DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Russische Soldaten ergeben sich der ukrainischen Armee.
Russische Soldaten ergeben sich der ukrainischen Armee.bild: twitter
Interview

Russische Deserteure: «Ich habe erwartet, dass dies passieren wird»

Militärpsychologe Hubert Annen erklärt, weshalb es zu Desertationen bei der russischen Armee kommt. Zudem erzählt er, wie in vergangenen Konflikten versucht wurde, die Gegner zum Überlaufen zu bewegen. Zum Beispiel mit gefälschten Banknoten.
31.03.2022, 10:4301.04.2022, 13:33

Der Krieg in der Ukraine dauert schon länger als einen Monat. Was lässt sich über die Moral auf den beiden Seiten sagen?
Hubert Annen: Die Ukrainer verteidigen ihr eigenes Land. Das ist aus ideologischer Sicht eine ganz andere Ausgangslage als für den durchschnittlichen russischen Soldaten, der möglicherweise nicht mal genau darüber informiert wurde, um was es bei seinem Einsatz genau geht. Plötzlich findet er sich im Feindesland wieder, der Nachschub funktioniert nicht, das Wetter ist schlecht und der Gegner ist stärker als zunächst angenommen. Von der Moral her gibt es daher beträchtliche Unterschiede zwischen den beiden Seiten.

>>> Krieg in der Ukraine: Alle News im Liveticker

Wie wichtig ist die Moral der Truppen in einem Krieg?
Man kann hier einen naheliegenden Vergleich zum Sport machen. Ein Team, das auf dem Papier unterlegen ist, kann ein nominell stärkeres Team schlagen. Und zwar dann, wenn der Teamgeist und die Einstellung besser ist. Wie im Sport ist die Moral auch im Krieg ein Faktor.

Alleine mit einer guten Moral kann man aber keinen Krieg gewinnen ...
Wenn der Gegner übermächtig ist und den längeren Atem hat, dann ist die Moral natürlich nicht immer matchentscheidend. Der Faktor kommt dann zum Tragen, wenn ein gewisses Mass an Ebenbürtigkeit vorhanden ist.

Im Moment bewegen sich die Fronten in der Ukraine nicht sehr stark. Kann man also von einer gewissen Ebenbürtigkeit sprechen?
Ja, kann man. Die Ukrainer haben gewisse Vorteile, obschon ihre Armee viel kleiner ist. Sie kennen die Gegebenheiten in ihrem eigenen Land besser und der Nachschub funktioniert wohl einfacher. Dass der Krieg jetzt so lange andauert, hat sicher damit zu tun, dass die Ukrainer im militärtaktischen Bereich vieles gut machen. In einem solchen Moment wie jetzt kommt der Faktor Moral sicher zum Tragen. Ob er allerdings entscheidend ist, lässt sich nicht sagen.

bild: zvg
Zur Person
Dr. Hubert Annen ist Dozent für Militärpsychologie und Militärpädagogik an der Militärakademie der ETH Zürich. Zudem ist er Oberst der Schweizer Armee.

In den besetzten Städten gibt es friedliche Proteste der ukrainischen Bevölkerung, etwa in Cherson. Welchen Einfluss hat dies auf die Besatzer?
Das ist schwierig abzuschätzen. Nach Jahrzehnten unter Wladimir Putin, der Aufstände oft niederschlagen liess, hat der russische Soldat womöglich eine andere Einstellung zu Protesten als die Menschen hier im Westen. Es stellt sich auch immer die Frage, welche andere Möglichkeiten der russische Soldat hat, als den Befehlen zu folgen.

Er könnte desertieren ...
So einfach ist das nicht. Auch wenn der Soldat nicht überzeugt ist, mit dem was er macht, ist der erste Bezugspunkt seine Primärgruppe. Auch wenn die Moral des russischen Soldaten in der Ukraine nicht sehr hoch ist, muss er eine sehr gute Alternative haben, damit er seine Kompanie verlässt. Man darf nicht vergessen: Er befindet sich immer noch im Feindesland.

«In einem Gefecht ist einem Soldaten der Kamerad, den er schon länger kennt, am nächsten.»

