Warum die Romantik Olympischer Winterspiele für immer verschwindet
Olympische Romantik? Ja, die gibt es. Oder besser: Es gab sie. Bei meinen 17. Spielen fehlte sie in Mailand zum ersten Mal. Und wer 16-mal diesen Zauber erlebt hat, merkt es, wenn er fehlt.
Was ist olympische Romantik? Es ist das Zusammentreffen der weiten Welt im Kleinen. Viele verschiedene Sportarten und alle, die sich damit beschäftigen, für zwei Wochen am gleichen Ort oder zumindest in der Umgebung eines Ortes versammelt. Daraus entsteht eine Magie, die es bei keinem anderen Sportanlass gibt.
Kommt dazu: Am Ort, der für eine kurze Zeit Mittelpunkt der (Sport)-Welt wird, weht ein Hauch von Bedeutung durch jede Gasse. Als ob alle – vom Taxi-Chauffeur bis zur Kellnerin – ahnen, dass sie Teil eines bedeutungsvollen Ereignisses und Statisten in einem globalen Bühnenstück sind. Alle sind ein wenig fröhlicher, freundlicher, geduldiger.
So war es immer bei Winterspielen und zuletzt sogar im Sommer 2024 ein wenig in Paris. Und selbst bei den Corona-Spielen von 2022 in Peking, als Masken Gesichter verdeckten und Distanz Pflicht war, gab es diese Romantik. Gedämpft vielleicht, kontrolliert, aber vorhanden. Sogar in der sterilen Perfektion chinesischer Organisation. Kommen wir nun zum Kern der Sache.
Wer über das Hockey-Turnier berichtete, fand früher immer Zeit, noch andere Wettkämpfe zu besuchen. Eine Busfahrt in den Schnee dauerte selten länger als zwei Stunden. Das war so in Calgary, Vancouver, Nagano, Turin oder Salt Lake City und zuletzt sogar in Peking. Von wo ein Schnellzug bis zum Fusse der beschneiten Wüstenhügel brauste. Nach dem Skirennen noch zum Hockey. Kein Problem.
Und nun sind wir im Jahre 2026 angelangt. Wer sich in Mailand ums Hockey kümmert, wähnt sich an einer Weltmeisterschaft in einer Stadt, die Hockey weitgehend ignoriert. Eine Metropole der Mode, des Designs und der Espressi, aber ohne Winterseele.
Das Eishockeyturnier ist seit seiner ersten Austragung 1924 in Chamonix das Herzstück der Winterspiele. Und nun ist dieses Herzstück verpflanzt worden. Von den Bergen hinab in die Metropole, weit, weit weg von Schnee und Eis. Es hätte länger gedauert, von Mailand hinauf in die Berge nach Cortina zu reisen als von Mailand heim ins Bernbiet.
Das ist weder Kritik noch Vorwurf. Es ist eine Feststellung. So wird es von nun an wohl sein. Es kann gar nicht anders sein. Aus einem einfachen Grund: 1924 sind 16 Medaillensätze vergeben worden – jetzt waren es verstreut über ganz Oberitalien 116. Inzwischen erfordern die Winterspiele eine Infrastruktur für Wettkämpfe und temporäre Unterkünfte für gut und gerne 20'000 rund um die Spiele engagierte Menschen. Eine solche Logistik lässt sich nicht mehr an einem einzigen Ort in den Bergen aufbauen wie einst in Chamonix, St.Moritz oder Cortina. Oder nur noch unter immensen Kosten. Und diese lassen sich politisch meist nur dort durchsetzen, wo das Volk nicht um seine Meinung gefragt wird.
Also macht es Sinn, die Wettkämpfe dort auszutragen, wo die Anlagen bereits stehen. Und die stehen eben nicht alle am gleichen Ort oben in den Bergen – und schon gar nicht die modernen Hockey-Tempel. Was sollte denn Cortina mit einer Hockey-Arena anfangen, die allein schon aus geografischen Gründen kaum je als Event-Stadion genutzt werden könnte? Es wäre ein «weisser Elefant» im Schneegestöber. Ein «weisser Elefant» bezeichnet in diesem Zusammenhang teure Infrastrukturen, die nach Olympischen Spielen kaum oder gar nicht mehr genutzt werden, aber weiterhin hohe Unterhaltskosten verursachen. Der Begriff stammt ursprünglich aus Südostasien: Ein weisser Elefant galt als heilig und durfte nicht arbeiten – war aber extrem teuer im Unterhalt. In der Geschichte der Olympischen Spiele sind schon viel zu viele «weisse Elefanten» gebaut worden.
Eine sinnvolle Dezentralisierung, wie sie erstmals 2026 umgesetzt worden ist, wird die Winterspiele der Zukunft prägen. Olympische Winterspiele werden mehr und mehr gleichzeitig stattfindende Weltmeisterschaften in verschiedenen Eis- und Schneesportarten an weit auseinanderliegenden Orten, vereint unter dem Symbol der fünf Ringe – einer der kommerziell erfolgreichsten Marken der Weltgeschichte. Dazu passt, die Eröffnungs- und Schlusszeremonie als eigenständige Shows aus dem ganzen Programm herauszulösen und weitab von Schnee und Eis zu zelebrieren, wie nun in Mailand und Verona. Der TV-Konsument erhält weiterhin schöne Farbbilder. Olympische Romantik mit Hightech produziert und ins Wohnzimmer und aufs Smartphone übertragen wie ein sorgfältig inszeniertes Bühnenstück.
War also Mailand keine Reise wert? Doch. Mailand war sehr wohl eine Reise wert. Weil dort eine andere, unerwartete und von den Herren der Ringe ungewollte Form einer Romantik der Bescheidenheit, eine seltsame Magie zu spüren war. Olympisches Eishockey – das wichtigste, weltweit am meisten beachtete Turnier – wurde fast zur Hälfte in einer Messehalle gespielt. Provisorische Tribünen wie bei einem Schwingfest. Keine marmorne Monumentalität, kein Gigantismus, fast keine Gastronomie. Sondern Pragmatismus. Die Stimmung familiär. Keine Hektik. Die Menschen freundlich, friedlich, entspannt.
Es war, als sei Hockey ausgerechnet beim Turnier der NHL-Millionäre demütig und bescheiden geworden – und welch ein Gegensatz zum mit so viel Pathos aufgeladenen Final in der gleichen Stadt! