«Wahnsinnige Kunst»
Ab den 1840er-Jahren beginnen die Schweizer Kantone eigene psychiatrische Anstalten zu gründen. Gleichzeitig entsteht ein administratives und rechtliches System, das damals unter dem Begriff «Irrenwesen» eingeführt wird. Damit werden gesellschaftliche Vorstellungen von Norm und Abweichung festgelegt: Alles, was nicht in dieses Raster passt, gilt als «geisteskrank».
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Die Kliniken werden zu Orten der medizinischen Erprobung: Neben ärztlichen Beobachtungen kommen auch physische Methoden wie Zwangsstühle, Drehmaschinen oder Brechmittel zum Einsatz. Sie folgen einem mechanistischen Verständnis der Psyche, das die Aufklärung geprägt hat.
Neue Behandlungsmethoden haben zum Ziel, psychische Erkrankungen besser zu verstehen. Die verschiedenen Krankheitsbilder werden nicht nur durch körperliche Eingriffe erforscht: Schon früh gehören kreative Tätigkeiten zum Alltag vieler Patientinnen und Patienten, so auch Zeichnen oder Schreiben. Ausgewählte Werke finden ihren Weg in die Akten der Patientinnen und Patienten. So beginnen viele Kliniken schon im 19. Jahrhundert, Bilder zu sammeln.
Kunst, Psyche und die Wissenschaft
In vielen Kantonen sind solche Bestände vorhanden. Sie bestehen aus Zeichnungen, Stickereien, kleinformatigen Bildern oder auch dreidimensionalen Objekten, die Patientinnen und Patienten im Rahmen ihres Klinikaufenthalts angefertigt haben. Diese Sammlungen erfüllten in erster Linie diagnostische und dokumentarische Zwecke. Ärztinnen und Ärzte versuchten, anhand der Bildwelten Rückschlüsse auf Krankheiten zu ziehen. Die ästhetische Qualität spielte dabei zunächst kaum eine Rolle; entscheidend war das vermeintlich «Abnorme» im visuellen Ausdruck.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erweitert sich das Interesse: In wissenschaftlichen Publikationen wird die rein psychopathologische Betrachtung der Werke psychisch erkrankter Menschen zunehmend durch eine Untersuchung ihrer Kreativität und Ausdruckskraft ergänzt. Ein frühes Beispiel dafür ist der französische Psychiater Paul Gaston Meunier (1873–1957), der unter dem Namen Marcel Réja publiziert und künstlerische Arbeiten von Patientinnen und Patienten aus einem neuen Blickwinkel beschreibt.
Die Annäherung zwischen Kunst und Psyche erfolgt nicht nur von ärztlicher Seite, sondern auch von Seiten der Kunstschaffenden. Die Bildwelten werden zunehmend abstrakter und mehrdeutiger. In diesem Kontext führt der jüdische Schriftsteller und Arzt Max Nordau (1849–1923) in den 1890er-Jahren den Begriff der «entarteten» Kunst ein. Die Werke des Fin de Siècle, die emotional, asymmetrisch oder träumerisch surreal wirken, stuft er als krankhaft ein. Der Begriff «entartete Kunst» sollte später von den Nationalsozialisten genutzt werden, um Künstlerinnen und Künstler der Moderne zu pathologisieren.
Um die Jahrhundertwende rückt die Auseinandersetzung mit Träumen und unbewussten Bildern noch stärker ins Zentrum. Sigmund Freuds Theorie des Unbewussten, seine Traumdeutung und die Methode des freien Sprechens auf der Couch prägen das Verständnis des Seelenlebens nachhaltig. Bei Carl Gustav Jung wird die kreative Beschäftigung mit inneren Bildern erforscht. So entsteht ein Spannungsfeld, in dem Kunst, Psychologie und Medizin dicht ineinandergreifen.
