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Weltbevölkerung: Der Peak kommt früher und ist weniger hoch als erwartet

Frauen in Gambia
Die Länder mit hoher Geburtenrate treiben das Bevölkerungswachstum noch an. Auch dort wird sie aber mittelfristig sinken – der Schlüssel dazu ist die Bildung der Frauen. Bild: Shutterstock

Das Wachstum der Weltbevölkerung stoppt früher als erwartet – dank der Frauen

31.03.2023, 19:13
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In den letzten 100 Jahren ist die Weltbevölkerung förmlich explodiert. Noch Mitte der Zwanzigerjahre gab es nur etwa zwei Millarden Menschen. 1974 waren es vier Milliarden, also doppelt so viele in nur gerade rund 50 Jahren. Und heute, wiederum knapp 50 Jahre später, hat sich die Zahl der Menschen auf der Erde erneut verdoppelt – Mitte November hat die Weltbevölkerung nach Berechnungen der UNO die 8-Milliarden-Marke geknackt.

Allerdings hat sich das Bevölkerungswachstum seit den Sechzigerjahren deutlich verlangsamt. Seit 2020 liegt die Steigerung unter einem Prozent; die Weltbevölkerung wächst so langsam wie seit 1950 nicht mehr. Aber der Höhepunkt ist noch nicht erreicht – nach wie vor wachsen wir weiter: Nach der mittleren Hochrechnung der UNO vom Sommer 2022 werden sich im Jahr 2050 rund 9,7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten tummeln und 10,4 Milliarden Mitte der 2080er-Jahre. Nach diesem Peak sollte die Weltbevölkerung allmählich wieder schrumpfen.

Diesem Szenario, das bereits wesentlich optimistischer ist als frühere Prognosen, stellen Wissenschaftler der mit dem «Club of Rome» verbundenen Initiative Earth4All in ihrem Arbeitspapier «People and Planet» neue Zahlen entgegen. In beiden Szenarien, die sie entwerfen, liegt der Peak der Weltbevölkerung niedriger und erfolgt früher als in der UNO-Prognose.

Earth4All
Earth4All ist eine weltweite Initiative, an der zahlreiche internationale Wissenschaftler beteiligt sind. Sie steht unter der Federführung des Club of Rome, der Norwegian Business School und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und baut auf dem Erbe der Studien «Die Grenzen des Wachstums» und «Planetarische Grenzen» auf. Das Netzwerk von führenden Wirtschaftsexperten, Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern, Aktivisten untersucht mögliche Auswege aus künftigen Krisen. Der Name «Earth4All» leitet sich vom Namen des Computermodells Earth4 ab, das verschiedene Zukunftsszenarien für die Erde berechnet.

Auch das Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (WIC) prognostiziert etwas niedrigere Zahlen als die UNO. In seinem optimistischen Szenario kommt es auf einen Peak von knapp 8,7 Milliarden im Jahr 2055; im wahrscheinlichsten Szenario (in der untenstehenden Grafik die rote Kurve) wird die Weltbevölkerung bis 2070 auf rund 9,8 Milliarden ansteigen und danach langfristig sinken.

Die Prognosen der Earth4All-Forscher sind noch optimistischer. So sehen sie in ihrem pessimistischen Szenario den Höhepunkt bereits im Jahr 2050 mit dannzumal 8,6 Milliarden Menschen. Danach soll die Weltbevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 7 Milliarden zurückgehen – so viel wie im Jahr 2011. Im optimistischen Szenario erfolgt der Peak sogar bereits um 2040 und liegt dann bei lediglich 8,5 Milliarden. Bis 2100 sollen es dann nur noch rund 6 Milliarden sein. Das entspricht der Bevölkerungszahl von 1999.

Comparing five population scenarios to 2100 (United Nations, Wittgenstein, Lancet, Earth4All – Too Little Too Late, Earth4All – Giant Leap).
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Fünf Bevölkerungsszenarien im Vergleich, darunter die UNO-Prognose (schwarz), die Wittgenstein-Prognose (rot) und die beiden Earth4All-Szenarien (blau und orange). Grafik: Earth4All

In pessimistischen Szenario («Too Little Too Late», dt. «Zu wenig, zu spät») von Earth4All entwickelt sich die Welt ökonomisch auf vergleichbare Weise wie in den letzten 50 Jahren. In diesem Fall entkommen viele der ärmsten Länder der extremen Armut – etwa so, wie es in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, der Fall war. Dort fielen 1990 noch 61 Prozent der Menschen unter die Armutsgrenze. 2016 waren es nur noch vier Prozent.

