Womöglich gibt es doppelt so viele Wirbeltierarten wie bisher gedacht
Kein Mensch weiss, wie viele Arten die Erde bevölkern. Schätzungen reichen von Millionen bis zu Billionen. Eine 2011 in PLOS Biology veröffentlichte Studie, die mit der Zeit zur «Standardschätzung» avancierte, kam auf die Anzahl von 8,75 Millionen – wobei 80 Prozent dieser Arten hypothetisch sind. Doch taxonomische Methoden wie DNA-Barcoding haben diese Zahl immer weniger plausibel erscheinen lassen. Nur schon Pilze könnten mehr als 6 Millionen Arten zählen, Insekten um die 20 Millionen. Mikroorganismen wie Bakterien? Womöglich Billionen.
Kryptospezies
Nun legt eine neue Studie, die in den Proceedings of the Royal Society B erschienen ist, den Schluss nahe, dass die Zahl der unentdeckten Wirbeltierarten viel grösser ist als bisher angenommen. Wirbeltiere (Vertebrata) sind jene Tiere, die wir eigentlich am besten kennen: Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere. Der Evolutionsbiologe John Wiens, der an der Studie beteiligt war, sagt in einer Mitteilung der University of Arizona: «Jede Art, die Sie und ich sehen und als eigenständig erkennen können, verbirgt möglicherweise im Durchschnitt zwei verschiedene Arten.» Mit anderen Worten: Möglicherweise gibt es doppelt so viele Wirbeltierarten wie bisher angenommen.
Kryptospezies sind Arten, die fast gleich aussehen, sich indes genetisch deutlich unterscheiden. Traditionell werden Tierarten häufig anhand äusserer Merkmale unterschieden, beispielsweise unterschiedliche Farbmuster, Schuppen oder Schnäbel. Kryptische Arten ähneln anderen Arten jedoch so stark, dass sie von blossem Auge kaum zu unterscheiden sind; erst ein Vergleich der DNA zeigt, dass es sich um verschiedene Arten handelt.
In den letzten Jahren ist die Durchführung einer DNA-Untersuchung immer günstiger und schneller geworden. Daher greifen Biologen bei Untersuchungen einer Tierart immer häufiger darauf zurück. Der Anstieg der DNA-Untersuchungen hat aber auch zu einem Nebeneffekt geführt: Es werden häufiger kryptische Arten entdeckt.
Metastudie mit 373 Studien
Der Doktorand Yinpeng Zhang bemerkte dies, als er sich für eine neue Studie einlas. Um herauszufinden, wie oft dies vorkommt, sammelten Zhang und ein Forschungsteam von der University of Arizona die Ergebnisse von 373 Studien aus aller Welt. Das Ergebnis der Auswertung – dass Wirbeltierarten im Durchschnitt oft aus zwei Kryptospezies bestehen – zeigte sich bei sehr unterschiedlichen Gruppen von Wirbeltieren ungefähr gleich. Wiens stellt fest: «Bei Fischen, Vögeln, Säugetieren, Reptilien und Amphibien sahen wir immer das gleiche Bild.»
Ein konkretes Beispiel für eine solche kryptische Art ist die Berg-Königsnatter, auch bekannt als Lampropeltis pyromelana. Jahrelang dachten Biologen, dass alle Populationen in Arizona zur selben Art gehörten, da sie fast identisch aussehen. Erst nach einer DNA-Untersuchung wurde klar, dass sich die nördlichen und südlichen Populationen genetisch stark unterscheiden. Die südlichen Tiere wurden daher als eigene Art anerkannt: Lampropeltis knoblochi. «Wenn man diese beiden Königsnattern nebeneinanderlegt, sehen sie fast identisch aus», erklärt Zhang. «Aber die DNA zeigt, dass es sich um zwei separate, kryptische Arten handelt.»
«Wir können eine Art nicht schützen, wenn wir nicht wissen, dass sie existiert»
Die Ergebnisse sind wichtig, da Naturschutz in der Praxis oft auf Artenebene erfolgt. Wenn eine Art in zwei oder mehr Arten aufgeteilt wird, hat jede Art möglicherweise ein kleineres Verbreitungsgebiet. Wiens warnt: «Wir sehen oft, dass Arten mit einem kleineren Verbreitungsgebiet ein höheres Risiko haben, auszusterben.»
Hinzu kommt noch etwas: Viele kryptische Arten wurden zwar bereits entdeckt, aber noch nicht offiziell benannt. «Es gibt Hunderte von Studien, die alle ‹zufällig› eine kryptische Art gefunden haben», sagt Wiens. «Wir sehen jedoch auch, dass nur sehr wenige Forscher einer solchen kryptischen Art anschliessend einen Namen geben.»
Ohne offiziellen Namen kann der Schutz der Art schwieriger werden, da sich Gesetze und Managementpläne oft auf anerkannte Arten beziehen. Wiens sagt daher: «Wir können eine Art nicht schützen, wenn wir nicht wissen, dass sie existiert.» Darüber hinaus gibt es möglicherweise noch ein weiteres Problem: Da Tiere nicht offiziell benannt sind, kann es vorkommen, dass Tiere verschiedener Arten bei Zuchtprogrammen oder Wiederansiedlungen unbeabsichtigt vermischt werden. (dhr)
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