Strom aus Erdwärme: Kommt es trotz Erdbeben zum Revival?
Im Dezember 2006 bebte in Basel die Erde. Das war so weit nicht aussergewöhnlich. Der Oberrheingraben ist eine der aktivsten Erdbebenzonen in Europa. 650 Jahre zuvor, im Oktober 1356, ereignete sich in Basel das gemäss der ETH Zürich schwerste Erdbeben seit Menschengedenken in Zentraleuropa, mit einer geschätzten Stärke von 6,6.
Das Beben von 2006 hatte «nur» eine Stärke von 3,5. Dennoch sorgte es im realen und im übertragenen Sinn für Erschütterungen. Denn es war kein Naturereignis, sondern von Menschen gemacht. Ursache war das Projekt Deep Heat Mining zur Stromerzeugung aus Erdwärme oder Geothermie. Dabei wurde Wasser unter hohem Druck in warme Erdschichten gepresst.
Mit kleineren Beben hatte man gerechnet, aber nicht mit derartigen Erdstössen. Es entstanden Schäden in Millionenhöhe, die Bevölkerung war geschockt, die zuständige Regierungsrätin wurde zum Rücktritt aufgefordert. Als 2013 ein anderes Geothermieprojekt in St.Gallen ebenfalls ein Erdbeben auslöste, schien die Technologie in der Schweiz erledigt zu sein.
Bei Erdsonden führend
Das galt allerdings nur für die Stromerzeugung. Bei der Nutzung von Geothermie zum Heizen durch Erdsonden und Wärmepumpen gilt die Schweiz europaweit als führend. Dabei geht man maximal 500 Meter unter die Erdoberfläche. Für die Stromproduktion mit der sogenannten Tiefengeothermie muss hingegen rund 4000 Meter tief gebohrt werden.
Das erhöht das Risiko, dennoch hat der Bund die Technologie nie aufgegeben. In der 2017 vom Stimmvolk angenommenen Energiestrategie 2050 wird die Geothermie ausdrücklich als Bestandteil einer fossil- und nuklearfreien Stromzukunft erwähnt. Und auch in der Branche herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung, wie sich am Mittwoch in Liestal zeigte.
Seit Basel viel gelernt
An einer Medienkonferenz und einem anschliessenden öffentlichen Power Talk wurde über ein mögliches Revival der Geothermie «zwischen grossem Potenzial und anhaltenden Vorbehalten» informiert. Konkreter Anlass war ein neues Tiefengeothermie-Projekt in Haute-Sorne im Jura, an dem die Genossenschaft Elektra Baselland (EBL) beteiligt ist.
Kürzlich wurde die Explorationsphase beendet. Sie sei erfreulich verlaufen, sagte Olivier Zingg, Geschäftsführer der Geo-Energie Jura SA: «Wir sind sehr froh über die Resultate.» Dabei wird die gleiche Methode wie damals in Basel verwendet. Der Fachbegriff dafür lautet hydraulische Stimulation. Doch seither habe man viel gelernt, betonte Zingg.
Strom ab Ende 2029?
So geht man weniger forsch ans Werk als damals in Basel. Olivier Zingg zeigte sich zuversichtlich, dass in Haute-Sorne bis Ende 2029 ein Kraftwerk gebaut und ans Stromnetz sowie wenn möglich ans Fernwärmenetz angeschlossen werden kann. Denn der Vorteil der Tiefengeothermie liegt darin, dass mit ihr Strom und Wärme erzeugt werden.
Die Skepsis in der Bevölkerung aber bleibt nach den Erdbeben in Basel und St.Gallen gross, auch im Kanton Jura. Gegen das Projekt in Haute-Sorne kam es zu massiven Protesten. Die Technologie wurde als Fracking bezeichnet, was ungute Assoziationen weckte. Ein Tiefpunkt wurde erreicht, als Aktivisten die Versuchsanlage mit Gülle bespritzten.