Earth4All-Prognose, Too Little Too Late
Haupttrends des Too-Little-Too-Late-Szenarios: Bevölkerung (gelb), soziale Spannungen (grün), Ungleichheit (rosa), beobachtete Erderwärmung (blau), Index des durchschnittlichen Wohlbefindens (grau), Bevölkerung mit Einkommen unter 15'000 $ pro Jahr (rot). Grafik: Earth4All

Das optimistischere Szenario («Giant Leap», dt. «Riesensprung») geht davon aus, dass weltweit markant höhere Investitionen in die Beseitigung von Armut getätigt werden – eine Entwicklung, die derzeit wenig wahrscheinlich erscheint.

Haupttrends des Earth4All-Szenarios Giant Leap
Haupttrends des Giant-Leap-Szenarios: Sämtliche Indizes sind hier im Vergleich zur vorherigen Grafik positiver. Grafik: Earth4All

Die Earth4All-Experten sind überzeugt, dass in anderen prominenten Bevölkerungsprognosen wie jener der UNO oder des WIC die Bedeutung einer raschen wirtschaftlichen Entwicklung oft unterschätzt werde. Wann die Weltbevölkerung ihren Peak erreiche und wie hoch dieser sein werde, hänge vornehmlich davon ab, wie sich jene Länder entwickeln, die derzeit sehr hohe Geburtenzahlen aufweisen und daher das Wachstum stark antreiben. Wenn sich die Lebensbedingungen dort verbesserten, sänken die Geburtenzahlen und damit schrumpfe die Bevölkerungszunahme.

Ein Schlüsselelement bildet dabei die Stellung der Frauen: «Wir wissen, dass eine rasche wirtschaftliche Entwicklung in Ländern mit niedrigem Einkommen enorme Auswirkungen auf die Fruchtbarkeitsziffern hat», stellt Per Espen Stoknes fest, Leiter des Earth4All-Projekts. «Die Fruchtbarkeitsziffern sinken, wenn Mädchen Zugang zu Bildung erhalten und Frauen wirtschaftlich gestärkt werden und Zugang zu einer besseren Gesundheitsversorgung haben.»

Sobald Frauen bestimmen können, wie viele Kinder sie haben möchten, nimmt die Zahl der Geburten ab. Eltern, die nicht in der Armutsfalle gefangen sind, bevorzugen überdies eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dies führt unweigerlich dazu, dass Schwangerschaften aufgeschoben werden – und auch dies lässt die Zahl der Geburten abnehmen.

Weltweit hat die Fruchtbarkeitsrate seit Mitte der Sechzigerjahre stetig abgenommen. Mittlerweile nähert sie sich der Marke von 2,1 Kindern pro Frau an. In entwickelten Gesellschaften mit guter medizinischer Versorgung ist dies der Selbsterhaltungswert, das heisst, die Bevölkerung schrumpft nicht ohne Abwanderung und wächst nicht ohne Zuwanderung.

Tatsächlich lässt sich in vielen afrikanischen und südasiatischen Ländern bereits ein Rückgang der Geburtenrate beobachten, wie der am Earth4All-Paper beteiligte Ökonom Beniamino Callegari erklärt. Eine deutlichere und schnellere Verbesserung der Lebensbedingungen könnte diesen Trend noch beschleunigen, wie das Giant-Leap-Szenario zeige.

Trotz dieser optimistischen Sicht auf die demografische Entwicklung warnt Callegari davor, die damit verbundenen Probleme zu unterschätzen. Immerhin wird die Weltbevölkerung in den nächsten zwei oder drei Jahrzehnten auch im optimistischsten Szenario noch um rund 500 Millionen Menschen zunehmen. Die Folgen sind absehbar: Weitere planetarische Grenzen werden überschritten – so wie viele bereits überschritten wurden, betont der Ökonom. Eine grosse, globale Anstrengung sei daher erforderlich, um sich nicht nur an die neuen natürlichen Bedingungen anzupassen, sondern sie auch wiederherzustellen. Callegari warnt: «Wir steuern immer noch auf einen kritischen Moment in der Geschichte der Menschheit zu.» (dhr)

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Die Bevölkerung dieser 10 Länder wuchs in den letzten 5 Jahren am meisten
Platz 10: Bangladesch wuchs in den letzten 5 Jahren um 1,9 Millionen Menschen.
quelle: epa/epa / abir abdullah
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Video: srf
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43 Kommentare
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Firefly
31.03.2023 19:45registriert April 2016
Ist doch gut. Alle die hier immer wegen der Überbevölkerung jammern... es tut sich was. Im gegensatzt zum immer grösser werdenden Konsum von jedem Einzelnen und vor allem jedem EInzelnen in entwickelten Ländern.
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Rethinking
01.04.2023 06:53registriert Oktober 2018
Das Problem ist ja, dass die Überbevölkerung nur darum sinkt, weil der Lebensstandard und damit der Ressourcenverbrauch steigt…

Es ist fraglich, ja unrealistisch, dass dies unseren Planeten rettet…
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