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Schweizer Polizisten sagen mit Spezial-Software Verbrechen punktgenau voraus. Nachfragen sind unerwünscht 

In Zürich und Basel prognostiziert der Computer Einbrüche mit wissenschaftlicher Präzision. Und das ist erst der Anfang von Big Data bei der Polizei. Es stellen sich viele Fragen – die Verantwortlichen «mauern».

02.10.14, 12:18 11.08.16, 16:55

Es klingt nach Science Fiction: Polizisten sitzen vor dem Computer und können genau voraussagen, wo im Laufe des Tages Verbrechen passieren werden – so wie Meteorologen prognostizieren, in welchen Orten es regnen wird. Tatsächlich ist das längst Alltag in einem Schweizer Kanton. 

Die Süddeutsche Zeitung berichtete kürzlich über eine Polizei-Software, die Verbrechen voraussagt. Das Landeskriminalamt München testet sie zurzeit in einem Pilotprojekt. Während die bayerischen Beamten noch am Ausprobieren sind, ist die Software bei der Stadtpolizei Zürich bereits im Einsatz. 

Damit ist die Limmatstadt Pionierin. Die Ordnungshüter nutzen seit Juni offiziell die Verbrechens-Prognosen, die vom Computer berechnet werden. Vorher fand ein sechsmonatiger Testbetrieb statt. Die Polizei Basel-Landschaft setzt die gleiche Software «seit einigen Wochen» täglich ein. 

Basel schweigt, Zürich informiert «exklusiv»

Was ist das für eine Software, die Verbrechen zuverlässig prognostiziert? Gerne hätte watson die Verantwortlichen bei der Stadtpolizei Zürich und der Polizei Basel-Landschaft zu Wort kommen lassen. Und zwar ausführlich. Immerhin stellen sich in Zusammenhang mit der neuen Technik viele Fragen. Welche Informationen werden wo verarbeitet? Wie steht es um den Datenschutz? Was kostet das Ganze?

Sowohl die Zürcher als auch die Basler verweigern jedoch brauchbare Stellungnahmen und beantworten den eingereichten Fragenkatalog nicht. Und es wird noch skurriler: Die Stadtpolizei Zürich sagt vorläufig überhaupt nichts, weil das Schweizer Fernsehen in einer Spezialsendung «exklusiv» über das Thema berichten werde. Hingegen erklärt der Mediensprecher der Polizei Basel-Landschaft per E-Mail, dass man «aus polizeitaktischen Gründen ganz bewusst» auf die Bekanntgabe näherer Details verzichte.

Transparenz schaffen!

Eines aber dürfte unbestritten sein: Die Bevölkerung hat das Recht, umfassend und durch verschiedene, unabhängige Berichterstatter und Medien informiert zu werden. 

Immerhin geht es um neue Technologien, die den Alltag aller Einwohnerinnen und Einwohner betreffen. Der Haupteffekt, die Senkung der Kriminalität, ist sicher positiv zu sehen. Aber was ist mit den Nebenwirkungen? Und wer kontrolliert die Kontrollierenden?

In einem kritischen Kommentar der Piratenpartei des Bundeslandes Bayern hiess es zu Predictive Policing: «Trotz aller Verlockungen, die solche Vorhersage-Systeme bieten, sollte dem Einsatz ein öffentlicher Diskurs vorangehen, der sicherstellt, dass diese Verfahren nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit eingeführt werden, denn wenn die Büchse der Pandora einmal geöffnet ist…»

Der Forderung nach Transparenz ist zuzustimmen. Und während die von Steuergeldern bezahlten staatlichen Stellen schweigen oder nur selektiv informieren, hat der «Vater» der Precobs-Software gegenüber watson bereitwillig Auskunft gegeben. Im Interview nimmt Dr. Thomas Schweer (fast) kein Blatt vor den Mund und sagt der «vorhersagenden Polizeiarbeit» eine grosse Zukunft voraus. 

Kein Geheimnis

Dass Zürich und Basel die Prognose-Software Precobs einsetzen, ist übrigens kein Geheimnis. Im März dieses Jahres gab es erste vereinzelte Medienberichte zum Pilotprojekt der Stadtpolizei, in den Sommermonaten berichteten dann deutsche Medien über die in mehreren Bundesländern startenden Versuche. Allgemein zugängliche Informationen finden sich auch auf der Website der deutschen Entwicklerfirma, dem Institut für musterbasierte Prognosetechnik in Oberhausen.

