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Jugend und Sport: Schwitzen fürs Vaterland?

Bild aus der Gründungszeit der Sportschule Magglingen im Kanton Bern, 1940er-Jahre.
Bild aus der Gründungszeit der Sportschule Magglingen im Kanton Bern, 1940er-Jahre.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Jugend und Sport: Schwitzen fürs Vaterland?

Auf den Sport wirkten spätestens ab dem 19. Jahrhundert gesundheitspolitische, erzieherische und militärische Anspruchsgruppen ein. Ablesen lässt sich dies an der Geschichte des staatlichen Sportförderungsprogramms «Jugend+Sport» und seiner Vorgängerinstitutionen.
29.06.2024, 18:36
Simon Engel / Schweizerisches Nationalmuseum
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Zu welchem Zweck soll Sport getrieben werden? Über diese an sich philosophische Frage stimmte die (männliche) Schweizer Bevölkerung am 27. September 1970 ab. Mit einem Anteil von 74,6 Prozent stimmte sie der Aufnahme eines neuen Artikels in die Bundesverfassung zu, wonach der Bund «den Sport, insbesondere die Ausbildung» fördern soll und dies neu unter dem Namen Jugend+Sport firmieren soll.

Was damit genau gemeint war, präzisierte der Bundesrat in seiner Botschaft ein Jahr vor der Abstimmung: «Die Förderung von Turnen und Sport ist [...] vom ausschliesslichen Zweck der Erhaltung der Wehrtüchtigkeit zu lösen und auf beide Geschlechter auszudehnen. […] Einerseits handelt es sich um ein Problem der Volksgesundheit, andererseits der Erziehung.»

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Die Annahme des neuen Verfassungsartikels 1970 markierte demnach eine Wende beziehungsweise eine Entmilitarisierung der staatlichen Sportförderung in der Schweiz, denn bis dahin war die Sportförderung des Bundes im Rahmen der Militärorganisation geregelt: Ab 1874 schrieb der Bund den Kantonen vor, einen obligatorischen Turnunterricht in der Schule für alle Knaben ab dem 10. Altersjahr einzuführen, um diese optimal auf den Wehrdienst vorbereiten zu können. Ergänzend sollte nach dem Abschluss der obligatorischen Schulzeit die sportliche Vorbereitung der Jugendlichen auf die Rekrutenschule in einem militärischen Vorunterricht verfeinert werden.

Turnstunde von Basler Gymnasiasten, 1897.
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Turnstunde von Basler Gymnasiasten, 1897.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Sportförderung der Schweizer Jugend auf der formal-rechtlichen Ebene sehr wohl militärischen Gesichtspunkten dienen sollte, in der Realität aber von Anfang an versucht wurde, pädagogische und militärische Grundsätze in Einklang zu bringen. Dies hatte insbesondere damit zu tun, dass der schulische Turnunterricht von zivilen Lehrern konzipiert und durchgeführt wurde und nicht von militärischen Drillmeistern. Marsch- und Ordnungsübungen waren zwar Teil des Lehrplans, wurden aber zunehmend von den in der Bevölkerung beliebten Leichtathletik- und Spielformen verdrängt.

Der Zweite Weltkrieg bewirkte kurzfristig eine stärkere Betonung militärischer Gesichtspunkte: Fussball oder Schwingen sollten beispielsweise zur Schulung von Härte und Ausdauer dienen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich im Schulturnen endgültig pädagogische und volksgesundheitliche Vorhaben durch, «die Erziehung zu körperlicher Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft» wurde in der Eidgenössischen Turnschule von 1960 nur noch in der Einleitung erwähnt.

Militärischer Vorunterricht im luzernischen Reiden, 1898.
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Militärischer Vorunterricht im luzernischen Reiden, 1898.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Auch der angedachte obligatorische militärische Vorunterricht wurde nie konsequent nach den Wünschen der Armee umgesetzt. Auf Basis der Militärordnung von 1874 sollten nebst 50 Stunden Turnen auch Schiessübungen und Märsche durchgeführt werden. Das stiess auf den Widerstand von Pädagogen und Arbeitgebern: Erstere wehrten sich gegen eine allzu starke militärische Ausrichtung, letztere wollten ihre Lehrlinge auf dem Arbeits- und nicht auf dem Sportplatz sehen.

Aus finanziellen (zu wenig Bundesmittel) und strukturellen (zu wenig Sportplätze und Lehrpersonal) Gründen konnte der geplante Vorunterricht so nie eingeführt werden. Nur in einzelnen Kantonen und Gemeinden gab es einen freiwilligen Vorunterricht, der von Offizieren durchgeführt wurde. Die Materialkosten übernahm der Bund.

