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Rivella – wie ein Jurist das schweizerischste aller Getränke erfand

In den 1950er-Jahren fanden zahlreiche Rivella-Degustationen statt.
In den 1950er-Jahren fanden zahlreiche Rivella-Degustationen statt.Bild: (zVg)

Rivella – wie aus einem «Abfallprodukt» das schweizerischste aller Getränke entstand

Rivella ist das heimliche Nationalgetränk von Herr und Frau Schweizer. Erfunden wurde es von einem Juristen, bestehen tut es aus einem «Abfallprodukt». Die Geschichte einer besonderen Flüssigkeitsmischung.
26.12.2018, 16:5427.12.2018, 08:56
Gabriel Heim / Schweizerisches Nationalmuseum

Begonnen hat alles 1951 in einem Badezimmer im Städtchen Rapperswil am Zürichsee. Ein junger Jurist namens Robert Barth übt sich als Zauberlehrling. Doch anders als in Goethes gleichnamigem Gedicht versucht er sich in seinem Selbstversuch nicht an einem Besen, sondern an einer Mixtur aus Mineralwasser, Kräuteraromen sowie dem aus Molke gewonnenen Milchserum. Dabei mag auch dieser Zauberlehrling immer wieder geklagt haben: 

«Nass und nässer wird's im Saal und auf den Stufen. Welch' entsetzliches Gewässer!»

Doch auch Robert Barth wird die Geister, die er rief, nicht los. Die Möglichkeit, aus der schon immer überflüssigen Molke – auch Schotte oder Sirte genannt – ein aromatisches Erfrischungsgetränk zu entwickeln, treibt ihn an. Er besorgt sich ein bescheidenes Startkapital und geht auf die Suche nach einem Spezialisten, den er im ETH-Milchbiologen Hans Süsli findet. Schon bald darauf hat der die technischen Grundlagen zur Produktion erarbeitet und Barth stürzt sich mit unternehmerischem Elan in ein Abenteuer, an dessen Ende ein schweizerisches Nationalgetränk stehen wird. 

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Rivella – Molke machts möglich» erschien am 19. Dezember 2018.
blog.nationalmuseum.ch/2018/12/rivella-das-sonderbare-schweizer-getraenk

1952 findet Barth in einer ehemaligen Weinhandlung in Stäfa (ZH) den geeigneten Ort für seinen ersten Produktionsbetrieb, den er «Milkin-Institut» nennt. Dann sucht er im ganzen Land nach gebrauchten Produktionsmaschinen, die er gemeinsam mit Freunden zu einem Herstellungsbetrieb «verschraubt». Fehlt noch das Markenzeichen, der Name, mit dem der neuartige Durstlöscher seinen Siegeszug antreten soll.

Die Firmenlegende führt den Ursprung des damaligen «brain stormings» auf den Ortsnamen des Tessiner Dörfchens Riva San Vitale zurück, woraus sich dann «Rivelazione» (Offenbarung) abgeleitet haben soll. Doch «Fräulein, ein ‹Rivelazione›, bitte!» hört sich noch nicht nach einer flotten Bestellung an. Also wird das Wort zu «Rivella» halbiert, was seit über 65 Jahren auf allen Flaschen und Dosen des «alkoholfreien, diätetischen Tafelgetränks» prangt. 

Rivella ist seit über 40 Jahren Sponsor der Schweizer Skinationalmannschaft. Legendär ist der TV-Spot von 1977, in dem die Skinati das Rivella-Lied singt. Video: YouTube/rivella
Trotz zahlreicher Bemühungen konnte Rivella im Ausland nie Fuss fassen. Nur in den Niederlanden setzte sich das Schweizer Getränk durch.Video: YouTube/rivella

Enge Zusammenarbeit mit der Milchindustrie

Schnell erkennen die Milchgenossenschaften, dass das neuartige Milchserumgetränk das Entsorgungsproblem der aus der Milchverarbeitung als Nebenprodukt anfallenden Molke «elegant» lösen könnte. Es entsteht eine enge Zusammenarbeit und 1953 errichtet Robert Barth in unmittelbarer Nachbarschaft zum Nordostschweizer Milchverband in Uster (ZH) einen Betrieb zur Herstellung von Milchserumkonzentrat, dem die frische Molke aus der Milchverarbeitung direkt zugeleitet wird. 

Eine Rivella-Werbung von 1956.
Eine Rivella-Werbung von 1956.Bild: (zVg)

Der neue Durstlöscher stösst auf Wohlwollen. «Die leichte Säure legt sich angenehm auf die Zunge und im Trinken fühlt man sich erfrischt», befindet die «Neue Zürcher Zeitung». Es gibt aber auch erbitterten Widerstand von den angestammten Platzhaltern. Der Verband der Schweizer Mineralquellen droht Wirten und Ladeninhabern mit einer Liefersperre ihres Sortiments von Mineralwassern und Süssgetränken wie «Elmer Citro», «Pepita» oder «Vivi Cola», sollten sie den neuen Konkurrenten bei sich anbieten.

Auch das Eidgenössische Turnfest im Sommer 1955 dekretiert ein Ausschank-Verbot für «Rivella». Robert Barth lässt sich nicht einschüchtern. Er nutzt die Boykott-Drohungen zu einer Werbekampagne gegen die mächtigen Verbandsmonopole und erntet damit die Sympathie der Öffentlichkeit. Der Aufstieg seiner Marke ist von da an nicht mehr aufzuhalten. 

History

Die Hoffnungen von Robert Barth und seiner «Rivellianer», aus dem nun mittlerweile typisch schweizerischen Durstlöscher eine international erfolgreiche Marke zu entwickeln, erfüllten sich jedoch nicht. «The new delicious drink from Switzerland» findet kaum Freunde in der Fremde. «Rivella» wandert nicht aus.

Vielleicht ist es dieser Heimatverbundenheit zuzuschreiben, dass die rot-blaue Marke seit über einem halben Jahrhundert so sehr mit der Schweiz identifiziert wird, wie die Kühe mit Milch und … Molke. 

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