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Diekmann, der Freischwimmer – Europas mächtigster Medienmann tritt ab

Gefeiert, gefürchtet und gehasst: Kai Diekmann war 15 Jahre der Chef der «Bild». Mal wurde sein Auto abgefackelt, mal hat er einen Bundespräsidenten zu Fall gebracht. Ende Januar tritt er als Herausgeber der grössten europäischen Zeitung ab. Wer ist dieser Machtmensch, der Deutschlands Medienlandschaft prägte?

07.01.17, 10:12 09.01.17, 09:14

Verleger Axel Springer 1958 in Hamburg. Bild: AP

1945 – die totale Niederlage. Deutschland liegt in Trümmern, die Denazifizierung beginnt. Wem soll die englische Besatzungsmacht die Lizenz zum Drucken geben? Die Wahl fällt auf den Hamburger Verlegersohn Axel Springer, der 1952 eine Zeitung gründet, die die Bundesrepublik prägen wird: die «Bild».

Die Zeitung wird nicht nur zur grössten in Europa, sie rangiert 2005 auf Platz sechs der weltweiten Top Ten. Und avanciert zum Königsmacher (wie zum Königsmörder): «Wer mit der ‹Bild› im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten», umschrieb es der frühere Axel-Springer-Grande Mathias Döpfner. Kai Diekmann, der 2001 Chefredaktor der Zeitung wird, sagt es in der Schweiz am Sonntag so: «Die ‹Bild› ist die lauteste Posaune im deutschen Medienmarkt.»

Die Macht der «Bild» zeigt sich auch in der Polarisierung wie etwa bei den bundesweiten Springer-Unruhen 1968. Nach dem Mord an ... Bild: AP

... Studentenführer Rudi Dutschke machen Demonstranten «reaktionäre» Berichte der Zeitung für die Tat mitverantwortlich. Bild: DPA

1967 formuliert Axel Springer Grundsätze für seinen Verlag, dem mittlerweile Zeitschriften wie «Hörzu» und neben «Bild» Zeitungen wie das «Hamburger Abendblatt», «Welt», B.Z. (Berliner Zeitung) und die «Berliner Morgenpost» gehören. Diese Eckpfeiler, die für alle Mitarbeiter verpflichtend sind, lauten:

Kai Diekmann, der Karriere-Journalist

Der Mann, der im bewegten Jahr 2001 das Ruder des mächtigen Axel-Springer-Flaggschiffs «Bild» übernimmt, wäre ganz nach dem Gusto des 16 Jahre vorher verstorbenen Verlegers gewesen. Kai Diekmann ist quasi die Personifizierung der fünf Springer-Grundsätze – und er ist ein Aufsteiger, wie sein CV eindrucksvoll beweist.

Kai Diekmann hat einen (Lebens-) Lauf.

Früher der Strebertyp: Kai Diekmann (2007). Bild: AP

Auf den ersten Blick wird deutlich: Der Baden-Württemberger hat schon in jungen Jahren die Karriereleiter im Eiltempo erklommen. Das war möglich, weil Diekmann die Prinzipien des Axel Springer verinnerlicht hat. 1995 wird er in das «Young-Leaders-Programm» des Think Tanks «Atlantik-Brücke» aufgenommen: Das Elite-Netzwerk hat sich der Freundschaft zu Amerika verschrieben.

Im selben Jahr heiratet er die Verlegertochter Jonica Jahr, deren Vater mit Axel Springer nach Kriegsende Geschäfte gemacht hat. Letztgenanntem hätte daneben nicht zuletzt der klar konservative Kurs des Kai Diekmann gefallen. Das passt zu einem konservativen Schweizer Kollegen: «Ich habe Roger Köppel sehr gemocht, weil er total unorthodox war, immer gegen den Strich gebürstet hat», sagt Diekmann der Schweiz am Sonntag. Und über dessen «Weltwoche»-Cover 2016: «Als ich den ‹Schweizer des Jahres› gesehen habe, da war ich schon beeindruckt.»

