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Volksfest am Sustenpass: die Tour de Suisse im Sommer 1986.
Volksfest am Sustenpass: die Tour de Suisse im Sommer 1986.Bild: KEYSTONE

7 meiner liebsten Anekdoten aus der Geschichte der Tour de Suisse

Am Samstag beginnt in Langnau die Tour de Suisse. Die 82 bisherigen Austragungen brachten 17 verschiedene Schweizer Sieger – und lieferten jede Menge Stoff für Stammtisch-Gespräche und Fachsimpeleien. Eine kleine Auswahl.
13.06.2019, 16:1613.06.2019, 17:00

Piz Winokurow

Die 3. Etappe der Tour de Suisse 2002 endet in Samnaun. Alex Zülle schlüpft dort zwar ins Leadertrikot der Rundfahrt, aber als Etappensieger rollt Alexander Winokurow drei Sekunden vor ihm über den Zielstrich. Das fuchst Zülle, denn die Organisatoren haben dem Sieger einen aussergewöhnlichen Bergpreis versprochen: Eine bis dahin namenlose Bergspitze sollte auf seinen Namen getauft werden.

Winokurow 2002 in Samnaun.
Winokurow 2002 in Samnaun.Bild: KEYSTONE

Samnaun hat also seither einen Piz Winokurow und der wird auch nicht wieder umgetauft, als der kasachische Namensgeber einige Jahre später als Dopingsünder ertappt wird.

Für den Berg muss keiner seinen Apotheker besuchen: «Viel besser als Epo ist ein guter Röteli, der reicht vollkommen aus», rät Samnauns damaliger Tourismus-Direktor den Berggängern.

Zülle tröstet sich eine Woche später mit dem Gesamtsieg darüber hinweg, dass ihm ein eigener Berg entgangen ist.

Casar «stiehlt» den Sieg

Im heissen Sommer 2003 darf ich erstmals von der Tour de Suisse berichten und wen ich als Etappensieger von Losone vor dem Mikrofon habe, kommt sehr überraschend. Sandy Casar hat gemeinsam mit Fluchtkollege Filippo Simeoni so viel Vorsprung, dass allen klar ist, dass einer der beiden gewinnen wird. Aber dann geben sie hinten Gas und vorne verplempern sie durch Taktieren viel Zeit – und so holt das Feld die Flüchtlinge 300 Meter vor dem Ziel noch ein. Kim Kirchen prescht hervor und scheint den Sprintern ein Schnippchen schlagen zu können. Schon jubelt der Luxemburger – aber genau vor dem Zielstrich taucht Casar aus seinem Windschatten auf, um die Etappe doch noch zu gewinnen:

Video: streamja

Was für ein denkwürdiges Finale im Tessin! Das habe er noch nie erlebt, staunt selbst Renndirektor Tony Rominger. Sandy Casar schildert es so: «Ich bin nicht 140 Kilometer vorausgefahren, um so geschlagen zu werden. Die andern sind auch schnell gefahren und müde, und wer wie Kirchen einen so langen Sprint wagt, erst recht.»

Postkarte vom Simplon

Niemals in der Geschichte müssen die Rennfahrer eine längere Strecke bewältigen als am 2. August 1949. Von Ascona geht es über 350 Kilometer nach Genf, Start ist um 7 Uhr morgens. Der Legende nach fährt der Franzose André Brulé so schnell den Simplonpass hoch, dass er die Passhöhe eine Viertelstunde vor dem Feld erreicht. Er entscheidet sich deshalb zu einer Rast und schreibt im Restaurant Ansichtskarten. Dennoch gewinnt Brulé die Etappe.

