DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Strassenszene in Tokio. Mittlerweile leben über 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. 
Strassenszene in Tokio. Mittlerweile leben über 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Bild: Shutterstock

Wie viele Menschen erträgt die Erde?

10.05.2018, 15:2911.05.2018, 07:02

1965, als ich auf die Welt kam, war ich einer von rund 3,3 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Heute sind es bereits 7,6 Milliarden. Und bald werden es noch mehr sein: Die UNO rechnet für 2030 mit mindestens 8,4 Milliarden. 2100 werden es sogar zwischen 9,6 und 13,2 Milliarden sein, je nachdem, welches Szenario eintrifft.

Der derzeitige jährliche Zuwachs entspricht mit 83 Millionen ungefähr der gesamten Einwohnerschaft Deutschlands. Das Wachstum ist allerdings ungleich verteilt: Während Europa allmählich schrumpft, wächst Afrika stürmisch – von derzeit rund 1,3 Milliarden auf 4,5 Milliarden im Jahr 2100. Auch wenn sich das Wachstum verlangsamt, stellt sich doch die Frage: Wann sind wir zu viele für diese Erde?

Prognosen der UNO zum Wachstum der Weltbevölkerung. 
Prognosen der UNO zum Wachstum der Weltbevölkerung. Grafik: UNO

Furcht vor Überbevölkerung

Diese Frage hat die Menschheit schon früh umgetrieben, wie der Text «De Anima» von Tertullian (150-220) zeigt. Der Kirchenvater schrieb um 209 n.Chr.: 

«(...) überall sind Wohnungen, überall Bevölkerungen, überall Staaten, überall Leben. Wir sind der Erde eine Last, kaum reichen die Elemente für uns aus, die Bedürfnisse werden knapper und überall gibt's Klagen, da uns die Natur bereits nicht mehr erhalten will. Seuchen, Hunger, Kriege, Untergang von Städten sind schier für Heilmittel zu halten, für eine Art Beschneidung des überwuchernden menschlichen Geschlechtes.»

Damals lebten jedoch erst maximal 200 Millionen Menschen auf der Erde; weniger als heute allein in Pakistan. Tertullians Furcht vor Überbevölkerung erscheint vor diesem Hintergrund als arge Schwarzmalerei. 

Seuchen, Hunger und Kriege als Heilmittel gegen das Bevölkerungswachstum: Kirchenvater Tertullian. 
Seuchen, Hunger und Kriege als Heilmittel gegen das Bevölkerungswachstum: Kirchenvater Tertullian. Bild: PD

Dieser Pessimismus feierte im ausgehenden 18. Jahrhundert Urständ, als Thomas Robert Malthus (1766-1834) seinen wegweisenden «Essay on the Principle of Population» («Das Bevölkerungsgesetz») publizierte. Anders als Tertullian argumentierte der britische Pastor und Ökonom wissenschaftlich: Die Produktion von Nahrungsmitteln könne nicht mit der Bevölkerungszunahme Schritt halten, schrieb Malthus, denn während die Bevölkerung exponentiell wachse, nehme die landwirtschaftliche Produktion nur linear zu. Dieses Missverhältnis nannte er «Bevölkerungsfalle». 

Malthus sah hier einen naturgesetzlichen Zyklus am Werk: Die wachsende Bevölkerung verelendet und wird durch Seuchen und Hungersnöte wieder dezimiert – worauf der Zyklus von neuem beginnt. Der Pastor, der deshalb auch gegen die Unterstützung der Armen war, ging allerdings so weit, Hunger und Krankheit als wenn nicht willkommenes, so doch notwendiges Korrektiv zu bezeichnen:  

«Statt den Armen Hygiene zu empfehlen, sollten wir gegenteilige Gewohnheiten ermutigen. In unseren Städten sollten wir die Strassen schmaler machen, mehr Leute in den Häusern zusammendrängen und die Rückkehr der Pest begrüssen.» 

1798, als sein Bestseller erschien, lebten freilich erst rund 800 Millionen Menschen auf der Erde. Nie hätte sich Malthus vorstellen können, dass dereinst über 7 Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkern würden. 

