Du magst die WM-Trinkpause nicht? Dann lies lieber nicht weiter
71. Minute in Los Angeles, zwischen der Schweiz und Bosnien-Herzegowina steht es immer noch 0:0. Die drei Minuten lange Trinkpause ist vorbei – und Natitrainer Murat Yakin wechselt gleich drei Spieler aufs Mal.
Wer sich fragte, warum Yakin nicht früher neue Offensivkräfte brachte, erhielt die Antwort nach dem Spiel. Für ihn stelle diese drei Minuten lange Trinkpause ein wichtiges taktisches Element dar, erklärte Yakin. Er habe bewusst nicht schon zuvor gewechselt: «Wir wollten dem Gegner deshalb nicht schon vorher zeigen, welche Taktik wir haben.»
Trinkpausen sind vorgeschrieben
Mit den Jokern wechselte der Trainer den 4:1-Sieg ein. Johan Manzambi traf zum 1:0 und 3:0, dazwischen trug sich Ruben Vargas in die Torschützenliste ein. Murat Yakin durfte sich einmal mehr als Taktikfuchs feiern lassen.
Der Schweizer Nationaltrainer passte sich den neuen Umständen an. Der Weltverband FIFA hat für die WM in den USA, Kanada und Mexiko die «Hydration Breaks» eingeführt. Nach 22 Minuten jeder Halbzeit ruht das Spiel für drei Minuten, damit sich die Spieler erfrischen können. Egal, ob die Sonne brennt oder unter dem Dach eines klimatisierten Stadions gespielt wird: Jede Begegnung hat zwei Trinkpausen.
Mehreinnahmen für TV-Sender
Dass die Trinkpausen auch wirtschaftliche Interessen bedienen, ist offensichtlich. Fernsehsender können während des Unterbruchs Werbung schalten und es werden dieser Tage viele Berechnungen angestellt, um wie hohe Einnahmen es geht. Alleine in den USA sollen mit den Trinkpausen an dieser WM 250 Millionen Dollar (200 Millionen Franken) eingenommen werden. Auch das Schweizer Fernsehen verzichtet nicht auf diesen Werbeplatz, der für interessierte Firmen höchst attraktiv ist.
In den Vereinigten Staaten ist der Sportkonsument an viele Unterbrüche gewohnt. In traditionellen Fussballländern ist der Widerstand gegen eine Vierteilung des Spiels grösser. Der europäische Fussballverband UEFA liess gegenüber der britischen BBC verlauten, man habe keine Pläne für die Einführung von Trinkpausen in seinen Wettbewerben. Das betreffe sowohl die EM 2028 wie auch die Champions League.
«Es gibt kein Zurück»
Anders sieht es an Weltmeisterschaften aus. Die FIFA hat zwar noch nicht bekanntgegeben, ob sie die Trinkpausen für die WM 2030 beibehalten will. Angesichts der Tatsache, dass man ihre Einführung mit der Gesundheit der Spieler bei grosser Hitze begründet und das nächste Turnier in den heissen Ländern Spanien, Portugal und Marokko ausgetragen wird, darf man davon ausgehen.
«Es gibt kein Zurück», ist Dennis Deninger überzeugt. Der Autor eines Buchs über TV-Sportrechte sagt: «Wenn sich die Gelegenheit bietet, mehr Geld zu verdienen, sagt niemand: ‹Lasst uns weniger Geld verdienen.›» Wenn die FIFA das nächste Mal mit Fernsehsendern verhandle, könne sie argumentieren, dass ihr Produkt mehr wert sei, weil die Sender dank der Trinkpausen höhere Einnahmen generieren können. Bereits die Erhöhung des Teilnehmerfelds von 32 auf 48 Teams und damit verbunden die Ausweitung auf 104 Spiele sorgten dafür, dass die FIFA höhere Preise verlangen und die Sender zusätzliche Werbeplätze verkaufen konnten.
Der Fussball verändert sich laufend
Langjährige Fussballfans mögen die Trinkpausen erzürnen. Doch ein jüngeres Publikum vergraulen sie womöglich nicht. Es ist sich von Instagram, TikTok und Co. an «Kurzfutter» gewohnt. Wenn ein Fussballspiel in Viertel statt Hälften portioniert wird, stört das diese Zuschauer weniger. Andrea Agnelli sprach als damaliger Präsident von Juventus Turin schon vor einigen Jahren darüber, wie sich die Aufmerksamkeitsspanne verringere und dass der Fussball darum kämpfen müsse, auch morgen noch Fans zu haben.
Sprache wandelt sich, Städte und Länder entwickeln sich, Menschen verändern sich und auch der Fussball wird immer wieder neu gestaltet. Das Bosman-Urteil veränderte die Spielregeln neben dem Platz, die Rückpassregel den Spielaufbau, die Anzahl Auswechslungen wurde auf mittlerweile fünf erhöht und die einschneidendste Änderung der letzten Jahre war die Einführung des Videoschiedsrichters. Der Fussball wird es überleben, wenn WM-Spiele nicht zwei Halbzeiten, sondern vier Abschnitte haben. Auch wenn jetzt noch viele Fans den Kopf schütteln.