Stichwort Freundschaft zum jüdischen Volk: Diekmann übergibt Israels Premier Benjamin Netanjahu 2009 die Baupläne des KZs Auschwitz. Bild: AP POOL DPA

Kai Diekmann, der Machtmensch

Die Macht dieses Mannes zeigt sich nicht zuletzt durch seine mächtigen Freunde:  Als der «Bild»-Chef 2002 zum zweiten Mal heiratet, ist Helmut Kohl sein Trauzeuge. Über den Altkanzler hat Diekmann eine Biographie geschrieben, und der bedankte sich mit einem freundlichen Vorwort in Diekmanns Bildband «Die Mauer». Und als Kohl wiederum erneut vor den Altar tritt, revanchiert sich der «Bild»-Chef 2008 als Trauzeuge – zusammen mit dem Medienmogul Leo Kirch.

Diekmann 2011 mi Altkanzler Kohl und dessen zweiter Frau Maike Kohl-Richter in Ludwigshafen. Bild: AP dapd

Freund der Mächtigen: Diekmann 2002 mit Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Bild: AP BAMS

Auch wenn der Journalist hintenrum durch sein Blatt konservative Politik macht und ihn die Doppelrolle seines rechtslastigen Ex-Kollegen Roger Köppel «beeindruckt», spielt er offiziell den Neutralen – unter anderem mit Verweis auf das enge Verhältnis der «Bild» zu SPD-Kanzler Schröder. Der sagte 1999 gar populistisch: «Zum Regieren brauche ich nur ‹Bild›, ‹BamS› [(Bild am Sonntag)] und Glotze.»

Wulff – messed with the wrong guy. Bild: AP

Doch der Freund der Mächtigen kann auch ihr Totengräber sein. Sich mit den Politikern anzulegen, gehöre zu «einem funktionierenden Staatswesen», positioniert sich Diekmann in einem FAZ-Interview 2005. Das bekommt Jahre später der formal ranghöchste Deutsche zu spüren: 2012 bringt der «Bild»-Boss mit Christian Wulff einen Bundespräsidenten zu Fall, der sich nicht entblödet hat, dem Chefredaktor auf der Mailbox eine Drohung wegen der Berichterstattung zu hinterlassen.

Die Macht der «Bild» im digitalen Wandel

Bei aller Macht muss aber auch ein Kai Diekmann ohnmächtig mitansehen, wie eine rasante Umwälzung seine Branche erfasst und durcheinanderwirbelt: Das Internet mischt den Zeitungen- und Zeitschriften-Markt auf, die Digitalisierung degeneriert das Geschäft der Verlage von Grund auf. 

Kai Diekmann 2011. Bild: EPA

Das bekommt auch die «Bild» zu spüren: In Diekmanns Ägide sinkt die Auflage von 5,1 Millionen Exemplaren Anfang 2001 auf knapp 1,9 Millionen anno 2016. «Nur weil kaum mehr Schallplatten gekauft werden, heisst das ja auch nicht, dass nur noch schlechte Lieder gesungen werden», erklärt der Erfolgsmensch diesen Misserfolg. Und tritt die Flucht nach vorn an: Nach dem Wirbel um Präsident Wulff geht er 2012 ins Silicon Valley, wo die Quelle der Welle liegt, die seinen Verlag erfasst hat. 

Dort «stossen zwei Welten zusammen», schreibt ein Spiegel-Reporter, der ihn in den USA trifft, «die eine, aus der er gekommen ist, die andere, in die er sich hineinbewegt.» Der Zeitungsmann entdeckt digital: «Zeig mir deine Apps, und ich sage dir, wer du bist», sagt er dem Besucher. Diekmann hat 150 davon auf seinem iPhone. Und Ideen für neue hat er auch ...

Eine App etwa, mit der man Essen fotografiert, und die einem die Kalorien des Mahls ausrechnet. Oder eine Uhr, mit der man telefonieren kann – obwohl das Gerücht herumgeht, Apple plane sowas auch. Ein Bezahlmodell für Bild.de einführen, während gleichzeitig Gratis-Seiten gegründet werden, die den Leser zum Autor machen – und dem Verlag so viel Geld einsparen.

