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Lydia Welti-Escher, gezeichnet von ihrem Liebhaber Karl Stauffer.
Lydia Welti-Escher, gezeichnet von ihrem Liebhaber Karl Stauffer.
ETH Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Der hohe Preis der Freiheit

Das weibliche Schicksal lag lange Zeit in den Händen der Männer. Selbst wenn die Frau reich und bekannt wie Lydia Welti-Escher war.
05.06.2021, 20:3006.06.2021, 13:29
Denise Tonella / Schweizerisches Nationalmuseum

Augusta Clementine Lydia Escher ist eine Frau aus dem Zürcher Grossbürgertum. Sie wird 1858 geboren und wächst in der Villa Belvoir in Zürich Enge auf. Sie ist die einzige Tochter von Alfred Escher, einem der vielleicht einflussreichsten Männer des 19. Jahrhunderts in der Schweiz. Er ist Mitbegründer der Schweizerischen Kreditanstalt und der Gotthardbahn-Gesellschaft sowie mehrfacher Nationalratspräsident.

Alfred Escher war einer der bekanntesten Schweizer seiner Zeit.
Alfred Escher war einer der bekanntesten Schweizer seiner Zeit.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Lydia Escher hat eine ausgezeichnete Ausbildung erhalten, beherrscht mehrere Sprachen und spielt Klavier. Von klein auf ist sie in Gesellschaft der einflussreichsten Menschen ihrer Zeit und befindet sich in der privilegierten Position, unabhängig handeln und denken zu können. 1883 entscheidet sie sich, Friedrich Emil Welti, Sohn des einflussreichen Bundesrats Emil Welti, zu heiraten. Dies ist, kurz gesagt, das Leben einer der reichsten Frauen der Schweiz – scheinbar erfüllt und absolut beneidenswert. Doch am 12. Dezember 1891, im Alter von nur 33 Jahren, vergiftet sich Lydia Welti-Escher. Die Ereignisse der letzten beiden Jahre haben sie zu Fall gebracht.

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Liebe wird zur kriminel­len Handlung

Um dieses tragische Ende zu verstehen, müssen wir in die Villa Belvoir zurückkehren. Hier lernt Lydia Welti-Escher 1885 den Berner Maler Karl Stauffer kennen. Der Künstler und geschätzte Porträtist beeindruckt die junge Frau, die «sofort eine gegenseitige Sympathie» bemerkt. In den folgenden drei Jahren verbringt Karl Stauffer viel Zeit in Belvoir, wo er Lydia mehrmals porträtiert. 1888 reist der Künstler nach Rom, finanziert von Lydia und ihrem Ehemann. Im folgenden Jahr beschliessen die beiden Mäzene ebenfalls, Zürich zu verlassen und nach Florenz zu ziehen, wo sie Karl wieder treffen.

Wenige Tage nach ihrer Ankunft kehrt Friedrich Emil Welti unerwartet in die Schweiz zurück, während Lydia in Florenz bleibt. An diesem Punkt überstürzen sich die Ereignisse. Lydia und Karl haben eine Liebesaffäre. Überwältigt von der Intensität der neuen Gefühle bricht Lydia mit Karl nach Rom auf und beschliesst, ihrem Mann die Scheidung zu erklären. Angesichts dieser Ereignisse läuten in der Schweiz die Alarmglocken. Für ihren Mann steht viel auf dem Spiel: Die Verbindung mit Lydia hat es ihm ermöglicht, in die höchsten Sphären der Schweizer Wirtschaft aufzusteigen und Zugang zu einem riesigen Vermögen zu erlangen. Mit der Unterstützung seines Vaters aktiviert er sein weites Netzwerk und macht aus der Liebesaffäre innerhalb weniger Tage eine Staatsaffäre.

Karl Stauffer, Selbstporträt, Bern, 1885.
Karl Stauffer, Selbstporträt, Bern, 1885.
Bild: keystone/PHOTOPRESS-ARCHIV

Diagnose «systema­ti­sier­ter Wahnsinn»

Der ehemalige Bundesrat und Schweizer Botschafter in Rom, Simeon Bavier, spürt die beiden Liebenden im Auftrag der Welti-Familie auf. Karl Stauffer, der beschuldigt wird, Geld gestohlen und Lydia entführt zu haben, wird verhaftet. In der Zwischenzeit wird Lydia von Professor Paolo Fiordispini, dem Direktor der grössten psychiatrischen Anstalt in Rom, untersucht. Nach einer sehr kurzen Konsultation erklärt der Arzt, Lydia leide an «systematisiertem Wahnsinn» und müsse sofort ins Krankenhaus eingeliefert werden. Wenige Stunden später findet sie sich im Zimmer 3587 des Manicomio Santa Maria della Pietà in Rom wieder.

Ihr Ehemann beschuldigt nun Karl Stauffer, eine wehrlose Geisteskranke vergewaltigt zu haben. Karl landet in Florenz im Gefängnis. Lydia ihrerseits zeigt während der Verhöre und medizinischen Untersuchungen in der Anstalt grosse geistige Klarheit und verteidigt Karl stets. Die Strategie ihres Mannes besteht jedoch darin, sie absichtlich falsch zu informieren. Lydia wird erzählt, Karl habe sie missbraucht und nur ihr Geld gewollt. Diese Aussagen verwirren und verunsichern sie. Als am 27. Mai 1890 zwei Psychiater, die mit der Vorlage eines neuen medizinischen Berichts über Lydias geistigen Zustand beauftragt sind, erklären, sie sei «im Besitze ihrer völligen geistigen Integrität», kehrt Lydia mit ihrem Ehemann in die Schweiz zurück und will Karl nie wiedersehen.

