Interview
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RTL München

RTL war virtuos darin, Unsicherheit mit Nullkommunikation zu überspielen. Bild: RTL

Interview

Wieso hat das Fernsehen so miserabel über das Münchner Attentat berichtet? Eine Erklärung in 4 Punkten

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. Er analysiert für uns die TV-Berichterstattung über München und fordert eine Ausweitung der publizistischen Verantwortungs-Zone und mediale Bildung an den Schulen.



Was in den letzten Tagen auffiel, war, dass das Fernsehen in der Berichterstattung zu München einen irrsinnig schlechten Job gemacht hat. Ich habe bei ARD, ZDF, SRF oder auch RTL noch nie so viele technische Pannen und so viel ahnungslos zerredete Sendezeit erlebt. Es schien, als ob das Fernsehen die Geschwindigkeit des Internets imitieren wollte und scheiterte. Was war los?
Mein Eindruck ist folgender: Man hat ja gerade im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen den Türkeiputsch weitgehend verpasst. Fast scheint es, als sei eine neue Druck- und Drohsituation entstanden nach dem Motto: Das darf einem nicht nochmal passieren, da muss man jetzt dagegen halten.

Mit absoluter Inhaltsleere?
Attentate, Terroranschläge, Amokläufe lösen einen sofortigen Abwehrzauber der Medien- und Kommunikationsgesellschaft aus. Die Psychoanalytiker und Psychologen haben uns mit vielen guten Gründen klar gemacht, dass man verdrängen kann, indem man verschweigt. Man kann aber offenbar auch verdrängen, indem man permanent redet. Indem man in eine Nullkommunikation überwechselt, die versucht – weil man ja vor dem Entsetzlichen, vor dem Unerklärbaren steht –, zumindest kommunikativ wieder Deutungshoheit zu gewinnen. So als sei allein diese Deutungshoheit schon die Lösung irgendeines Problems.

Ist nicht genau dieser Versuch die Bankrotterklärung schlechthin?
Ja. Und natürlich sind auch wir Teil dieses Spiels. Wir versuchen hier ja auch offen zu legen ...  

... was die anderen falsch machen ...
... oder was wir für unzulänglich halten. Es scheint so, dass die Ungewissheit, dass der Terror, dieser plötzliche Schock und die plötzliche Angsterfahrung anthropologisch unaushaltbar sind, und dass man irgendwie reagieren muss. Nun kommt es zu einer seltsamen Situation, die darin besteht, dass wir medial in einem hochnervösen Wirkungsnetz leben.

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen.
bild: herbert von halem verlag

Trotzdem war jedes Online-Medium nicht nur agiler, sondern kuratierte die Auswahl seiner Nachrichten-Schnipsel auch weniger hilflos als das Fernsehen.
Die Leitmedien verlieren an Macht, sie unterliegen im Geschwindigkeitswettbewerb, sie kommen immer zu spät, aber sie kämpfen natürlich noch um Interpretation und Deutungshoheit. Dann passiert ein solcher unmittelbarer Schrecken, das grosse nicht vorbereitete Ereignis, der Bruch mit dem irgendwie Erwartbaren. Und dann entsteht ein Informations-Vakuum. Für mich hat es vier verschiedene Dimensionen.  

Das Nachrichten-Vakuum

Hier dreht sich alles um die Frage: Was gibt es eigentlich Neues? Dann geht man auf Sendung, schaltet live – aber es gibt gar nichts Neues. Man kann immer nur wieder Polizeiabsperrungen zeigen, immer nur wieder trauernde, fassungslose Menschen, die aus einem Einkaufszentrum strömen. Und dieses Nachrichtenvakuum wird gefüllt mit Pseudo-News. Man bringt irgendwas – nur, um die Sendung irgendwie weiter laufen zu lassen.

Das Faktizitäts-Vakuum

Man weiss nichts Gesichertes, versucht aber, die Katastrophe irgendwie zu bändigen, indem man Anlauf nimmt, Gewissheiten zu präsentieren, die Anzahl der Toten, die Möglichkeit eines Terroranschlags. Es war sehr interessant, wie ein Reporter in München versuchte, permanent Neues zu erfahren und vage Gerüchte zu bestätigen, aber der Polizeisprecher sagte, wenn ich richtig erinnere: «Nein, wir können das noch nicht sicher sagen, und falls Sie eine Kristallkugel haben, geben Sie mir die bitte.»  

ARD Tagesschau

Der Münchner Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins hat die Medien vor noch mehr Kommunikationspannen bewahrt. Bild: ARD

«Medienwissenschaftler sind gleichsam Müllsortierer dritter Ordnung.»

Bernhard Pörksen

Ist es nicht verrückt, dass dieser Polizeisprecher, der ja bloss seinen Job sauber gemacht hat, so heroisiert wird? Oder sehen Sie da einen guten Grund?
Er ist nicht zum Helden geworden, weil er besonders viel über den Sachstand sagen konnte, sondern weil er die Medienwelt begriffen hat. Weil er die ganze Zeit über das Tempo gedrosselt und für Entschleunigung plädiert hat. Weil er Ungewissenheiten benannt hat – dies in einem Moment, indem alle Gewissheiten wollten. Er ist ein Medienexperte, der das hochnervöse Wirkungsnetz verstanden und sich gesagt hat: Wenn ich irgendwas, was ich vielleicht dann doch nicht belegen kann, behaupte oder auch nur eine Vermutung äussere, dann wird das in den nächsten Minuten als Breaking News explodieren.

