Unvergessen
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Alex Zuelle of Switzerland waves on the podium after he won the 9th stage of the Tour de France cycling race between Le Grand Bornand and La Plagne, French Alps Tuesday July 11, 1995.(AP Photo/Peter Dejong)

Zülle lässt sich in La Plagne von Ehrendamen und Publikum feiern. Bild: AP NY

Unvergessen

Alex Zülle fordert mit Triumph nach 100-km-Flucht Miguel Indurain heraus

11. Juli 1995: In den Alpen werden in der 9. Etappe der Tour de France die Weichen gestellt. Bei Alex Zülle hat sich nach einem verpatzten Zeitfahren viel Wut im Bauch aufgestaut – und die treibt ihn zu einem fantastischen Solosieg an. Er verbessert sich auf Gesamtrang 2, den er bis zum Ende verteidigt.

Dominik Moser / Keystone-SDA



Alex Zülle war in den Neunzigerjahren eines der grossen Aushängeschilder im Schweizer Radsport. Der Zeitfahr-Spezialist trug die Leadertrikots aller grossen Rundfahrten. Unvergessen bleibt sein prächtiges Solo an der Tour de France 1995.

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Die Etappenzusammenfassung auf französisch (5 Min.). Video: YouTube/yannhay

Genau ein Vierteljahrhundert ist es her, da feierte Zülle in der Alpenetappe von Le Grand-Bornand nach La Plagne nach einer langen Flucht solo seinen ersten Etappensieg im Rahmen der Frankreich-Rundfahrt. Für den damals 27-jährigen Ostschweizer war es zu jenem Zeitpunkt der grösste Erfolg seiner 1991 gestarteten Profi-Karriere. Sein Triumph auf knapp 2000 Metern über Meer war deutlich höher einzustufen als das drei Jahre zuvor errungene Maillot jaune oder die Gesamtsiege bei der Fernfahrt Paris – Nizza und der Baskenland-Rundfahrt.

«Ich hatte etwas gutzumachen»

Mehr Wert noch als der Sieg hatte für Zülle, wie dieser zustande gekommen war. Die erste Tour-Woche war für den Fahrer der spanischen Sportgruppe Once nicht so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Besonders das missratene Zeitfahren, das ihm fast vier Minuten Zeitverlust auf Miguel Indurain eingebrockt hatte, stiess ihm sauer auf. «Ich hatte etwas gutzumachen nach diesem Zeitfahren», gestand Zülle, eigentlich ein Spezialist im Kampf gegen die Uhr, am Abend seines grössten Triumphs.

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Die Etappenzusammenfassung auf englisch (24 Min.). Video: YouTube/Ehe Life Cycle

Mit der Wut im Bauch und einem Ruhetag in den Beinen griff der Schweizer 100 km vor dem Ziel am Col des Saisies an und wollte sich und der Welt beweisen, was wirklich ihn ihm steckt. Bereits am Fusse des zweiten grossen Passes, dem Cormet de Roselend, liess Zülle seine beiden Begleiter Bo Hamburger und Federico Muñoz stehen und absolvierte die restlichen 68 km alleine an der Spitze. Auf der Passhöhe war er zwischenzeitlich sogar virtueller Leader.

Leiden am Berg

Doch die 17 km lange Schlusssteigung hinauf nach La Plagne entwickelte sich für den Wiler, der dafür bekannt war, weit über seine Schmerzgrenzen hinauszugehen, zu einer schier endlosen Leidensfahrt. Letztlich rettete Zülle nach 160 km den Sieg ins Ziel. Im Gesamtklassement machte er damit einen Sprung vom 9. auf den 2. Platz. Diese Position verteidigte er in den restlichen elf Etappen bis nach Paris souverän. In den Alpen und den Pyrenäen blieb er stets am Hinterrad von Indurain, der seinen fünften Gesamtsieg in Folge bei der «Grande Boucle» feierte.

Tour de France winner Miguel Indurain of Spain, center, poses with second-placed Alex Zulle of Switzerland, right, and Bjarne Riis of Denmark after the final stage in Paris Sunday July 23, 1995. Indurain won his fifth straight Tour de France. (AP Photo/Laurent Rebours)

Das Tour-Podest 1995: Bjarne Riis (3.), Sieger Miguel Indurain und Alex Zülle (2.). Bild: AP NY

Mit seinem grandiosen Solosieg leitete Zülle eine Art Wachablösung im Schweizer Lager ein. Statt wie in den Jahren zuvor Tony Rominger, galt fortan Zülle als erster Herausforderer des übermächtigen Spaniers Indurain. Rominger, der im selben Jahr schon den Giro und davor dreimal die Vuelta gewonnen hatte, musste sich mit dem 8. Gesamtrang begnügen.