Die Sammlung Walter Morgenthaler
In diesem Umfeld beginnt der Schweizer Psychiater Walter Morgenthaler (1882–1965) seine Laufbahn. Als Assistenzarzt arbeitet er in Zürich am Burghölzli bei Eugen Bleuler, wo er mit Freuds Psychoanalyse in Kontakt kommt und einen kreativen Zugang zum Unbewussten findet. 1908 wechselt er in die damalige «Irrenanstalt Waldau» in Bern. Später ist er in Basel und Münsingen tätig, bevor er als Oberarzt in die Waldau zurückkehrt und schliesslich Chefarzt in Münchenbuchsee wird.
Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen lässt Morgenthaler Patientinnen und Patienten zeichnen. Doch sein Blick unterscheidet sich: Er erkennt das individuelle, künstlerische Potenzial in den Werken und betrachtet sie nicht nur als diagnostisches Material.
1914 richtet Morgenthaler im Zusammenhang mit der Landesausstellung in der Waldau ein Psychiatrie-Museum ein. Neben psychiatriehistorischen Objekten werden Bilder aus der Sammlung der Klinik gezeigt. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Werke von Adolf Wölfli (1864–1930). Wölfli ist langjähriger Patient in der Waldau. Morgenthaler untersucht, wie sich der Drang zum künstlerischen Ausdruck äussert. Im Laufe der Zeit bezeichnet sich Wölfli explizit als Künstler. Auch von aussen wird er so wahrgenommen. Er erhält Aufträge und kann seine Kunst verkaufen.
Mit der Studie «Ein Geisteskranker als Künstler. Adolf Wölfli», die Morgenthaler 1921 veröffentlicht, erlangen Wölfli und Morgenthaler globale Bekanntheit. Das Buch entfaltet sich als eine Art Künstlerbiografie, in der Wölfli nicht als anonyme Fallnummer auftaucht, sondern namentlich genannt und explizit als Künstler gewürdigt wird. Während Morgenthaler in Fachkreisen zunächst belächelt wird, findet das Buch bei Einzelpersonen grosse Resonanz; etwa bei der Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé, die es Sigmund Freud empfiehlt.
Zeitgenössische Debatten und parallele Entwicklungen
Wie gelingt es Morgenthaler, die Studie über den Patienten Wölfli weniger als psychologisches Werk denn als Künstlerbiografie zu positionieren? Und wie kommt es zur grossen Anerkennung aus der Welt der Kunst?
Eine Antwort könnte im Umfeld von Morgenthaler liegen: Sein Bruder, Ernst Morgenthaler, ist Künstler und in der Schweizer Kulturszene gut vernetzt. So zum Beispiel mit Robert Walser, Cuno Amiet und Hermann Hesse. Dessen Ehefrau, Sasha Morgenthaler, ist eine bedeutende Puppengestalterin und hat die Kleidung für die ersten Handpuppen von Paul Klee genäht. Diese Nähe zur Kunstwelt könnte Walter Morgenthalers Blick auf die Werke seiner Patientinnen und Patienten stärker geprägt haben, als es in den medizinischen Fachdiskussionen jener Zeit üblich war.
Die Verbindung von Kunstschaffen und Psychologie, die Auseinandersetzung mit Psychiatrie, Bildern und künstlerischem Ausdruck, ist ein Thema, das in den 1910er-Jahren floriert. Nur ein Jahr später erscheint das Buch «Bildnerei der Geisteskranken» des Arztes und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn, das später zu einem grundlegenden Werk für die Surrealisten wird. Ob Prinzhorn sich direkt von Morgenthaler inspirieren liess, ist unklar, doch er erwähnt dessen Buch in einer Anmerkung – ein Zeichen dafür, dass die Debatte in Bewegung war.
Avantgardistische Stimmung
Nach dem Ersten Weltkrieg verändern die avantgardistischen Strömungen den künstlerischen Blick. Rationalität und bürgerliche Normen werden kritisiert, antiakademische Ausdrucksformen wichtig. Die Dada-Bewegung in Zürich ist nur ein Beispiel dafür, wie Kunstschaffende bewusst mit Konventionen brechen. Diese Offenheit fördert auch das Interesse an Ausdrucksformen, die jenseits des etablierten Kunstbetriebs entstehen. Die Kunst soll nah am Leben, echt, grenzüberschreitend und fern von Logik und Rationalität gesteuert sein.
