Wirtschaft
Schweiz

«Kompass/Europa» fordert Lösung beim Strom mit der EU – Kritik folgt

3 Herren versenkten das Rahmenabkommen, nun wollen ausgerechnet sie mit der EU verhandeln

In einem Brief an alle Parlamentarier fordert «Kompass/Europa» eine Lösung beim Strom mit der EU. Das sorgt nun für Häme – weil die Allianz das Rahmenabkommen an vorderster Front mit versenkte.
25.08.2022, 21:3225.08.2022, 21:40
Othmar von Matt / ch media

Der Brief von «Kompass/Europa» ging an alle 246 Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Darin fordert die Allianz, die gegen das Rahmenabkommen mit der EU gegründet worden war, «konsequentes Handeln» in der Stromkrise.

Die Gründer der Partners Group sind auch die Gründer von «Kompass/Europa» (von links): Urs Wietlisbach, Alfred Gantner und Marcel Erni.
Die Gründer der Partners Group sind auch die Gründer von «Kompass/Europa» (von links): Urs Wietlisbach, Alfred Gantner und Marcel Erni.Bild: Gian Marco, Castelberg/13 Photo

Gefragt sind nun für «Kompass/Europa» plötzlich hochrangige Kontakte nach Brüssel. «Die Schweiz muss auf höchster diplomatischer Ebene den Kontakt zur EU und insbesondere zu den Nachbarländern organisieren, um eine baldige, nachhaltige und gute Lösung im Stromdossier zu erreichen», schreibt die Allianz in ihrem Brief.

Als Übergangslösung denkt sie an ein «separates Interimsabkommen» über Strom. In eindringlichen Worten fordert sie: «Auf den Abschluss eines solchen ist mit aller Kraft und mit allen Mitteln – inklusive Druck aus dem Parlament – hinzuarbeiten.»

Das Dilemma beim Strom bleibe für die Schweiz auch nach allfälligen Solidaritätsabkommen mit Deutschland, Frankreich und Italien ungelöst, betont die Allianz: «Das sind reine Kriseninstrumente ohne nachhaltigen Charakter.»

«Willkommen im Klub!»

Der Brief von «Kompass/Europa» sorgt für Häme bei Befürworterinnen und Befürwortern des Rahmenabkommens. «Willkommen im Klub!», sagt etwa Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. «Endlich hat auch ?Kompass/Europa? gemerkt, dass es ohne Abkommen nicht geht.»

Die Energiekrise führe der Schweiz deutlich vor Augen, «welche Folgen es hat, dass wir das Rahmenabkommen abgelehnt haben», sagt Schneider-Schneiter. «Wir hatten lange genug Gelegenheit, Teil des europäischen Energie-Binnenmarktes zu werden.»

SP-Nationalrat Nussbaumer spricht von «Traumtänzerei»

Was «Kompass/Europa» vorschlage, sei «Traumtänzerei», sagt SP-Nationalrat Eric Nussbaumer. Schon alleine der Begriff «Interim» sei höchst vage. «Wie lange dauert ?interim?»?, fragt Nussbaumer rhetorisch. Zudem impliziere «interim», dass dann ein echtes Abkommen folgen müsse.

Nussbaumer stört sich auch an der Formulierung, die Schweiz müsse die Kontakte «auf höchster diplomatischer Ebene» intensivieren. «Das ist absurd», sagt er. «?Kompass/Europa? soll doch einfach mit sich selbst verhandeln.»

Die Schweiz erhalte kein Interimsabkommen, «solange sie nicht ihre Gesamtbeziehung mit der EU regelt», sagt Nussbaumer. «Und das bedeutet, dass die institutionelle Frage geklärt werden muss.»

«Kompass/Europa» will einen Ansatz auf technischer Ebene

Die Allianz hat die Forderung nach einem Interimsabkommen mit der EU erstmals im September 2021 aufgestellt, als sie ihr «Whitepaper Stromsystem Schweiz-Europa» publizierte. Sie verfolgt mit ihm einen technischen Ansatz.