Brulé flickt an der Tour de France 1950 einen Platten.
Brulé flickt an der Tour de France 1950 einen Platten.bild: archiv

Die Anekdote ist gut – aber vermutlich ist sie erfunden. Die NZZ berichtet damals von einer Ausreissergruppe, die gemeinsam den Simplon erklimmt. Brulé erreicht den Bergpreis als Zweiter, 22 Sekunden hinter dem Schweizer Martin Metzger. Von Postkarten ist nicht die Rede. Fragen können wir Brulé nicht mehr, 2015 ist er mit 93 Jahren gestorben. Wahr ist immerhin: Der Etappensieger in Genf heisst nach dem monumentalen Teilstück André Brulé.

Das Pferd, das sich für eine Bergziege hält

Wenige Kilometer vor dem Ziel in Crans-Montana fahren 2007 der Österreicher Gerrit Glomser und der Spanier David Lopez dem Feld voraus. Und für rund 200 Meter wird aus dem Spitzenduo ein -trio: Ein Pferd gesellt sich dazu. Die Fahrer zeigen sich nicht eingeschüchtert und versuchen sofort, den Windschatten ihres galoppierenden Begleiters auszunutzen:

Den Etappensieg holt sich weder das Pferd noch Glomser noch Lopez. In Crans-Montana gewinnt der Holländer Thomas Dekker.

PR-Profi Sepp Voegeli

Ein Vierteljahrhundert, von 1967 bis 1991, ist Josef «Sepp» Voegeli der Direktor der Tour de Suisse. Er macht aus der serbelnden Landesrundfahrt wieder ein Volksfest. Voegeli gelingt das nicht zuletzt deshalb, weil er alles unternimmt, damit die Schweizer Fahrer erfolgreich sind.

Bild: KEYSTONE

Der «SonntagsBlick» sitzt 1987 bei ihm im Auto, als Erich Mächler solo den Nufenenpass erklimmt. «Zwei Minuten haben Sie, fahren Sie zu, Herr Mächler!», ruft der nicht ganz so neutrale Rennleiter aus dem Auto. Oben auf der Passhöhe kippt der Tour-Direktor rasch einen Whisky-Cola hinunter. Ein anderes Mal beobachtet die NZZ, wie Voegeli neben dem bummelnden Feld herrennt und den Fahrern Beine macht. Manches Mal soll er aus dem Auto heraus ein Nötli ins Trikot eines Fahrers gesteckt haben, damit der sich besonders ins Zeug legt. Und mit dem Fahrer des Materialwagens wettet er unterwegs um Goldvreneli.

Voegeli ist ein Vermarktungsprofi, lange bevor man weiss, was das ist. Bei ihm gibt es nicht bloss den Gesamtleader und es wird nicht nur um Bergpreispunkte gekämpft. 1985 gibt es an der Tour de Suisse sagenhafte 16 Spezialpreise zu gewinnen, darunter einen «Pechvogelpreis» oder den «Preis für den charmantesten Fahrer».

DAS Duell

Es ist die wahrscheinlich berühmteste Anekdote der Tour-Geschichte, wie sich 1981 die zwei Schweizer Beat Breu und Godi Schmutz duellieren. Die ausführliche Geschichte gibt's hier:

Die Kurzfassung: Breu und Schmutz fahren im gleichen Team, beide wollen den Gesamtsieg. Der listige Schmutz informiert Breu während der Etappe von Genf nach Brig, der sportliche Leiter habe angewiesen, nicht anzugreifen. Der naive Breu kauft ihm den Schwindel ab – worauf Schmutz selber angreift und Breu das Leadertrikot auszieht. Breu ist hässig und diktiert den Reportern in die Notizblöcke: «Dä Gottfried isch für mich gschtorbe!»

Beat Breu wandelt seine Wut zwei Tage später in Watt um und stürmt in Lugano zu einem Sieg im Bergzeitfahren auf den Monte Brè, der in Monte Breu umgetauft wird. Zwei weitere Tage später steht der Ostschweizer Publikumsliebling als Sieger der Tour de Suisse fest.

Beat Breu, flankiert von Ehrendamen.
Beat Breu, flankiert von Ehrendamen.bild: keystone

Rossi in fuga!