«Sie müssen mir auf Twitter folgen», sagt Diekmann dem Reporter noch. Damals hat er 5400 Follwer. Nach der Visite beim wichtigsten Journalisten Europas ist der «Spiegel» überzeugt, dass Verlage wie Axel Springer zukünftig durch eine Mischung aus «Masse, Spass, Geschwindigkeit und Preis» ihr Geld verdienen würden: Nun komme es bloss noch darauf an, «Leute zu kennen, die alles gleichzeitig beherrschen».

Der Wandel des Kai Diekmann

«Der Lehrling» («Spiegel») aus dem Silicon Valley lernt schnell. «Ich bin ein Viner der ersten Stunde», sagt Diekmann im Frühjahr 2013, und er schwärmt im Interview von Tinder und Snapchat – diese Apps hat hierzulande damals noch keiner auf dem Zettel.

Kai Diekmann 2016. Bild: dpa

Und während die Auflage der «Bild» Zeitung sinkt, steigt die Reichweite von Bild.de – von 4,3 Millionen Unique User im Jahr 2007 auf 18,6 Millionen anno 2015. Heute weiss der Medienprofi: «Digitalisierung ist Entmaterialisierung und Information ist heute zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort verfügbar.»

Auch privat verändert sich der vierfache Vater in den USA: Noch 2002 scheitert er mit einem Penis-Prozess gegen die linke Zeitung «taz», und 2005 bekundet Diekmann im FAZ-Interview: «Wenn ich einen Beliebtheitswettbewerb gewinnen wollte, wäre ich am falschen Platz.» Zwei Jahre später brennen Hamburger Autonome sein Auto ab.

Heute ist er ein anderer: 2015 nehmen seine Frau und er eine Flüchtlingsfamilie auf, die ihnen im türkischen Bodrum begegnet ist. Erst wollte er seine Kinder vor den Syrern schützen. «Wir haben dann als Familie festgestellt, dass die Reaktion falsch war», erinnert sich Diekmann später an die Szene. Früher hätte das Alphatier sowas alleine entschieden.

Auch optischer Wandel: Diekmann mit seiner zweiten Ehefrau Katja Kessler anno 2006 ... Bild: AP

... und hier 2013 nach seiner Rückkehr aus Palo Alto. Bild: EPA

Noch ein Beispiel: 2005 spricht Diekmann in der FAZ über «Wir sind Papst» – seine wohl berühmteste «Bild»-Schlagzeile.

«Das ist unser Anliegen: zu dokumentieren, was die Menschen beschäftigt, was sie emotional umtreibt. ‹Bild› ist, um es mit einer Metapher aus der eher linken Ecke zu formulieren, die gedruckte Barrikade der Strasse. Das ist ihre Macht.»

Guck mal, dein Nachfolger ist einer von uns: der Deutsche mit Papst Johannes Paul II. 2004 im Vatikan. Bild: AP BILD ZEITUNG

2016 klingt das in der «Schweiz am Sonntag» deutlich differenzierter:

«Diese Schlagzeile war in der Redaktion sehr umstritten, eine Reihe von Kollegen fand sie zu nationalistisch. Ich habe dann etwas gemacht, was ich vorher und nachher nie mehr gemacht habe. Ich habe zwei meiner Vorgänger angerufen und um Rat gefragt.»

Kai Diekmann 2016. Bild: DPA dpa

Fast schon nachdenklich ist gar diese Aussage:

«Es werden immer wieder Geschichten völlig zu Recht kritisiert. Weil man manchmal eines Besseren belehrt wird, was den Wahrheitsgehalt einer Geschichte angeht, oder weil man jemanden unnötig verletzt hat.»

Axel Springer war gestern: Das Silicon Valley scheint den Deutschen wachgeküsst zu haben. Die Welle, die den Journalismus umwälzt, ist seine Taufe: Er muss sich nicht mehr freischwimmen, er reitet jetzt die Welle. Heute hat der Mann 146'000 Twitter-Follower, die Schwimmflügel der «Bild» braucht er nicht mehr. Und der Leser darf darauf gespannt sein, wo dieser Kai Diekmann wieder auftauchen wird.

Viel Feind, viel Ehr': So sieht die aktuelle Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit aus.

