AKW-Comeback in der Schweiz? Das schafft neue Angriffsziele für unsere Feinde
Es ist mittlerweile fast schon eine Binsenweisheit: Die Illusion einer sicheren Welt, dominiert von einem geeinten westlichen Block, gehört der Vergangenheit an. Grundsätzlich könnte man die Entstehung einer stärker multipolaren Weltordnung begrüssen, in der der Westen nicht mehr allein den Ton angibt.
Doch genau in diese Richtung entwickelt sich die Welt derzeit nicht. Die geopolitischen Spannungen nehmen zu, die Wirtschaft schwächelt, und das Recht des Stärkeren scheint demokratische Prinzipien, Rechtsstaatlichkeit und gemeinsame Werte zunehmend in den Hintergrund zu drängen. Auch die Schweiz bleibt davon nicht verschont. Sie ist keine Insel, die ignorieren kann, was sich jenseits ihrer Grenzen abspielt.
Röstibrücke
Jeden Sonntag lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.
Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Ivan Slatkine (Verleger) und die QoQa-Otte.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Und genau in diesem angespannten Umfeld kehrt in der Schweiz die Debatte über die Atomkraft zurück. Eines vorweg: Ich behaupte nicht, dass jede Form von Kernenergie per se schlecht ist. Im Gegenteil: Reaktoren der sogenannten vierten Generation könnten durchaus interessant sein – vorausgesetzt, sie lassen sich überhaupt kommerziell betreiben und wirtschaftlich rentabel nutzen. Und machen wir uns nichts vor: Auch die meisten Solarpanels enthalten Bauteile «Made in China», selbst wenn sie in Europa montiert werden. Ja, auch bei erneuerbaren Energien sind wir von anderen Grossmächten abhängig. Doch worin liegt dann das Problem der Atomkraft?
Die heutigen Atomkraftwerke sind ideale Angriffsziele – sei es für terroristische Anschläge oder im Kriegsfall. Anders als gewisse Anlagen, etwa zentrale Bankserver oder bestimmte militärische Infrastrukturen, deren Standorte aus Sicherheitsgründen geheim gehalten werden, lassen sich Kernkraftwerke nicht verstecken. Sie sind weithin sichtbar, fest verankert und für potenzielle Angreifer leicht lokalisierbar.
Und es dürfte niemandem entgangen sein, dass das Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine kurz nach Beginn des Krieges zu den ersten strategisch wichtigen Infrastrukturen gehörte, die angegriffen wurden. Warum? Nicht in erster Linie, um eine Katastrophe vom Ausmass von Tschernobyl oder Fukushima auszulösen, die die ukrainische Bevölkerung treffen würde. Mehrere Experten weisen vielmehr darauf hin, dass ein Unfall desselben Typs und derselben Grössenordnung wie in Tschernobyl in Saporischschja aus technischen und physikalischen Gründen gar nicht möglich wäre.
Ein Angriff auf das ukrainische Kernkraftwerk hätte jedoch das Funktionieren des Landes massiv beeinträchtigen können – insbesondere durch die Stromknappheit, die ein Ausfall der Anlage verursacht hätte. Und wir? Statt Lehren aus den Ereignissen im Ausland zu ziehen, setzen wir die Debatte über neue Atomkraftwerke wieder auf die politische Agenda.
Konkret stellen wir uns also die Frage, ob wir potenziellen Angreifern nicht auf dem Silbertablett ein ideales Ziel bieten wollen – in Form eines Kernkraftwerks. Dafür braucht es nicht einmal schwere Waffen. Auch ein Cyberangriff könnte ausreichen. Und es braucht nicht einmal einen Krieg: Schon ein Grossanlass wie der G7-Gipfel genügt, damit solche Anlagen zu besonders sensiblen Zielen werden und die volle Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden auf sich ziehen.
Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, Volksentscheide immer wieder infrage zu stellen. Indem wir die Atomkraft erneut auf die politische Agenda setzen, bremsen wir vor allem den Ausbau der erneuerbaren Energien – obwohl diese dank ihrer dezentralen Struktur deutlich geringere Risiken für die Sicherheit unseres Landes mit sich bringen. Wir richten den Fokus auf eine Technologie, deren heute verfügbare Generationen (die sogenannten Reaktoren der Generation 3 und 3+) überholt sind, während die Technologien der Zukunft noch gar nicht einsatzbereit sind. Und all das um den Preis eines aus meiner Sicht unnötigen Risikos. Keine besonders erfreulichen Aussichten.