«Da ein vollständiges Stromabkommen politisch blockiert ist, gilt es nun, zusammen mit der EU auf ein Interimsabkommen über Strom hinzuarbeiten», heisst es darin. «Dieses soll eine Übergangslösung auf der Basis eines technischen Stromabkommens darstellen.»

«Kompass/Europa» spricht sich für Gaskraftwerke aus
In ihrem Brief an alle 246 Parlamentarierinnen und Parlamentarier spricht sich die Allianz «Kompass/Europa» für einen «ideologiefreien und technologieneutralen» Ansatz aus beim Ausbau und der Förderung der Stromerzeugung. Sie will die Stromkapazitäten kurzfristig über weitgehend CO2-neutrale Gaskraftwerke sicherstellen. Auch mittelfristig benötige die Schweiz Reservekraftwerke, die realistischerweise mit Gas befeuert werden müssten, heisst es im Brief. Und auch langfristig könnten nur Gaskraftwerke, die sich bereits im Markt befänden, den Selbstversorgungsgrad der Schweiz erheblich erhöhen – falls der Ausbau der erneuerbaren Energien ungenügend ausfalle. (att)

Gleichzeitig wird im Papier von 2021 betont, die Schweiz müsste in einem solchen technischen Stromabkommen die institutionellen EU-Regelungen akzeptieren, die notwendig seien.

Die SVP stützt die Idee von «Kompass/Europa»

Die SVP nimmt die Idee der Allianz mit einem gewissen Wohlwollen zur Kenntnis. Er sei nicht dagegen, dass man ein Interimsabkommen zu realisieren versuche, betont SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi. «Auch wenn uns das bei einer Strommangellage in ganz Europa nicht weiterhilft.»

Die SVP selbst hat 2020 eine vergleichbare Motion eingereicht. Darin fordert Nationalrat Christian Imark, dass die Schweiz rasch systemtechnische Abkommen im Energiebereich mit den Nachbarländern abschliesse, um die Netzstabilität sicherzustellen und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Der Bundesrat lehnt die Motion ab. Sie wurde vom Nationalrat noch nicht behandelt.

SVP-Fraktionschef Aeschi betont, die Schweiz und die EU hätten gegenseitig ein Interesse daran, sich im Strombereich zu koordinieren. «Wir sind mit 41 Netzübergängen stark in das europäische Netz eingebunden, während zum Beispiel Italien einen Grossteil seines Importstroms über das Schweizer Netz bezieht.»

Die Antwort des Bundesrats lässt keine Fragen offen

Mitte-Nationalrätin Schneider-Schneiter hingegen betont, dass der Versuch eines technischen Interimsabkommens ins Niemandsland führt. «Das ist chancenlos», sagt sie.

Schneider-Schneiter weiss, wovon sie spricht. Ende 2021 reichte sie im Namen der Mitte-Fraktion eine Motion ein. Sie forderte darin, technische Vereinbarungen im Strombereich mit der EU und/oder den Mitgliedstaaten abzuschliessen.

Die Antwort des Bundesrats vom 16. Februar 2022 zeigt aber, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt - auch wenn er in der Schweiz mehrheitsfähig wäre. «Die EU macht eine Fortsetzung der Verhandlungen weiterhin von der Klärung der institutionellen Fragen abhängig», schreibt die Regierung. «Die EU lehnt es ab, ein technisches Stromabkommen mit der Schweiz ohne institutionelle Lösung zu verhandeln.» (bzbasel.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Bilder, die beweisen, dass hier keine Techniker am Werk waren
1 / 27
Bilder, die beweisen, dass hier keine Techniker am Werk waren
bild: imgur
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Adolf Ogi wollte bereits 1989 Strom sparen – das SRF machte sich über ihn lustig
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Hier kannst du ab Montag selbstfahrende Autos nutzen
Der Pilotversuch mit selbstfahrenden Autos im Kanton Zürich geht los: Ab Montag können Passagiere im Furttal erstmals in der Schweiz solche Autos buchen und nutzen. Zur Sicherheit sitzt weiterhin eine Person am Steuer. Später sollen Kleinbusse ganz ohne Sicherheitsperson unterwegs sein.
Zur Story