Nachtrag: Der Spiegel macht am 6. Januar öffentlich, dass eine Mitarbeiterin Kai Diekmann sexuelle Belästigung vorwirft. Dieser bestreitet das, die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt gegen den Journalisten. Laut Berliner Tagesspiegel hat Diekmanns Springer-Demission mit der Causa nichts zu tun.

Diese Bilder haben uns 2016 schockiert und verblüfft – und alle waren sie gefälscht

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DendoRex, 19.12.2016
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  • deleted_157976832 08.01.2017 00:55
    Highlight Geh weg und hab Spass!
    4 0 Melden
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  • DJ_Terror 07.01.2017 13:16
    Highlight Diekmann hat es geschafft die Verkaufszahlen der Bild zu Halbieren innerhalb einer Amtszeit. Zudem ist man immer für Israel zudem gibt es Journalisten wie Röpke die Öffentlich Partei nehmen für Jihadisten. Oder solche Schmuddel und Lügen Artikel https://www.google.ch/amp/www.bild.de/politik/ausland/mossul/es-gibt-gute-und-boese-bomben-48465954,view%3Damp.bild.html?client=safari
    Diekmann ist ein Lügner wie alle anderen beim Mainstream auch.
    19 10 Melden
    • D(r)ummer 09.01.2017 11:43
      Highlight Dieser Bild-Artikel grenzt ja fast an Kriegstreiberei... Ich hoffe schwer, dass die diesen Schwachsinn nicht ernst meinen.
      2 0 Melden
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  • deleted_587850909 07.01.2017 12:49
    Highlight Nunja, wenn man den Bildblog verfolgt erkennt man leicht wie die Bild gegen Ausländer hetzt und Angst verbreitet. Plötzlich wundert sich die Bild über die AFD aber hetzt immernoch weiter.

    Auch z.B. die Auffindung von Opferfotos welche ohne Absprache veröffentlicht werden. Oder die Fotos werden vom Facebook Profil genommen und als "Privat" gekennzeichnet.

    Und Dieckmann brüstet sich dann auch noch mit den meisten Beschwerden wegen dem 2.o.g. Und sagt dann noch dass der Presserat die Meinungsfreiheit beschneidet, jedoch vergisst er das recht am Privaten Bild.
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  • Max Cherry 07.01.2017 12:27
    Highlight Ein Wichtigtuer und peinlicher Zeitgenosse, welcher seinesgleichen sucht. Diekmann würde jeden über die Klippe springen lassen, solange er einen persönlichen Nutzen daraus schlagen kann. Und sei der Nutzen nur etwas Aufmerksamkeit für seine Person.

    Auch beim faken von Interviews macht dieser schmierige, intrigante Typ nicht Halt, und labert danach etwas von Satire und man verstehe seinen Humor nicht.

    Und dass er keine Gelegenheit auslässt, Israel und Netanjahu in den Hintern zu kriechen, lässt ihn wie ein Hampelmann aussehen. Mit Israel-Fähnchen auf dem Schreibtisch.

    Gut, wenn der weg ist.
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  • Zäme! 07.01.2017 10:36
    Highlight Wozu braucht Netanjahu die Pläne eines KZ's?

    Ansonsten interessanter Beitrag. Beeindruckend zu sehen was für eine Karriere er hingelegt hat und was für Freunde er gewonnen hat. (Gut, auf Köppel und Netanjahu könnte ich verzichten.)

    Dass sie aber nie kritisch über Israel schreiben, diesen Grundpfeiler hätte er ändern oder etwas aufweichen können.

    So entsteht der Eindruck, die Bild wird direkt aus Israel gesteuert.
    14 12 Melden
    • Michael Mettler 07.01.2017 13:04
      Highlight Für Yad Vashem.
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  • Therealmonti 07.01.2017 10:34
    Highlight Köppel in einem Artikel mit Diekmann zu erwähnen ist schon fast Blasphemie. Nie wird sich ein Vollblut-Journalist wie der Bild-Chef einer ist, in die Niederungen der Politik bewegen.
    7 24 Melden
    • Hippie-ster 07.01.2017 11:14
      Highlight Na, irgend ein Bezug zur Schweiz musste schon sein.
      8 1 Melden
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