Noch unbeantwortet ist eine parlamentarische Anfrage des Stadtzürcher Politikers Walter Angst (Alternative Liste) zum Einsatz von Precobs bei der Stadtpolizei Zürich (PDF-Dokument).

Anzumerken ist auch noch, dass die Bundespolizei (Fedpol) laut eigenen Angaben keine vergleichbaren Software-Tools zur Terrorbekämpfung einsetzt. Und weder bei der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) noch der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) sind Precobs und die vorhersagende Polizeiarbeit offiziell auf dem Radar.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • Gelöschter Benutzer 06.10.2014 09:32
    Highlight Die Kommunikationssperre ist eine Frechheit gegenüber dem Souverän und Steuerzahler. 99% der Bevölkerung sind nicht kriminell und zahlen die Beamten und die Software. Wir haben ein Recht darauf zu wissen, was unsere selbstgewählte Regierung und die von ihr angestellten Beamten tun und was nicht.
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    • 7immi 06.10.2014 13:53
      Highlight Nun, die idee von unseren sicherheitsorganen ist nun mal, dass einige details verborgen bleiben. So ists zb auch beim militär. Bei der schweinegrippe zb stellten sie medikamente her. Niemand weiss, wo genau. Dies ist ein gewisser schutz für die infrastruktur der armee, das backup der schweiz! Genauso sieht es bei der polizei aus. Der bürger darf nicht alles wissen. Mich würden andere sachen weit mehr interessieren als die arbeit der polizei, welche einen schwierigen job tag für tag meistern!
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  • CG aus G :-) 02.10.2014 14:26
    Highlight Wenn es die Arbeit erleichtert und die Strafverfolgung effizienter macht, dann ist es eine gute Sache.
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  • Zeit_Genosse 02.10.2014 14:18
    Highlight Big Data und Algorythmen bestimmen zunehmend die Handlungsweisen. Die Diagnose beim Arzt (?), die Entwicklung des Wissens (Google), die Entwicklung von Seuchen (?), Kriegen (?), usw. Ist menschliches (biologisches) Verhalten vorhersehbar. Sind Muster im bisherigen Verhalten so, dass man zukünftiges Handeln errechnen und schliessen kann? Ja? Warum gelingt es beim Wetter, Staumeldungen, Sportwetten, Terrorvorhersage und der Finanzindustrie nicht? Zu viele Parameter? Das heisst, es braucht für eine Anti-Verbrecher-Software weniger Parameter (=ungenauer). Für Einbrecher reicht es anscheinend.
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    • smoe 02.10.2014 20:40
      Highlight Sowohl zu viele als auch zu wenige Parameter können das Resultat verfälschen. Die Schwierigkeit besteht darin, unter Einbezug etlichen Themenfeldern solche zu finden, die für die gewünschte Prognose relevant sind. Durch Tausende Jahre Medizingeschichte wissen wir bereits recht gut, welche das in dem Bereich sein könnten (Alter, Geschlecht, Aufenthaltsorte, …) Ausserdem gibt es bei Krankheitsbildern eher wenig Wechselwirkungen zwischen Patienten, die Muster sind ähnlich. Bei Staus etc haben wir es aber mit Schwärmen von Individuen zu tun, deren kleinste Aktion eine Kettenreaktion auslösen kann.
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    • smoe 02.10.2014 22:07
      Highlight Oder um zwei Beispiele zu nennen:

      1. Im Raum Luzern hat ein Ex-Feuerwehrmann über Jahre hinweg Brände gelegt und sie geschickt als technische Defekte getarnt. Hier hätte die Software evtl. Muster erkannt, die der Polizei entgangen sind, da er immer gleich und aus denselben Motiven vorging.

      2. Hier in Medellin gab es innerhalb eines Monats drei Handgranatenanschläge ob Gebietsstreitigkeiten zweier Gangs. Die Software hätte wohl erkannt, dass wegen des Eindringens einer anderen Gang in das Viertel Konflikte imminent sind. Aber wo und wann der nächste Vergeltungsschlag stattfinden wird, lässt sich aufgrund der intransparenten Dynamik innerhalb und zwischen den Gruppen wohl kaum je rein statistisch voraussagen
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  • Der Tom 02.10.2014 13:26
    Highlight Da hab ich mal eine Doku darüber gesehen. Mit Tom Cruise in der Hauptrolle.
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  • nimmersatt 02.10.2014 13:24
    Highlight Hervorragende Themenwahl!
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