Im Kanton Zürich existierte der militärische Vorunterricht. Ehrenmeldung von 1899.
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Im Kanton Zürich existierte der militärische Vorunterricht. Ehrenmeldung von 1899.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Ab 1909 wurde dieses Prinzip ausgeweitet: Der Bund unterstützte fortan Turn-, Sport- und Schützenvereine finanziell, die auf freiwilliger Basis den turnerischen oder bewaffneten Vorunterricht durchführten und für die körperliche Ertüchtigung der männlichen Jugend sorgten. Ab 1941 wurden die Leiterkurse zentral durch den Bund abgewickelt. Bis auf ein paar weitere kleinere Revisionen bildete die Verordnung von 1909 den rechtlichen Rahmen der bundesstaatlichen Sportförderung in der Schweiz und ist bis heute das Grundprinzip von Jugend+Sport: Bund und Kantone fördern gemeinsam die körperliche Ertüchtigung der Bevölkerung finanziell, die Vereine an der Basis führen im Gegenzug aus.

Geld erhielten die Vereine zunächst nur für die Durchführung spezifischer Vorunterrichtskurse. Weil sich eine Vermischung mit den üblichen Vereinstrainings nicht kontrollieren liess, durften die staatlichen Gelder später auch offiziell für Vereinstrainings genutzt werden.

Die Sportschule in Magglingen, 1940er-Jahre.
http://doi.org/10.3932/ethz-a-000987311
Die Sportschule in Magglingen, 1940er-Jahre.Bild: e-pics

Der turnerische Vorunterricht bestand zunächst aus verschiedenen Disziplinen wie Marsch, Lauf, Springen, Kugelstossen, Klettern und Spielen. 1941 wurden Wahlfachprüfungen und -kurse im Schwimmen, Radfahren, Skifahren, Rudern, Geräteturnen, aber auch im militärischen Funken und Pontonierfahren eingeführt. Alle absolvierten Prüfungen und Kurse wurden zwar in einer Art Dienstbüchlein vermerkt, die militärtechnischen Kurse jedoch fielen bereits 1947 aus dem Programm, der bewaffnete Vorunterricht – also Turnunterricht in Verbindung mit einer Schiessausbildung – schon 1934.

Die endgültige Entmilitarisierung der Sportförderung begann demnach bereits vor der Einführung von Jugend+Sport, das Programm wurde 1959 offiziell in turnerisch-sportlicher Vorunterricht umbenannt.

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Auch die Kursteilnehmenden hatten kaum das Gefühl, an einem grossen militärpolitischen Vorhaben mitzumachen. Historiker Jean-François Martin erinnert sich beispielsweise, wie er im Rahmen des Vorunterrichts an einem Skilager teilnehmen konnte: «Die Preise waren sehr niedrig und wir konnten dort Skier leihen. Ich und meine Familie fuhren nicht Ski, daher war das ein Glück. Am ersten Tag kam ein Oberst, der uns für die Vorbereitung für die Landesverteidigung dankte. Dann ging er wieder und wir fuhren Ski. Ich erinnere mich, dass die Leiter VU-Leiter waren, weil sie dadurch einen Zuschuss bekamen. Ich hatte nie den Eindruck, dass ich militarisiert wurde, obwohl ich ein sehr militärisches Dienstbüchlein hatte.» Der zivile Anspruch war trotz militärischem Rahmen eindeutig gesetzt.

Werbung für den turnerisch-sportlichen Vorunterricht. Plakat von Peter von Arx, 1966.
Werbung für den turnerisch-sportlichen Vorunterricht. Plakat von Peter von Arx, 1966.Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Was bewirkte ab etwa Mitte der 1960er-Jahre nun die endgültige Entmilitarisierung der Sportförderung, die 1972 zur Etablierung von Jugend+Sport führte? Grundsätzlich hatten zivile Ansprüche an den Sport in diesen relativen Friedenszeiten einen einfachen Stand, gerade weil sie mit dem sozioökonomischen Wandel nach dem Zweiten Weltkrieg einhergingen: Die moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft bot zwar mehr Gelegenheiten für sportliche Betätigungen, gleichzeitig war sie im Vergleich zur früheren Agrargesellschaft bewegungsarmer. Gesundheitliche Gründe werden bis heute als Hauptgrund für das Sporttreiben angegeben.

Der gesellschaftliche Aufbruch der späten 1960er-Jahre trug auch dazu bei, dass die Sportförderung für Mädchen und Frauen endlich systematisch angegangen wurde. Und schliesslich ist die Förderung des Breitensports auch immer die Basis für den prestigeträchtigen Spitzensport, der das Land auf der internationalen Bühne vertreten soll. Die medaillenlosen Spiele von Innsbruck 1964 waren in der Schweiz ein starker Impuls dafür.

Ein bisschen Militär steckt also doch noch im Sport: als Ersatzkrieg auf Sportplätzen und in Wettkampfhallen.

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Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal zur Schweizer Sportgeschichte, entstanden. Die Plattform bietet schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit. Weitere Informationen finden Sie unter sportshistory.ch.
>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Jugend und Sport: Schwitzen fürs Vaterland?» erschien am 25. Juni und wurde am 27. Juni aktualisiert.
blog.nationalmuseum.ch/2024/06/jugend-und-sport
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