1950 gewinnt Ferdy Kübler als erster Schweizer die Tour de France, ein Jahr später doppelt Hugo Koblet nach. In jener Frankreich-Rundfahrt gewinnt mit Giovanni Rossi ein anderer Schweizer die 1. Etappe, der Tessiner trägt damit das Maillot Jaune. Er ist also beileibe kein Hinterherfahrer – wichtig zu wissen für die Lieblingsanekdote aus der Geschichte der Tour de Suisse. Wie auch die Tatsache, dass Rossi den Ruf hat, ein Scherzkeks zu sein.

Giovanni Rossi gewinnt 1951 je eine Etappe der Tour de France und der Tour de Suisse.
Giovanni Rossi gewinnt 1951 je eine Etappe der Tour de France und der Tour de Suisse.Bild: ledicodutour

Einmal packt Giovanni Rossi die Lust und er reisst aus. Aber er denkt gar nicht an den Sieg. Als er sich genügend weit vom Feld abgesetzt hat, biegt er ab und versteckt sich hinter einer Scheune. Dort wartet Rossi, bis die anderen da sind, und fährt von hinten wieder heran. Scheinheilig fragt er einen Italiener, weshalb man denn so ein hohes Tempo angeschlagen habe. «Rossi in fuga!», ruft dieser, «Rossi ist auf der Flucht!» Ich wäre zu gerne dabei gewesen, um das Gesicht des Italieners zu sehen, als er bemerkte, wer ihn da gefragt hatte.

Bonus: Hans Jucker

Während vieler Jahre ist der SRF-Kommentator Hans Jucker DIE Stimme des Schweizer Radsports. So beginnt denn auch das legendäre Video, das ein YouTube-Hit wird, mit einem Velo-Ausschnitt. Zwar spielt er sich in der Schweiz ab, aber nicht an der Tour de Suisse. Jucker muss mit dem überraschenden, unbekannten Sieger der Züri-Metzgete 1982 ein Interview machen, Eric McKenzie aus Neuseeland. Der grossartige Einstieg:

«McKenzie, Sie sprechen Deutsch?»
«Nein.»

«Äh français
«Non.»

«Oh non … English! Wie alt sind Sie?»

Das «Best of»-Video von Hans Jucker.Video: YouTube/schnollede

Jucker hat es privat übrigens gar nicht mit Velos. «Ich habe Angst vor Fahrrädern», verrät er einst. «Ich bin seit über 40 Jahren nicht mehr im Sattel gesessen, es ist mir viel zu gefährlich», sagt Jucker, kurz bevor er in Pension geht.

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quelle: keystone / hans-ueli bloechliger
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2 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Campino
13.06.2019 18:24registriert Februar 2015
Hans Jucker, mein Held :-D
320
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N. Y. P.
13.06.2019 16:45registriert August 2018
Ich mag solche Radsport - Geschichten.

Auch Alex Zülle, nicht nur Winoukurov, wurde des Dopings überführt. Im berühmten Festina - Dopingskandal wurde erstmals öffentlich, dass systematisch gedopt wird.

Empfehlung Buch von Willy Voet lesen.

P.S. Heute arbeitet Alex Zülle als Fitness - Instruktor in einem Gym. Er könnte somit bei der Bachelorette als Kandidat mitmachen..
7 meiner liebsten Anekdoten aus der Geschichte der Tour de Suisse
Ich mag solche Radsport - Geschichten.

Auch Alex Zülle, nicht nur Winoukurov, wurde des Dopings überführt. Im berühmten Festina - Dopingskandal wurde erstmals öffentlich, dass systematisch gedopt wird. 

Empfehlung Buch von Willy Voet lesen.

P.S. Heute arbeitet Alex Zülle als Fitness - Instruktor in einem Gym. Er könnte somit bei der Bachelorette als Kandidat mitmachen..
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