Dennoch mehren sich die Berichte, wonach russische Soldaten desertieren. Wie ordnen Sie diese Meldungen ein? Ich habe erwartet, dass dies passieren wird. Das legt die Forschung nahe, die sich ausgiebig mit der Frage beschäftigt hat, weshalb ein Soldat überhaupt kämpft.

Gute Frage. Weshalb tut er es?
Er kämpft vor allem für seine Primärgruppe, für seine Kameraden. In einem Gefecht ist einem Soldaten der Kamerad, den er schon länger kennt, am nächsten. Weitgehend unabhängig von jeglicher Ideologie. Ein sehr wichtiger Faktor, weshalb ein Soldat kämpft, ist natürlich auch die Angst ums eigene Leben. Eine Rolle spielt zudem die Führungsqualität. Hier gibt es Beispiele aus der Vergangenheit, wo diese überhaupt nicht gepasst hat.

Erzählen Sie!
Im Vietnam-Krieg gab es Hunderte Fälle, in denen amerikanische Soldaten ihre Vorgesetzten umgebracht haben. In der Regel mit einer Splittergranate, damit keine Spuren hinterlassen wurden. Man spricht hier vom sogenannten «Fragging». Der Begriff geht auf die «fragmentation grenade» zurück. Dies haben die amerikanischen Soldaten getan, weil sie von ihren Führungskräften nicht überzeugt waren.

Von solchen Fällen haben wir in der Ukraine aber noch nichts gehört ...
Nein, aber man weiss, dass in der russischen Armee die Differenz zwischen Offizieren und Soldaten sehr gross ist. Deshalb fühlt sich der russische Soldat womöglich nicht so sehr verpflichtet, einem Befehl Folge zu leisten. Vor allem, wenn er ihn in Lebensgefahr bringt. Wenn der Bindungsfaktor zwischen der Führungsebene und den Soldaten nicht stimmt, kann dies sicher ein Faktor sein, weshalb sich Soldaten nach Alternativen umschauen.

In der russischen Armee gibt es grosse Gräben zwischen Soldaten und Kader.
In der russischen Armee gibt es grosse Gräben zwischen Soldaten und Kader.Bild: keystone

Haben die Offiziere wirklich so einen schlechten Draht zu den Soldaten der russischen Armee?
Ich habe mich aus militärpädagogischer Sicht
mit der Ausbildung in der russischen Armee auseinandergesetzt. Da gibt es wirklich eine grosse Diskrepanz zwischen der Offiziersebene und der Mannschaft. Für das Kader der russischen Armee sind die Mannschaften einfach irgendwelche Nummern, die man in den Krieg schickt. Von dem her habe ich erwartet, dass es Deserteure geben wird.

Weshalb ist der Graben zwischen Soldaten und Kader so gross in der russischen Armee? Ist das historisch bedingt?
Die russische Armee ist sehr hierarchisch aufgebaut. Das hat mit der russischen Geschichte zu tun. Russland war lange Zeit eine Monarchie, war imperialistisch unterwegs. Da gab es immer mächtige Leute, die viel Wert darauf legten, dass die Hierarchiestufen nicht aufgeweicht werden. Noch heute ist der russische Rekrut zu Beginn der Wehrpflicht wenig wert für die Vorgesetzten. Oftmals verlässt das Kader die Kaserne bereits am frühen Nachmittag und überlässt die Soldaten sich selbst.

«Mit ‹Dedowschtschina› gibt es sogar einen Begriff für das systematische Schikanieren jüngerer wehrpflichtiger Soldaten durch Dienstältere in Russland.»

Ist das zum Beispiel in der Schweiz anders?
Ja. Dort spricht man sich im WK normalerweise bis auf Stufe Kompaniekommandant per «Du» an. Der Kompaniekommandant ist im Alltag präsent. Das Klima ist in der Regel kameradschaftlich. In Russland hingegen ist der Rekrut in den ersten Monaten Manipuliermasse. Auf YouTube gibt es Videos, in denen zu sehen ist, wie Rekruten per Faustschlag niedergestreckt werden. Mit «Dedowschtschina» gibt es sogar einen Begriff für das systematische Schikanieren jüngerer wehrpflichtiger Soldaten durch Dienstältere in Russland.

