Der Ölpreis knackt die 100-Dollar-Marke – und schickt Börsen weltweit auf Talfahrt
Was passiert mit dem Ölpreis?
Der Preis für die in Europa massgebliche Nordseesorte Brent stieg im frühen Handel zeitweise um rund 20 Prozent auf 111 US-Dollar je Barrel (159 Liter). Im asiatischen Handel stiegen die Brent-Futures kurzzeitig bis auf 119,04 Dollar.
Zuvor war zum Handelsbeginn in Chicago die in den USA bestimmende Sorte West Texas Intermediate (WTI) über die Marke von 100 Dollar gesprungen – ein Preisniveau, das es zuletzt 2022 gegeben hatte. Zeitweise stieg der Preis sogar auf 115 Dollar pro Barrel.
Am Freitagnachmittag war Brent-Rohöl zur Lieferung im Mai noch mit über 90 Dollar gehandelt worden. Seit Beginn des Iran-Kriegs vor etwas mehr als einer Woche beläuft sich das Plus inzwischen auf rund 50 Prozent: Ende Februar lag der Preis noch um die 70 Dollar pro Barrel. Auch die Spritpreise sind seither deutlich angestiegen.
Die Börsenkurse in Ostasien brachen daraufhin ein.
Welchen Einfluss hat das auf die Börse?
In Tokio stürzte der Nikkei-Index für 225 führende Werte im frühen Handel um rund 7 Prozent ab. Rund 25 Minuten nach Handelsbeginn notierte der asiatische Leitindex bei einem satten Minus von 3409,92 Punkten oder 6,13 Prozent bei einem Zwischenstand von 52'210,92 Punkten.
Hohe Verluste verzeichnete auch die Börse in Südkorea. In Seoul verzeichnete der KOSPI nach Handelsbeginn zeitweise ein Minus 8,4 Prozent.
Wie ist die Lage in der Schweiz?
Für den Schweizer Aktienmarkt deuten die vorbörslichen Indikationen beim Broker IG aktuell Verluste von 1,2 Prozent an. Ähnlich rasant dürften auch die wichtigsten europäischen Börsen starten.
Was sind die Auswirkungen auf die Währungen?
Die zunehmende Verunsicherung hat auch weitere Auswirkungen auf den Devisenmarkt. So zieht der US-Dollar als Weltreservewährung weiter an. Gleichzeitig ist auch der Franken als ultimativer sicherer Hafen weiter gesucht. Dies hat zur Folge, dass das Euro/Franken-Paar am Morgen kurzzeitig unter die Marke von 90 Rappen gefallen ist. Das dürfte die Schweizerische Nationalbank weiter unter Druck setzen.
Wie dürfte es weitergehen?
Die Angst vor einer längeren Sperrung der Strasse von Hormus bleibt ein bestimmendes Thema auf dem Ölmarkt. Seit den amerikanisch-israelischen Angriffen auf den Iran passieren kaum noch Schiffe die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. Durch diese wird in Friedenszeiten täglich rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels transportiert. Sie ist auch sehr wichtig für den Transport von Flüssiggas, etwa aus Katar.
Die Weltwirtschaft sei weiterhin vom Öl- und Gasfluss durch die Strasse von Hormus abhängig, schrieb zuletzt Bruce Kasman, Chefvolkswirt von JPMorgan. Seiner Meinung nach könnte der Ölpreis kurzfristig auf bis zu 120 Dollar je Barrel anziehen. Sollte der Konflikt andauern, könnte der Ölpreis auch nachhaltig über 120 Dollar steigen und eine globale Rezession auslösen. Ein solches Szenario könnte das weltweite Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr um 0,6 Prozentpunkte drücken und die Konsumentenpreise um einen Prozentpunkt anheben, so Kasman.
US-Präsident Donald Trump, für den steigende Spritpreise mit Blick auf die wichtigen Zwischenwahlen im Herbst zum Problem werden könnten, versuchte, den Fokus auf die langfristige Entwicklung zu lenken: «Die kurzzeitigen Ölpreise, die nach der Beseitigung der nuklearen Bedrohung durch den Iran rapide sinken werden, sind ein sehr geringer Preis für die Sicherheit und den Frieden der USA und der Welt», schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. «Nur Idioten würden das anders sehen», fügte er an.
Ende vergangener Woche hatte Katars Energieminister Saad al-Kaabi in einem Interview der «Financial Times» vor schwerwiegenden Folgen des Kriegs im Nahen Osten für Lieferungen von Energierohstoffen aus der Region gewarnt. Es sei zu befürchten, dass alle Förderstaaten am Persischen Golf ihre Produktion innerhalb weniger Wochen einstellen könnten. Dann ist nach Einschätzung des Ministers ein Anstieg des Ölpreises bis auf 150 US-Dollar möglich.
Aufgrund der de facto Blockade der Meerenge von Hormus gehen den Produzenten am Persischen Golf teils die Lagerkapazitäten aus. Kuwait hat seine Produktion Medienberichten zufolge bereits gedrosselt. (sda/dpa/con)