Zu Hause reicht Friedrich Emil Welti die Scheidung wegen Ehebruchs ein. Lydia erklärt sich bereit, ihm eine Entschädigung von 1,2 Millionen Schweizer Franken zu zahlen. Danach zieht sie sich in eine Villa in der Nähe von Genf zurück und lebt in Einsamkeit. Karl, durch die Ereignisse zerstört, nimmt sich Anfang 1891 das Leben. Lydia hingegen gründet eine Stiftung zur Förderung der Kunst, die heute als Gottfried-Keller-Stiftung bekannt ist, und vermacht ihren gesamten Nachlass der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Dies ist ihre letzte Handlung. Am 12. Dezember 1891 setzt auch sie ihrem Leben ein Ende.

Porträt von Lydia Welti-Escher, wohl 1886 in Paris aufgenommen.
Porträt von Lydia Welti-Escher, wohl 1886 in Paris aufgenommen.

Vormund­schafts­recht und Medizin

Wie war es möglich, eine Frau von Lydia Welti-Eschers Stellung aufgrund einer oberflächlichen und offensichtlich voreiligen Diagnose einzuweisen? Die Macht der Welti-Familie und des beteiligten diplomatischen Korps hatte es sicherlich ermöglicht, Druck auf den römischen bürokratischen und juristischen Apparat auszuüben. Aber um zu verstehen, wie leicht es war, eine Frau für geisteskrank zu erklären und wie selbstverständlich es war, dem Willen ihres Mannes zu folgen, ist es notwendig, sich mit Medizin und Privatrecht auseinanderzusetzen.

Seit dem Zeitalter der Aufklärung hatten Ärzte und Wissenschaftler Frauen aufgrund einer Reihe von Unterschieden, die durch die «Natur» selbst bedingt waren – wie etwa die geringere Grösse des weiblichen Gehirns –, als den Männern unterlegen dargestellt. Diese Konzepte waren zu Lydia Welti-Eschers Zeit noch relevant. Das wird auch durch eine Reihe wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Publikationen bestätigt, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu wahren Bestsellern wurden.

Zu dieser Sonderanthropologie des weiblichen Körpers kommt der Rechtsapparat hinzu, der das Privatrecht regelte und in der Schweiz, aber nicht nur dort, auch die Vormundschaft der Ehemänner über verheiratete Frauen umfasste. Laut Gesetz war der Ehemann «das Haupt der Ehe», verwaltete das Vermögen seiner Frau und war ihr Vertreter. Im Fall von Lydia Welti-Escher reichte die Zustimmung des Ehemanns aus, um die medizinische Diagnose und die Einweisung in die Anstalt zu bestätigen.

Schriften wie jene des Psychiaters Paul Julius Möbius untermauerten die Vorurteile gegenüber den Frauen.
Schriften wie jene des Psychiaters Paul Julius Möbius untermauerten die Vorurteile gegenüber den Frauen.
Bild: ETH Bibliothek Zürich

«Ich bin immer das Gegenteil von dem geworden, was man aus mir machen wollte.» Das Schicksal von Lydia Welti-Escher ist ein tragisches Zeugnis für den hohen Preis, den viele Frauen für ihr Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung zahlen mussten. Ein Preis, den sie oft auch nach ihrem Tod weiterzahlten. Nicht nur ist die von Lydia gegründete Stiftung nicht unter ihrem Familiennamen bekannt, wie sie ursprünglich gewünscht hatte, sondern auch Karls Briefe, die Lydia an ihren deutschen Freund, den Kunstkritiker Otto Brahm, geschickt hatte und die dieser veröffentlichen wollte, versuchte damals die Schweizerische Eidgenossenschaft zu beschlagnahmen.

Bild: Nationalmuseum
Frauen.Rechte​
05.03.2021 – 18.07.2021
Landesmuseum Zürich

Lange blieben die Schweizerinnen von zivilen und politischen Rechten ausgeschlossen. Ihr Weg zur Einführung des Frauenstimmrechts 1971 und des Gleichstellungsartikels 1981 war steinig und heiss umstritten. Seit die Menschen- und Bürgerrechte von 1789 die «freien Männer» für politisch mündig erklärt haben, kämpfen Frauen für Gleichberechtigung. Und noch heute wird diese von Frauen und Männern verhandelt. 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz beleuchtet die Ausstellung im Landesmuseum das seit über 200 Jahren an- und abflauende Ringen um Frauenrechte in der Schweiz. Neben bedeutsamen Leihgaben aus Schweizer Institutionen präsentiert sie herausragende Zeugnisse aus internationalen Sammlungen.
>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Der hohe Preis der Freiheit» erschien am 28. Mai.
blog.nationalmuseum.ch/2021/05/lydia-welti-escher

Sie ist einer der Gründe, wieso wir Frauen heute Rechte haben

Video: watson/lea bloch
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Frauenstreik 1991

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Frauenstreik 1991
quelle: schweizerisches nationalmuseum / asl
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