Fassen wir zusammen: Wenn der Kamerad auch nicht kämpfen will, die Bindung zum Offizier schlecht ist und das Aufgeben einen nicht in Lebensgefahr bringt, sind wichtige Faktoren gegeben, um zu desertieren.
Genau.

Die Ukrainer bieten den Russen ziemlich konkrete Alternativen. Sie versprechen ihnen per SMS 10'000 US-Dollar und ein Aufenthaltsrecht, wenn sie desertieren. Sind solche Angebote der Gegenseite normal in einem Krieg? Oder sind die Ukrainer hier Vorreiter?
Die Mittel sind natürlich neu. Die Informationshoheit ist aber seit jeher ein wichtiges Element des Krieges. Stichwort psychologische Kriegsführung. Früher hat man die Gegner nicht mit SMS beeinflusst, sondern zum Beispiel mit Flugblättern. Oder etwa mit Radiosendungen, die bewusst auf den Frequenzen der Gegner laufen gelassen wurden.

Gibt es eine Methode, die sich als besonders effizient erwiesen hat?
Die Flugblätter werden sehr oft eingesetzt. In Afghanistan verteilten die USA etwa Flugblätter, auf denen der amerikanische Soldat als Freund dargestellt wird. Ein besonders effektiver Einsatz von Flugblättern ereignete sich im Jahr 1991 im Golf-Krieg.

Was ist da passiert?
Dort wurden Flugblätter in Form von Banknoten über den irakischen Truppen abgeworfen. Auf den ersten Blick wirkten die Banknoten echt, weshalb viele Iraker sie aufhoben. Die Banknoten waren aber gefälscht. Auf der Rückseite befand sich eine Aufforderung an die Iraker, Saddam Hussein zu stürzen. Viele irakische Kriegsgefangene hatten nachher tatsächlich dieses Flugblatt bei sich, woraus man ableitete, dass diese Aktion sehr wirkungsvoll war. Die US-Armee hätte allerdings noch ganz andere Methoden für die psychologische Kriegsführung auf Lager.

Im zweiten Golf-Krieg warf die US-geführte Koalition diese gefälschte Dinar-Note über den Irakern ab. Auf der Rückseite stand folgende Botschaft: «Es gibt keinen Unterschied zwischen Ihrem Geld und diesem Stück Papier. Wertloses Geld ist im Land reichlich vorhanden, und die Verarmung breitet sich aus. Es ist keine Abhilfe vorhanden. Das Leiden nimmt zu. Es gibt keine Nahrung, aber es gibt Schmutz. Es ist weder Seife noch Wasser zu finden. Die Dunkelheit hat sich festgesetzt. Der Strom ist abgeschaltet. Sie sind in Not. Sie haben Bedürfnisse, aber Ihre Frau ist nicht bei Ihnen. Sie haben Angst vor Saddam, aber Sie gehorchen ihm trotzdem. Sie befinden sich in unmittelbarer Todesgefahr, haben aber keine Pläne, das zu ändern. Oh Menschen im Irak, ihr habt das Recht, etwas zu tun, aber ihr sitzt in eurem Haus. Oh Soldaten, oh Zivilisten, oh Älteste, oh Jugend, oh Frauen, oh Männer. Die Zeit ist gekommen, dem Ruf der Pflicht zu folgen. Erhebt euch und überschwemmt die Strassen und Gassen für den Sturz von Saddam und seinen Anhängern.»
Im zweiten Golf-Krieg warf die US-geführte Koalition diese gefälschte Dinar-Note über den Irakern ab. Auf der Rückseite stand folgende Botschaft: «Es gibt keinen Unterschied zwischen Ihrem Geld und diesem Stück Papier. Wertloses Geld ist im Land reichlich vorhanden, und die Verarmung breitet sich aus. Es ist keine Abhilfe vorhanden. Das Leiden nimmt zu. Es gibt keine Nahrung, aber es gibt Schmutz. Es ist weder Seife noch Wasser zu finden. Die Dunkelheit hat sich festgesetzt. Der Strom ist abgeschaltet. Sie sind in Not. Sie haben Bedürfnisse, aber Ihre Frau ist nicht bei Ihnen. Sie haben Angst vor Saddam, aber Sie gehorchen ihm trotzdem. Sie befinden sich in unmittelbarer Todesgefahr, haben aber keine Pläne, das zu ändern. Oh Menschen im Irak, ihr habt das Recht, etwas zu tun, aber ihr sitzt in eurem Haus. Oh Soldaten, oh Zivilisten, oh Älteste, oh Jugend, oh Frauen, oh Männer. Die Zeit ist gekommen, dem Ruf der Pflicht zu folgen. Erhebt euch und überschwemmt die Strassen und Gassen für den Sturz von Saddam und seinen Anhängern.» bild: https://www.govmint.com/8pc-gulf-war-leaflets-collection