Na ja, trotzdem führte gerade die Nervosität der sozialen Mediennetzwerke dazu, dass die Münchner Realität beeinflusst wurde. Plötzlich schien die herbei hysterisierte Faktenlage einer Bedrohung so gross, dass die Strassen in ganz München leergefegt waren. Die Polizei war also nicht so cool wie ihr Sprecher, sondern durchaus beeinflussbar.
Genau. Und im Extremfall kann dann die Situation entstehen, dass man von der Handlungsebene weggeführt wird, weil man versuchen muss, die Sekundäreffekte der Kommunikation im Zaum zu halten. Das hat eben dieser Pressesprecher gemacht: Er hat versucht, drohende kommunikative Kollateralschäden zu domestizieren.

Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung. Wir sind vor Ihrer dritten Dimension des Informations-Vakuums stehen geblieben. Wir waren bei: «Nichts Neues» und «keine gesicherte Faktenlage». Wie geht es weiter?

Das Interpretations-Vakuum

Man fängt sehr schnell an sich zu fragen: Was war das Motiv? Hatte der Täter eine schlechte Kindheit? Hat er zuviele Ballerspiele gespielt, die falschen Bücher gelesen? Oder ist es doch ein islamistischer Terrorist, den wir da vor uns haben? Das ist ein Interpretationsvakuum, bei dem dann sofort die Experten auftreten, auch die Medienwissenschaftler, gleichsam als Müllsortierer dritter Ordnung, die dann das Vorgefundene noch einmal neu und anders sortieren und deuten.

Das Visualisierungs-Vakuum

Gerade fürs Fernsehen, das ja von Bildern lebt, ist das fatal. Es gibt eine Extremsituation, aber eben keine Bilder. Was macht man da? Man zeigt Passanten, man versucht, einen Freund oder Nachbarn ausfindig zu machen. Und natürlich kommt es dann immer wieder auch zu Grenzüberschreitungen – Bilder von Erschossenen, Bilder von Trauernden. Dies einfach nur, weil dieser Bildhunger im Visualisierungs-Vakuum irgendwie gestillt werden muss.

«Wir müssen den Schritt machen von der digitalen hin zu der redaktionellen Gesellschaft.»

Bernhard Pörksen

Naim Zabergja steht mit einem Foto seines getˆteten Sohnes Dijamant am 23.07.2016 vor Medienvertretern am Olympia-Einkaufszentrum in M¸nchen (Bayern), das die Polizei nach einer Schieflerei mit Toten und Verletzten am Vortag abgesperrt hat. Die tˆdlichen Sch¸sse hat ein 18-j‰hriger Deutsch-Iraner abgegeben. Zehn Menschen starben, darunter der T‰ter. Der Sch¸tze, ein 18-j‰hriger Deutsch-Iraner, habe mit hoher Wahrscheinlichkeit alleine gehandelt und sich danach selbst erschossen, teilten die Ermittler am fr¸hen Samstagmorgen mit. Foto:†Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Hauptsache Draufhalten: Das Fernsehen interviewt den Vater eines Opfers.
Bild: dpa

Gerade bei den Bildern setzt eine der grössten Geduldsproben der Medienmacher ein. Zum Beispiel die Frage: Wie lange schaffen wir es, das Gesicht eines Täters verpixelt zu zeigen, wenn alle andern es unverpixelt bringen?
Geduldsprobe ist ein gutes Wort. All dies sagt uns doch, dass die offene Flanke der hochnervösen Mediengesellschaft die Ungewissheit ist. Und der Versuch, diese Ungewissheit nur rasch und irgendwie aufzulösen, übersetzt sich immer in Grausamkeit. In eigene Formen der Grenzüberschreitung. Wir können diese Ungewissheit nicht aushalten und also halten wir irgendwo drauf, also verfangen wir uns in Spekulationen, also erklären wir Gerüchte zu Gewissheiten. Die Akzeptanz des Schreckens, des Unfassbaren verschwindet zugunsten eines Redens über das Reden, zugunsten eines Deutens des Deutens, etwas, was natürlich auch wir in diesem Interview machen. Wir sind hier Teil des Problems.

Natürlich. Haben Sie denn irgendeinen Rat an die älteren und die neuen Medien, wie sie sich in Zukunft besser verhalten könnten?
Ich glaube, dass in der gegenwärtigen Situation eine grosse, gesellschaftlich noch unverstandene Bildungsaufgabe steckt. Wir müssen den Schritt machen von der digitalen hin zu der redaktionellen Gesellschaft. Zu einer Gesellschaft, in der wir alle uns die Frage stellen, die früher, in einer andern Zeit, Journalisten stellten: Nämlich, was ist eine glaubwürdige, relevante und veröffentlichungsreife Information? Wir brauchen eine Ausweitung der publizistischen Verantwortungs-Zone.

Das klingt nach einem Monsterprojekt.
Diese Urfragen des Journalismus müssen zu einer Frage der Allgemeinbildung werden und an Schulen und Universitäten gelehrt werden. Die Frage nach der glaubwürdigen, relevanten Information muss einen 13-Jährigen genau so sehr beschäftigen wie einen 70-Jährigen. Die klassischen Medien sollten sich auf die alten Qualitäten einer entschleunigten Deutung zurück besinnen. Auch wenn es schwer fällt, nicht die ersten zu sein. Der Netzphilosoph Peter Glaser hat mal gesagt: Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit.

Bernhard Pörksen, 47, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt schrieb er gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun das Buch «Kommunikation als Lebenskunst» (Carl Auer-Verlag).

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