In den Kliniken ändert sich im Laufe der 1920er-Jahre die Gestaltung des Alltags: Mit dem Aufkommen von Arbeitstherapien wird das künstlerische Schaffen grösstenteils aus dem therapeutischen Setting in die Freizeit verlegt. Nachdem Morgenthaler nicht mehr in der Waldau tätig ist, treten auch Museum und Sammlung in den Hintergrund.
Vom psychiatrischen Archiv zur musealen Anerkennung
Die avantgardistische Stimmung, die abstrakten Werke und das freie Experimentieren in der Kunst blieben jedoch nicht ohne Kritik. Schon von Anfang an stossen die Werke auf Widerspruch. Mit dem Nationalsozialismus wird der Begriff der «entarteten Kunst» wieder aufgegriffen, dies, um avantgardistische Kunstschaffende als krank zu diagnostizieren.
Zerrüttet vom Zweiten Weltkrieg macht sich eine kulturelle Skepsis breit. Das Bedürfnis nach einem radikalen Neuanfang in der Kunst wächst. Auf der Suche nach einer unverfälschten, spontanen und anti-intellektuellen Kunst bereist der französische Künstler Jean Dubuffet im Jahr 1945 die Schweiz. Er besucht psychiatrische Kliniken und studiert die Kunst von Patientinnen und Patienten, darunter die von Adolf Wölfli. Ihn fasziniert das unverfälschte Schaffen, künstlerische Werke, die ohne klassisches Vorwissen entstehen. Dies veranlasst Dubuffet in Paris, die Companie de l’Art Brut ins Leben zu rufen. So erhalten die Werke, die ausserhalb der akademischen Tradition und oft in Kliniken entstehen, erstmals eine eigene Begrifflichkeit.
Der Weg in die Museen und die Anerkennung dieser Kunstform durch eine breitere Öffentlichkeit, dauerte aber noch fast 30 Jahre. Erst mit der aufkommenden Antipsychiatriebewegung Ende der 1960er-Jahre treten die Werke erneut aus dem Schatten ihrer Akten heraus.
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Jean Dubuffet schenkt seine Sammlung in den 1970er-Jahren der Stadt Lausanne, diese bildet bis heute den Grundstock der Collection de l’Art Brut. Zeitgleich wird in Bern die Adolf Wölfli Stiftung des Kunstmuseums Bern gegründet, wo sich der grösste Teil seines Werks bis heute befindet. Anstoss für die Gründung der Stiftung gibt der Schweizer Kurator Harald Szeemann, der seinerseits die Ausstellungspraxis in den Museen massgeblich prägte. Es ist ebenfalls Szeemann, der Wölflis Werk an der documenta 5 in Kassel zeigt und damit dafür sorgt, dass Wölfli als Künstler internationale Bekanntheit erlangt.
Während die Sammlung des oben erwähnten Arztes Prinzhorn auf 8000 Objekte gewachsen ist und das gleichnamige Museum in Heidelberg bis heute ein wichtiger Ort für Kunst von Menschen mit Ausnahmeerfahrungen darstellt, ist die Sammlung Morgenthaler mit den 5000 Objekten noch nicht vollständig wissenschaftlich aufbereitet.
Landesmuseum Zürich
Die Schweiz war immer schon Heimat von «Seelensuchern» wie Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Nietzsche oder Carl Gustav Jung. Deren Arbeiten prägten die Entwicklung von Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse massgeblich. Zum 150. Geburtstag von C. G. Jung zeigt die Ausstellung die Geschichte und Entdeckung der Psyche in der Schweiz. Höhepunkt ist Jungs «Rotes Buch», ergänzt mit Werken von Johann Heinrich Füssli, Louise Bourgeois, Rudolf Steiner, Meret Oppenheim, Thomas Hirschhorn, Heidi Bucher und vielen weiteren mehr.
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