Der britische Pastor Thomas Robert Malthus bekleidete den ersten Lehrstuhl für Ökonomie überhaupt. 
Der britische Pastor Thomas Robert Malthus bekleidete den ersten Lehrstuhl für Ökonomie überhaupt. Bild: PD

Der pessimistische, um nicht zu sagen misanthropische Ansatz des britischen Pastors betrachtet den Menschen letztlich als Problem – inwieweit sich dies seinem christlichen Hintergrund verdankt, wäre zu diskutieren. Seine Ideen dürften spätere ökologische Strömungen zumindest in Teilen beeinflusst haben. 

Bevölkerungsbombe und Grenzen des Wachstums

Starken Aufwind hatten neomalthusianische Vorstellungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, als sich die ökologischen Kehrseiten des Wachstums deutlicher zeigten. 1968 veröffentlichte der Biologe Paul Ralph Ehrlich seine alarmistische Polemik «Die Bevölkerungsbombe», in der er feststellte, dass die Tragfähigkeit des Planeten bereits überschritten sei.

Ehrlichs Bestseller stand Ende der 60er Jahre in fast allen Bücherregalen. 
Ehrlichs Bestseller stand Ende der 60er Jahre in fast allen Bücherregalen. Bild: Amazon

Ehrlich sagte ein Massensterben in den folgenden zwei Jahrzehnten voraus und orakelte unter anderem, Hunger und Klimaerwärmung würden die Bevölkerung der USA bis 1999 auf 22,5 Millionen schrumpfen lassen. Um das Wachstum der Bevölkerung in den Entwicklungsländern zu bremsen, befürwortete er eine repressive Geburtenkontrolle mittels Zwangssterilisationen. Als er dies schrieb, bevölkerten knapp 3,6 Milliarden Menschen die Erde – heute sind es mehr als doppelt so viele. 

1972 erschien dann der einflussreiche erste Bericht des Club of Rome («Die Grenzen des Wachstums»), in dem die Autoren warnten, das exponentielle Wachstum werde die verfügbaren natürlichen Ressourcen aufbrauchen – und zwar zu guten Teilen bis zur Jahrtausendwende. Namentlich der Treibstoff der modernen Wirtschaft, das Erdöl, sollte demnach nur noch für 20 Jahre sprudeln; danach seien die Quellen erschöpft. 

Der Club of Rome prognostizierte das Ende der Erdölvorräte noch vor der Jahrtausendwende.
Der Club of Rome prognostizierte das Ende der Erdölvorräte noch vor der Jahrtausendwende.Bild: EPA/MTI

In seiner zweiten Studie, «Menschheit am Scheideweg» (1974), prognostizierte der Club of Rome eine Milliarde Hungertote in Südasien. Zudem machte die Organisation eine Metapher populär, die wenig menschenfreundlich klingt: 

Die Erde hat Krebs, und der Krebs ist der Mensch. 

Wie viele Erden brauchen wir?

Die Fehlprognosen der Vergangenheit sind freilich keine Garantie für die Zukunft. Zwar hat die Menschheit insgesamt bisher jede Ressourcenknappheit gemeistert – sei es durch neue Methoden, sei es durch neue Technik. Doch es gab immer wieder einzelne Gesellschaften, denen ihr verfehlter Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen zum Verhängnis wurde. Der amerikanische Geograph Jared Diamond hat dies in seinem Werk «Kollaps» (2005) eindrücklich gezeigt. 

Heutige Warner weisen die Schuld überdies nicht mehr wie Ehrlich einseitig dem Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern zu. Der Fokus liegt mittlerweile auf dem Ressourcenverbrauch in den reichen Ländern: Stichwort «ökologischer Fussabdruck». Derzeit verbraucht ein Einwohner der USA so viel Ressourcen wie 13 Afghanen.

Afghanischer Junge ausserhalb von Kabul. Ein Amerikaner braucht so viele Ressourcen wie 13 Afghanen (Stand 2012). 
Afghanischer Junge ausserhalb von Kabul. Ein Amerikaner braucht so viele Ressourcen wie 13 Afghanen (Stand 2012). Bild: EPA/EPA

Die Umweltorganisation WWF weist in ihrem «Living Planet Report 2016» darauf hin, dass die Menschheit bereits vier planetare Sytemgrenzen überschritten habe. Schon 2012 brauchten die über 7 Milliarden Menschen die Ressourcen von 1,6 Erden auf. Bis 2030 werden es gemäss WWF bereits zwei Erden sein; 2050 sollen es sogar drei sein. 

