Sport

Unsere Gold-Boys: Mario Gyr, Simon Schürch, Simon Niepmann, and Lucas Tramèr (v.l.). Bild: KEYSTONE

Gold geplant, Gold gewollt, Gold geholt – und der Seitenhieb an die Fussball-Nati

Ein «Masterplan» für goldenen Ruhm. Das Ruder-Gold ist die Blaupause für künftige olympische Abenteuer. Und die Schweizer Fussballer sollten von den Gold-Helden lernen.

12.08.16, 08:27 12.08.16, 13:44

klaus zaugg, rio de janeiro

So ein Tag, so wunderschön wie heute, So ein Tag, der dürfte nie vergehn. So ein Tag, auf den man sich so freute, Und wer weiss, wann wir uns wiedersehn.

Ein Bild für Götter. Palmen. Sonne. Ein kühler Wind streicht sanft über die Wasser der Lagune, die nach dem portugiesischen Kavallerie-Offizier Rodrigo de Freitas benannt ist. Ein Panorama für eine Hochzeitsreise. Ein Tag, viel zu schön, um verlieren zu können.

Was für ein Panorama: die Lagoa Rodrigo de Freitas. Bild: DIEGO AZUBEL/EPA/KEYSTONE

Die weltberühmte Christus-Statue oben auf dem Berg des Buckligen kehrt der wunderschönen Naturarena halb den Rücken zu. Der Pessimist bangt, sie habe sich abgewandt von den «Gringos» aus der Schweiz und interessiere sich nicht für unser olympisches Schicksal. Der Optimist geht davon aus, dass sie Unheil von unserer Galeere des Ruhmes fernhalten wird.

Die olympischen Optimisten behalten recht. Lucas Tramèr (26), Simon Schürch (25), Simon Niepmann (31) und Mario Gyr (31) rudern zu höchsten olympischen Ehren.

Sie tun es im Stile einer perfekt getunten Maschine. Mit der Präzision und Regelmässigkeit eines handgefertigten mechanischen Uhrwerkes greifen die Ruder ins Wasser. Zug um Zug. Eine sportliche Machtdemonstration. Eine geballte Ladung aus Dynamik, Präzision, Kraft, Wille und Technik.

Vier mit natürlichem Testosteron geladene, bis in die Haarspitzen motivierte Männer entladen in knapp sechs Minuten ihre ganze Energie.

Der Schweizer Gold-Vierer. Bild: Andre Penner/AP/KEYSTONE

Anfänglich lagen die Dänen noch vorne. Es ist der verzweifelte Fluchtversuch der Chancenlosen. Spätestens nach halber Distanz ist klar, dass unser famoses Quartett siegen wird.

So ein Tag, so wunderschön wie heute, So ein Tag, der dürfte nie vergehn.

Dieser goldene Triumph ist der perfekte Sieg

Es gibt glückliche, verdiente, unverdiente, zufällige, kuriose, unerwartete oder dramatische Siege. Dieser goldene Triumph ist der perfekte Sieg. Gold geplant, Gold gewollt, Gold geholt. So geradlinig, wahr und klar ist der Auftritt der vier Eidgenossen.

«Mal bist du oben, mal unten. Wichtig ist, im richtigen Augenblick oben zu sein.»

Mario Gyr.

Alles hat gepasst. Ein verhaltener Beginn des olympischen Abenteuers mit einem 3. Platz im Vorlauf. Dann eine Machtdemonstration mit Bestzeit im Halbfinale, die allen Gegner den Mut raubte, und nun die unwiderstehliche Finalfahrt auf den höchsten olympischen Gipfel.

Hier geht es tatsächlich um Ruhm, um Ehre, um Emotionen. Und nicht um Geld wie sonst (fast) allerorten im Sportbusiness des 21. Jahrhunderts. Dieses Boot ist eine goldene Galeere des Ruhmes. Nicht die Aussicht auf Reichtum hat die vier angetrieben. Es ist die pure Leidenschaft für den Sport. Für die Erfüllung des olympischen Traumes haben sie jahrelange Mühsal und den Verzicht auf so viele weltliche Zerstreuungen und Genüsse in Kauf genommen.

Die vier Jungs haben dieser Medaille alles untergeordnet. Bild: KEYSTONE

Geld ist egal: «Es geht um die Emotionen»

Simon Schürch studiert Volkswirtschaft. Er kennt also die Farbe des Goldes und des Geldes und wird nach dem Rennen gefragt, ob er als angehender Ökonom sagen könne, wieviel Geld dieses olympische Gold nun bringe.

Umfrage

Hätte die Schweizer Fussball-Nati wirklich mit besserer Einstellung schon mehrere grosse Halbfinals erreicht?

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636 Votes zu: Hätte die Schweizer Fussball-Nati wirklich mit besserer Einstellung schon mehrere grosse Halbfinals erreicht?

  • 34%Ja, es liegt nur da ran.
  • 24%Nun, zumindest einer.
  • 9%Nein, die Konkurrenz ist im Fussball viel zu gross.
  • 33%Wir sollten das nicht vergleichen. Freuen wir uns einfach über die Gold-Boys.

Die Frage überrascht ihn. Er schaut seine Medaille an, dann den Fragenden und sagt, Geld sei noch nie ein Thema gewesen. Er wisse nicht einmal, wie hoch die offizielle Prämie sei. «Es geht um die Emotionen, um das Erleben dieses Augenblickes.»

