Muss Undav von Beginn an ran? Nagelsmann und die Experten sind sich einig
Dreimal sagt Jonathan Tah nach dem 2:1-Sieg der Deutschen gegen die Elfenbeinküste über den Doppeltorschützen Deniz Undav dasselbe Wort.
Wie sich der Joker nach seiner Einwechslung ins Spiel eingebracht hat? «Überragend!» Wie er sich auf seine Aufgabe fokussiert und sich nicht von aussen ablenken lässt? «Überragend!» Wie er sich verhält, auch wenn er nicht spielt? Natürlich: «Überragend! Wenn er auf der Bank sitzt, pusht er das Team. In der Halbzeit pusht er das Team. Und wenn er reinkommt, pusht er das Team und macht seine Tore.»
Schon beim 7:1-Sieg gegen Curaçao zum WM-Auftakt erzielte Undav nach seiner Einwechslung in der 64. Minute ein Tor und bereitete zwei weitere vor. Nun kam er bereits nach einer Stunde und brachte mit einem Doppelpack noch die Wende gegen die Elfenbeinküste. Bei fünf Toren der Deutschen stand er auf dem Feld – an allen fünf war er beteiligt. Seine Bilanz nach zwei Spielen an der Weltmeisterschaft? 70 Minuten, drei Tore, zwei Assists. Oder wie Abwehrchef Tah sagen würde: überragend!
Trainer Nagelsmann lobt – und bremst
Auch Trainer Julian Nagelsmann lobte seinen Matchwinner nach dem Sieg im Interview beim ZDF: «Deniz ist ein Vollblutstürmer. Er weiss einfach, wo das Tor steht, und macht zwei super Tore!» Undav habe Deutschland mit seinem Laufverhalten im Strafraum eine Komponente gebracht, die dem Team vorher gefehlt habe. «Wir haben vorher viel drumherumgespielt. Durch ihn kam dann mehr Zug in den Sechzehner», so der 38-jährige Trainer.
Die Frage danach, ob Undav denn nun in die Startformation rücken würde, stellte Nagelsmann gleich selbst. Ihm war wohl klar, dass der Druck auf ihn mit Undavs neuerlicher Topleistung noch grösser werden dürfte, nachdem die Frage schon in den letzten Tagen ganz Fussballdeutschland beschäftigt hatte – ähnlich wie die Schweiz die Personalie Johan Manzambi. Viele forderten, dass Nagelsmann Undav eine der vier Positionen in der Offensive zuspreche. Diese bekleideten in den ersten beiden Spielen Jamal Musiala, Florian Wirtz, Leroy Sané und Kai Havertz. Besonders Sané stand in der Kritik.
Nagelsmann sagte dazu: «Es ist im Bereich des Möglichen. Aber Deniz erfüllt seine Rolle herausragend gut und seine Torquote ist unfassbar wichtig für uns.» Der Bundestrainer sieht Argumente für beide Seiten: «Einerseits können wir ihn in seinem Flow und seiner Rolle lassen, weil er da getroffen, ein Spiel mitgestaltet und nun eines entschieden hat. Andererseits können wir ihn auch von Anfang an bringen. Es ist beides absolut möglich.» Er lässt sich also vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ecuador nicht in die Karten blicken.
Ein besserer Joker als ein Stammspieler?
Womöglich hat Nagelsmann da auch aus der Diskussion nach den Testspielen im März gelernt. Damals kritisierte der DFB-Coach seinen Stürmer öffentlich und sagte auch, dass er nur getroffen habe, weil er noch frisch gewesen sei. Später suchte der Bundestrainer das Gespräch mit Undav und entschuldigte sich. Falls es Differenzen gegeben hat, sind diese aus der Welt geschafft. Doch deutet Nagelsmann zumindest erneut an, dass Undav die Rolle als Joker gut stehe: «Die Räume werden ein bisschen grösser und er hat ein Supergen, diese auszunutzen.»
Unterstützung erhält er dabei von den deutschen Experten im ZDF-Studio. Weltmeister Christoph Kramer sagt: «Es ist ein Riesenunterschied, ob du reinkommst oder von Anfang an spielst. Die Räume werden grösser und das kommt ihm entgegen. Die zweite Halbzeit liegt Deniz Undav besser als die erste.» Der langjährige Freiburg-Trainer Christian Streich stellt gar klar: «Ich würde mit Undav reden, ihm sagen, dass er auf einem guten Weg ist und alles wunderbar läuft. Dann würde ich wieder auf dasselbe Team setzen und ihn einwechseln.»
Und mit Fritzy Kromp, Trainerin von Werder Bremen in der Bundesliga der Frauen, schlägt eine dritte Expertin in dieselbe Kerbe. Auch wenn sie vorausschickt, dass sie ein grosser Fan von Undav sei und ihn gerne von Anfang an in einer grösseren Rolle gesehen hätte, sagte sie: «Er ist jetzt in dieser Jokerrolle und das ändert man als Trainer nicht so schnell. Weil er genau das tut, was er machen soll: reinkommen und Tore schiessen.»
Undav bleibt sich treu
Aber wie sieht eigentlich Deniz Undav selbst die ganze Debatte? Der 29-Jährige bleibt sich treu und zeigt sich völlig unbeeindruckt. Darauf angesprochen, wie er nach seinen Einwechslungen jeweils so schnell einen Einfluss haben könne, zeigte sich der Stürmer des VfB Stuttgart selbstbewusst, stellte aber das Team in den Vordergrund: «Ich weiss, dass ich in jedem Spiel treffen kann – vor allem mit diesen überragenden Mitspielern, die machen es mir einfach.»
Über die Diskussion um seine Rolle sagte er nichts, nur so viel: «Wir haben Topeinwechslungen gehabt und das ist ein sehr wichtiges Zeichen für das Team.»
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