Bild: Global Footprint Network

Das Bild ist allerdings nicht so düster, wie man meinen möchte. Die Weltbevölkerung wächst zwar nach wie vor, vor allem in Afrika, doch seit 1971 verlangsamt sich das Wachstum stetig. In Europa und besonders in Japan hat die Bevölkerung bereits zu schrumpfen begonnen. Und auch in Ländern wie Thailand, Algerien oder dem Iran liegen die Geburtenraten nicht mehr wesentlich höher als in Europa.

Die Weltbevölkerung wächst immer noch, doch die Wachstumsrate (rote Kurve) geht seit 1971 stetig zurück.
Die Weltbevölkerung wächst immer noch, doch die Wachstumsrate (rote Kurve) geht seit 1971 stetig zurück.Grafik: Max Roser

Der sogenannte demographische Übergang – die Angleichung von Sterbe- und Geburtsrate auf niedrigem Niveau (siehe Box unten) – wird vermutlich auch jene Entwicklungsländer wie Niger oder Afghanistan erfassen, die derzeit noch nahezu ungebremst wachsen. Dies liegt nicht zuletzt an kulturellen Faktoren: Steigt das Bildungsniveau und verbessert sich die gesellschaftliche Stellung der Frau, sinkt die Geburtenrate. 

Demographischer Übergang
Der Begriff des demographischen Übergangs
steht für die modellhafte Beschreibung des Übergangs
von hohen zu niedrigen Geburts- und Sterberaten und der daraus
resultierenden Veränderung des Bevölkerungswachstums. Zuerst wurde der
demographische Übergang in den westlichen Industrieländern beobachtet;
mittlerweile hat er auch Schwellenländer erfasst.


Das klassische Modell unterscheidet vier Phasen: In Phase I liegen Geburts- und Sterberate auf hohem Niveau nahe beieinander. Das Bevölkerungswachstum ist gering. In Phase II
sinkt die Sterberate, während die Geburtsrate hoch bleibt. Durch den
zunehmenden Geburtenüberschuss wächst die Bevölkerung stark. In Phase III sinkt auch die Geburtsrate, der Geburtenübeschuss nimmt ab. In Phase IV
liegen Geburts- und Sterberate wieder nahe beieinander, aber auf
niedrigem Niveau. Die Bevölkerung wächst kaum mehr.
Sinkt die
Geburtsrate unter die Sterberate, kommt es ohne Zuwanderung zu
Bevölkerungsrückgang.

Wie viel Menschen erträgt unser Planet also? Die Antwort lässt sich kaum in eine Zahl fassen. Im Jahr 1679 ging der niederländische Wissenschaftler und Erfinder Antoni van Leeuwenhoek davon aus, dass die Erde maximal 13,4 Milliarden Menschen tragen könne. Die Zahl liegt erstaunlich nahe bei der eingangs erwähnten aktuellen Maximal-Prognose der UNO von 13,2 Milliarden für das Jahr 2100. 

Der niederländische Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723). 
Der niederländische Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723). Bild: PD

Vermutlich könnten aber noch weitere Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Frage dürfte freilich nicht so sehr lauten, ob dies möglich ist – sondern eher, unter welchen Umständen. 

So gross wäre eine Stadt für die gesamte Weltbevölkerung

1 / 10
So gross wäre eine Stadt für die gesamte Weltbevölkerung
quelle: watson
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Ich achte auf die Umwelt – und werde dafür blöd angemacht!»

Video: watson/Ralph Steiner, Emily Engkent
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Darum müssen Geimpfte nicht in Quarantäne – Kantonsärztin und Taskforce ordnen ein
Quarantäne nur für Ungeimpfte – diese Regelung wird von einigen hinterfragt. Doch die Befreiung mache Sinn, sagt die Covid-Taskforce.

Die Situation dürfte immer mehr Eltern bekannt vorkommen: Der Sohn oder die Tochter wird in der Schule positiv auf das Coronavirus getestet und muss sofort in Quarantäne, ebenso die Geschwister. Denn das Virus kursiert mit Abstand am meisten unter Jugendlichen und Kindern. Wenn die Eltern geimpft sind, dürfen diese weiterhin zur Arbeit gehen, sich mit anderen treffen, trotz engem Kontakt mit ihrem infiziertem Kind.

Zur Story