Simon Schürch: Der emotionale Wert der Medaille ist unbezahlbar. Bild: KEYSTONE

Alle konnten dank ihren Geldgebern, den Zuwendungen ihres Fachverbandes und von Swiss Olympic das Studium unterbrechen und sich wie Profis auf Rio vorbereiten. «Wir konnten gut leben» sagt Simon Schürch. Er scheint gar nicht daran gedacht zu haben, dass es mehr als nur zum Leben reichen könnte.

Nun ist die Zeit auf der «Galeere des Ruhmes» abgelaufen. Die «Fab Four» werden nach der Schlussfeier in die Schweiz heimfliegen und Mitte September an die Uni zurückkehren. Lucas Tramèr studiert Medizin, Simon Schürch Volkswirtschaft, Simon Niepmann Sport und Mario Gyr Jura. Eine goldene Studentenverbindung.

Wie weiter mit dem Gold-Quartett?

Sie könnten vom Alter her 2020 in Tokio noch einmal antreten. Aber vielleicht haben wir gestern ihren letzten Auftritt gesehen. Es kann sein, dass die gemeinsame Karriere mit diesem grandiosen sportlichen Feuerwerk zu Ende gegangen ist und nun verglüht. Festlegen will sich keiner. Mario Gyr sagt es so: «Jetzt werden wir erst einmal feiern. Wir haben nicht über diesen Tag hinaus geplant.»

… Und wer weiss, wann wir uns wiedersehn.

Der Schluss ist, als sei es ein Hollywood Film. Die internationale Medienkonferenz nach dem Wettstreit wird in einem alten, ausgedienten Kinosaal gleich neben dem Wettkampfgelände abgehalten.

Bild: Luca Bruno/AP/KEYSTONE

Die Chronistinnen und Chronisten sitzen in weichgepolsterten Kinosesseln. Vorne, dort wo die Leinwand war, sitzen die Helden des Tages und stehen Red und Antwort. Sie haben eine Geschichte geschrieben, die besser ist als ein Kinofilm.

Vor vier Jahren, nach der Enttäuschung von London («nur» Platz 5), hatten sich die vier jungen Männer vorübergehend getrennt. Vor zwei Jahren haben sich wiedergefunden. Mario Gyr sagt, Rudern sei wie das richtige Leben eine Fahrt auf der Achterbahn. «Mal bist du oben, mal unten. Wichtig ist, im richtigen Augenblick oben zu sein.»

So wie gestern.

Würde doch nur die Fussball-Nati mal so spielen

Der goldene Masterplan ist aufgegangen, weil vier intelligente junge Männer die richtige Einstellung gefunden haben. Ein Selbstvertrauen, wie wir es sonst nur von amerikanischen Athleten kennen.

Aber keine Arroganz. Vielmehr eine Bescheidenheit, wie sie für uns Schweizer typisch ist, und eine Leidenschaft, die im Sport immer stärker ist als Geld. Geld und Geist, der helvetische Klassiker.

Hätte die Schweiz wirklich schon mehrmals Halbfinals an grossen Turnieren erreicht? Bild: KEYSTONE

Ich weiss, es ist sportpolitisch nicht korrekt und ich sollte es nicht sagen. Aber wenn unsere Fussballstars einmal mit der gleichen Einstellung wie diese vier Ruderstudenten in ein Titelturnier steigen würden, dann hätten wir schon mehrmals mindestens das WM-Halbfinale erreicht.

Habe fertig, entschuldige mich.

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  • greeZH 12.08.2016 11:03
    Highlight Man vergleiche den "Talentpool" zwischen den Sportarten. Ein Witzvergleich.
    28 10 Melden
  • roadtoglory 12.08.2016 10:57
    Highlight Das ist leider die typische Mentalität uns doofen Schweizer.

    Man fährt an eine EM/WM mit dem Ziel Achtelfinal??

    Kann man ja gerade zu Hause bleiben. Als Spieler will man gewinnen. Jeder träumt von dem Weltmeistertitel...

    An so ein Turnier fährt man nur mit dem Ziel zu GEWINNEN.

    Wäre diese Einstellungen in den Köpfen der Spieler, des Staffs... Wer weiss wie das schon geendet hätte.
    22 6 Melden
    • AJACIED 12.08.2016 11:48
      Highlight Amen
      5 5 Melden
    • greeZH 12.08.2016 12:32
      Highlight Ähm...vor der EM08 wurde ständig vom Europameistertitel gesprochen. Ein Ziel auszusprechen welches man realistischerweise nicht erreichen kann erhöht nicht die Leistung.
      19 2 Melden
  • Bruno Wüthrich 12.08.2016 10:18
    Highlight Die kleine Schweiz? Das WM-Halbfinale? Gleich mehrmals? Ist das nicht etwas hoch gegriffen? Ich bin geneigt zu sagen: viel zu hoch gegriffen.

    Ist es Einstellungssache, wenn einem der Leader beim Penaltyschiessen die Nerven versagen? Ist es nur eine Frage der Einstellung, wenn die Spieler des Gegners bei ähnlicher Einstellung mehr Talent, Spielpraxis und Erfahrung haben?

    Ach, wenn es nur die Gegner nicht gäbe. Die Schweiz wäre immer und überall Weltmeister und Olympiasieger.

    Doch unser Leichtgewichtsvierer hatte Gegner. Starke sogar. Dieser Olympiasieg ist schlicht grossartig! Voll geil!

    32 6 Melden
    • ch2mesro 12.08.2016 19:40
      Highlight hätte die einstellung gestimmt, wäre es gar nicht zum penaltyschiessen gekommen.
      7 0 Melden

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