Zum Beispiel?
Die US-Armee wäre zum Beispiel auch in der Lage, eine Zeitung so zu drucken, dass die Bevölkerung im ersten Moment denkt, es sei eine Information aus den eigenen Reihen. Heute gibt es ähnliche Methoden für den Online-Bereich. Auch Fernseh- und Radio-Sendungen können sie teilweise so manipulieren, dass es den eigenen Zielen nützt.

Die SMS sind also vielleicht neu. Die Versuche, den Gegner mit Informationen zu bearbeiten, gibt es aber schon lange.
Täuschung und Gegentäuschung ist ein Merkmal kriegerischer Konflikte, seit es kriegerische Konflikte gibt.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

So leidet die russische Bevölkerung unter dem Ukraine-Krieg

1 / 13
So leidet die russische Bevölkerung unter dem Ukraine-Krieg
quelle: keystone / anatoly maltsev
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Angriff auf Charkiw – dieser Raketeneinschlag ging zum Glück schief

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

88 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Prinz Eugen
31.03.2022 11:05registriert März 2021
man kann nur hoffen, dass dieses kranke System in den nächsten Wochen kollabiert. es wird schwierig sein die Rekruten abzuwerben da sie dermassen manipuliert wurden. Doch je länger der Krieg geht desto grösser ist die Chance, dass es Leute gibt die wirklich beginnen kritisch zu denken (hier wären echte Querdenker gebraucht nicht solche die mit verkehrten Schildern durch unsere Strassen irren). Entweder gibt es in den oberen Rängen Leute die langsam rebellieren oder die Fussoldaten machen einfach nicht mehr das was ihnen gesagt wird und lassen so die Armee kollabieren. Beides Wunschszenarien.
1256
Melden
Zum Kommentar
avatar
Wenzel der Faule
31.03.2022 11:06registriert April 2018
Ich habe gehört, dass in Russland viele Soldaten und Rekruten auch ohne Krieg sterben. Nicht einhalten von Sicherheitsmassnahmen, Misshandlungen und Selbstmorde sind die Gründe.

Kein Wunder ist die Moral so tief, bei diesen gedemütigten 18-20 Jährigen Soldaten.

Ich halte die Moral für einen entscheidenden Faktor in diesem Krieg.
1123
Melden
Zum Kommentar
avatar
Geläutert
31.03.2022 11:31registriert April 2020
Bei der ‹Dedowschtschina› sind Faustschläge noch das angenehmste! Essen vom Toilettenboden und noch viele weitere psychologische massivste Erniedrigungen werden nach wie vor durchgeführt. Es sterben jedes Jahr ebenfalls mehrere Rekruten an den Folter-ähnlichen Behandlungen.
1032
Melden
Zum Kommentar
88
Oberster Arbeitgeber glaubt nicht an Lohnerhöhungen: «Es wird ein Herbst wie jeder andere»
Valentin Vogt, der oberste Arbeitgeber der Schweiz, erwartet gegen Ende Jahr eine deutliche Abkühlung der Konjunktur. Im Interview spricht er über die Forderungen der Gewerkschaften und die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die Löhne.

In Gewerkschaftskreisen gibt es Forderungen nach bis zu 5 Prozent mehr Lohn. Kommt jetzt der grosse Lohnherbst?
Valentin Vogt: Nein, das glaube ich nicht.

Zur Story