheit (>90%) ist nicht bereit die Ansprüche zu reduzieren. Siehe Landverschleiss für Bauten. Ich erinnere mich gerne an die 6 Millionenschweiz...
  • Posersalami 08.09.2020 14:51
    Highlight Highlight Einzelne Massnahmen wie Steinhaufen oder Blühstreifen sind sicher nett anzuschauen, aber nützen nicht viel wenn daneben ganz normal weiter Pestizide etc. gespritzt werden.

    Es braucht neben einem generellen Umdenken viel mehr Schutzzonen und Verbindungen dazwischen, die mehr oder weniger sich selbst überlassen werden. Natürlich muss man auch überall dort wo es möglich ist Flächen, Flüsse usw. renaturieren.
    • Skip Bo 09.09.2020 06:30
      Highlight Highlight Blühstreifen sind nicht einfach nur "nett".
      Man sollte sich schon mal die Mühe nehmen und solche Blühstreifen aus der Nähe ansehen.
      Ich habe dieses Jahr zwei Blühstreifen (2 mal 2500 m2) gesät. Dort sind permanent Pflanzen am Blühen und es wimmelt von Bienen und anderen Insekten.
  • Fairness 08.09.2020 14:45
    Highlight Highlight Auch darum JA zur Begrenzungsinitiative. Alles hat immer weniger Platz.
    • Autokorrektur 08.09.2020 17:07
      Highlight Highlight Du hast Nein falsch geschrieben.
    • Fairness 08.09.2020 18:31
      Highlight Highlight @Autokorrektur
      Haha, so lustig!
    • Autokorrektur 08.09.2020 19:00
      Highlight Highlight @Fairness
      Danke, den hab ich mir ganz allein ausgedacht. 😊
  • banda69 08.09.2020 14:07
    Highlight Highlight Und das meint die umweltfeindliche SVP dazu.

    Und ja. Die SVP schadet Mensch und Umwelt.
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