Doping-Geständnis und triumphale Rückkehr

Den Traum vom ersten Schweizer Gesamtsieg an der Tour de France seit Hugo Koblet 1951 konnte sich Zülle allerdings nie erfüllen. Nach seinem Prolog-Sieg in 's-Hertogenbosch trug er 1996 zwar drei Tage lang das gelbe Leadertrikot. Zwei Stürze in der Abfahrt des Cormet de Roselend warfen ihn aber weit zurück. 1997 musste Zülle, der sich im Feld einen Namen als Sturzpilot gemacht hatte, die Tour nach nur vier Etappen aufgeben. Zu gross waren die Schmerzen infolge der erst zweieinhalb Wochen zuvor erfolgten Operation am angebrochenen Schlüsselbein.

Alex Zuelle of Switzerland puts on a cowbell offered to him prior to the start of the 10th stage of the Tour de France cycling race between Aime-La Plagne and L'Alpe d'Huez, French Alps Wednesday July 12, 1995. (AP Photo/Peter Dejong)

Wie macht man am besten «s'Chalb»? Indem man sich eine Kuhglocke umhängt. Zülle vor dem Start zur Etappe am nächsten Tag, hinauf nach Alpe d'Huez. Marco Pantani gewann dort solo vor Indurain und Zülle. Bild: AP NY

Dann folgte der Wechsel zu Festina und 1998 das dunkelste Kapitel in der Laufbahn des mittlerweile zweifachen Vuelta-Gesamtsiegers. Im Zuge eines gross angelegten Dopingskandals wurde Zülle wie seine Festina-Teamkollegen und andere Fahrer auch von der Tour de France ausgeschlossen. Später gestand er den Gebrauch von EPO.

Die Nachfolger von Ferdy Kübler und Hugo Koblet in den 90er-Jahren: Alex Zülle und Tony Rominger.

Nach einer siebenmonatigen Sperre kehrte Zülle im Frühjahr 1999 zurück. Drei Monate nach seinem Comeback wurde er hinter dem mittlerweile aus den Siegerlisten gestrichenen Amerikaner Lance Armstrong erneut Gesamtzweiter der Tour de France.

Das Tour-Podium 1999: Zülle (2.) neben Sieger Lance Armstrong und Fernando Escartin (3.).

Im Jahr darauf stieg er in der letzten Tour-Woche mit grossem Rückstand aus. Danach gewann er 2002 zwar noch die Tour de Suisse, zur Frankreich-Rundfahrt trat er bis zu seinem Rücktritt im Jahr 2004 aber nicht mehr an.

Vom Pinsel übers Velo zu den Hanteln

Heute leitet der gelernte Maler ein Fitnesscenter in Uzwil. Der zweifache Familienvater kommt mit seiner offenen Art bei der Kundschaft gut an. Über seine Zeit als Veloprofi möchte er jedoch nicht mehr Auskunft geben, «obwohl sich zuletzt die Anfragen wieder gehäuft haben». Es scheint, als habe er mit dem professionellen Radsport abgeschlossen.

Ganz auf das Zweirad verzichtet Zülle aber auch heute nicht. Noch immer spult er seine Kilometer ab. Kürzlich begleitete er Michael Albasini ein Stück auf dessen Abschiedstour durch die Schweiz. Die Leidensfahrten früherer Tage sind jedoch weit weg. Mittlerweile steht für Zülle der Genuss im Vordergrund.

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In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Tour de France: Perlen aus unserem Archiv

29 Wörter, die im St.Galler Dialekt herrlich klingen

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bärtiger 11.07.2020 09:35
    Highlight Highlight Damals war der Radsport weitaus interessanter als heute, auch wegen den vielen starken Schweizer Fahrern, die an einer grossen Tour um den Sieg kämpfen konnten. Die heutigen Schweizer Veloprofis kommen um den Status als Wasserträger kaum heraus.
    • winglet55 11.07.2020 12:59
      Highlight Highlight Dank den Top Dopern, ich erinnere mich an Zülle als er erwischt wurde und in die Fernsehkameras geheult hat!
    • Bärtiger 11.07.2020 16:02
      Highlight Highlight Gedopt haben damals alle. Zülle, Rominger, Dufaux, Meier, Camenzind und Co. waren trotzdem Top-Fahrer und man darf ihre Leistungen nicht unterschätzen. Heute ruhen die Hoffnungen auf Marc Hirschi.
    • winglet55 11.07.2020 17:01
      Highlight Highlight Alle haben behauptet sie fahren sauber. Aber keiner der Grossen war es. Nur Rominger konnte Doping nicht nachgewiesen werden, da er zu der Zeit seine Karriere bereits beendet hatte..
      Beschissen wurden jene Fahrer, die wirklich sauber waren.
      Seit damals geht mir Radsport am A... vorbei.

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