Nur noch Marc Lüthi kann das Kartell der Profiteure stoppen
Zu viel Geld (rund 14 Millionen in den Geldspeichern), zu viel Ruhm (schon fünfmal WM-Silber) – das ist Glück und Schicksal des Verbandes (Swiss Ice Hockey). Der Organisation, die sich eigentlich um das Wohl unseres Eishockeys zu kümmern hat.
Nun hat Präsident Urs Kessler am Tag nach einer grandiosen WM das Handtuch nach noch nicht einmal einjähriger Amtszeit geworfen. Offiziell begründet er den sofortigen Rücktritt so: «Ich habe mich entschieden, das Amt als Präsident per sofort niederzulegen und den Weg freizumachen für einen Neuanfang, welchen der Verband dringend benötigt. Die fortwährenden Diskussionen haben mir gezeigt, dass ich dafür nicht die richtige Person bin.»
Und nun gehen wir zum inoffiziellen Teil über. Warum tritt ein Präsident einer Organisation per sofort zurück, die doch in der Öffentlichkeit im hellsten Lichte erstrahlt? Soeben ist eine wunderbare WM zu Ende gegangen, die ein ganzes Land auf der Reise auf den Finalgipfel mitgenommen und begeistert hat. Der Verband ist reich wie nie in seiner Geschichte und bunkert gut und gerne 14 Millionen. Die vom Verband juristisch gottseilobunddank unabhängige National League rockt und ist die beste Liga neben der NHL. Selbst die hochheikle Nachfolgeregelung von Patrick Fischer ist mit Jan Cadieux reibungslos geglückt. Ist doch alles in bester Ordnung. Oder?
Ist es nicht. Urs Kessler, erfolgreich und durchsetzungsstark in der Privatwirtschaft (er ist der Architekt des Erfolges der Jungfraubahnen), wollte beim Verband – polemisch gesagt – «aufräumen». Er wollte in einem ersten Schritt die ausufernde Administration eindämmen und einen Personalstopp durchsetzen. Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Lohnexzesse im ablaufenden Geschäftsjahr zu einem operativen Verlust von gut und gerne einer Million führen werden. Kein Problem. Das reicht bei den zweistelligen Millionenreserven noch einige Zeit für ein wunderbares Leben in den Verbandsbüros. Nach dem Motto: Nach uns die Sintflut.
Aber Urs Kessler konnte sich als Präsident im Verwaltungsrat gegen das Kartell der Profiteure – gegen die Mehrheit der Apparatschiks der Amateure – nicht durchsetzen. Er scheiterte mit dem Antrag, Verbandsmanager Martin Baumann, ein Champagner-Machiavellist, der mehr und mehr seine Freunde in die Verbandsbüros holt, zu feuern und durch Christian Hofstetter zu ersetzen. Hofstetter, einst Gottéron-Captain, ist der erfolgreiche, calvinistischen OK-Chef und Macher der WM. Urs Kessler scheiterte mit dem Antrag, mit Paolo Duca einen engagierten, durchsetzungsstarken Sportdirektor als Nachfolger von Lars Weibel zu installieren, um den Sport das Primat über die Bürokratie zu bewahren. Der Verwaltungsrat hat den Opportunisten Patrick von Gunten gewählt. Er scheiterte mit dem Antrag eines sofortigen Personalstopps. Die Ohnmacht eines erfolgreichen Machers aus der Privatwirtschaft. Der Apparat hat sich als stärker erwiesen.
Das Fass zum Überlaufen hat der «Fall Fischer» gebracht. Die Bürogeneräle, gegenüber dem Präsidenten in der Informationspflicht, wussten, dass Patrick Fischer den «Impfbschiss» bei TV-Mann Pascal Schmitz ausgeplaudert hatte. Noch am gleichen Tag wussten sie es. In Kenntnis gesetzt von Kommunikationschef Finn Sulzer. Aber die Sache ist gegenüber dem Präsidenten verheimlicht worden. Er hat erst am Montag, als die Sache in die Öffentlichkeit geriet, davon erfahren. Wieder war der Apparat stärker. Und Urs Kessler fühlte sich – nicht ganz zu Unrecht – verraten und angelogen. Also hat er noch vor der WM entschieden, sein Amt aufzugeben. Mit der berechtigten Schlussfolgerung: Das muss ich mir nicht mehr antun.
Er hat es getan wie ein Ehrenmann: Während der ganzen WM ist er nie öffentlich aufgetreten, hat seine «Kapitulation» für sich behalten, um keinerlei Unruhe aufkommen zu lassen – und ist nun am Tag nach der WM erhobenen Hauptes von der Bühne abgetreten.
Nun gibt es bei der Nachfolgeregelung zwei Möglichkeiten: Entweder kommt ein Kandidat des Apparates zum Zuge, der die Verbandsbürogeneräle und ihre Adjutanten gewähren lässt. Oder ein Kandidat, der – um es polemisch zu sagen – aufräumt. Der dafür sorgt, dass das Wohl unseres Hockeys, die Optimierung der Nachwuchsausbildung, die Reorganisation der Swiss League (sie gehört zum Verband), die Effizienz der Dienstleistungen für die Amateurklubs, die Fürsorge für die kleinen Leute an den Fronten der Juniorenabteilungen und Amateurklubs, die unser Hockey an der Basis tragen, wieder ins Zentrum rücken. Und das pekuniäre Wohlergehen der Verbandsangestellten eingebremst wird.
Es gibt eine politische Besonderheit: Das Vorschlagsrecht für den Kandidaten hat das Profihockey. Also die National League und die Swiss League, die im Verband eine eigene Unterabteilung bildet. Sie können also letztlich einen aus ihren Reihen auf den Thron heben.
Das Profil des Kandidaten: Durchsetzungsstark, mit den politischen Ränkespielen im Profi- und Amateurhockey vertraut, charismatisch, international vernetzt und – entscheidend – ohne Scheu vor Konfrontationen und aus eigener, langjähriger Erfahrung gewohnt, in der öffentlichen Kritik zu stehen.
Es gibt nur einen Kandidaten, der diese Voraussetzungen erfüllt. Marc Lüthi, einst beim SCB, heute unabhängig. Er ist der erste Mann, der auf der Suche nach einem Kandidaten zu fragen ist. Punkt. Ende der Polemik.
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