Besser in Speicher investieren
Ein bekennender Skeptiker ist auch Ruedi Rechsteiner, ehemaliger Basler SP-Nationalrat und Energieexperte. Er halte viel von Erdsonden, betonte er in Liestal, aber an Geothermie zur Stromerzeugung glaube er nicht. Rechsteiner verwies unter anderem auf den tiefen Wirkungsgrad und die hohen Kosten: «Sie ist um den Faktor 10 teurer als Solarstrom.»
Ohnehin brauche man keine Bandenergie, ist der Energiepolitiker überzeugt, denn dank der grossen Windstromproduktion gebe es mittlerweile sogar im Winter negative Marktpreise. Es sei deshalb besser, in Speicher zu investieren, zumal sich die Batterieleistung allein in den letzten zwölf Monaten verdoppelt habe: «Die Welt hat sich 2006 wahnsinnig verändert.»
Boom in den USA
Seine Ausführungen blieben nicht ohne Widerspruch, etwa von Tobias Andrist, dem CEO der EBL: «Es wäre falsch, eine potenzielle Technologie nicht weiterzuentwickeln, denn sonst kommen wir nicht vom Fleck.» Er verwies auf die USA, wo die Geothermie einen Boom erlebt. Techkonzerne wie Alphabet wollen damit KI-Rechenzentren betreiben.
Entsprechend wird viel Geld investiert. Das US-Unternehmen Fervo Energy nahm letzte Woche bei seinem Börsengang 1,89 Milliarden Dollar ein, der grösste Erlös im Bereich der erneuerbaren Energien in der Geschichte der Wall Street. Das hat selbst die Regierung von Donald Trump realisiert. Der Präsident verabscheut erneuerbare Energien – ausser die Tiefengeothermie.
Stillstand bei Windkraft
«Solange gebohrt wird, ist es gut», meinte Tobias Andrist mit einer spöttischen Anspielung auf Trumps «Drill, baby, drill». Auch der Bund will die Technologie nicht aufgeben, wie Christian Minnig, Fachspezialist erneuerbare Energien beim Bundesamt für Energie (BFE), ausführte. Er verwies auf die in der Schweiz ebenfalls geringe Akzeptanz von Windanlagen.
«International geht bei der Windkraft die Post ab, aber wir sind nirgends, selbst im Vergleich mit unserem Nachbarn Österreich», sagte Minnig. Deshalb könne man auf das Potenzial der Geothermie nicht einfach verzichten. Olivier Zingg verwies auf die USA, wo sie schon marktfähig sei. «Das wird auch bei uns so sein», zeigte sich der Jurassier überzeugt.
Viel Strom auf geringer Fläche
Das Potenzial in der Schweiz bis 2040 betrage rund 250 Megawatt, erklärte Zingg. Das entspricht etwa einem Viertel der Leistung eines Atomkraftwerks. Was nicht viel ist, aber auch nicht nichts. Damit könnten rund acht Terawattstunden Strom pro Jahr produziert werden, was in etwa den Erwartungen der Energiestrategie 2050 entsprechen würde.
Ob es so weit kommt, bleibt vorerst offen, nicht nur wegen der skeptischen Bevölkerung. Trotz des vor zwei Jahren angenommenen Stromgesetzes ist vieles in der Schwebe, was sich am gebremsten Solarausbau ebenso zeigt wie an der AKW-Debatte. Ein Grund ist der fehlende Leidensdruck, wie EBL-CEO Andrist einräumte: «Wir haben Energie, sie ist nicht teuer, alle sind happy.»
Dabei hatte der Ukraine-Krieg 2022 gezeigt, dass sich dies rasch ändern kann. Weshalb sich in Liestal alle einig waren, dass die Exploration weitergeführt werden soll. Denn Geothermie hat trotz allem ihre Vorzüge: «Wir erzeugen viel Strom auf einer geringen Fläche, was grosse ökologische Vorteile mit sich bringt», sagte Tim Latimer, der CEO von Fervo Energy, nach dem erfolgreichen Börsengang in einem Interview mit Reuters.
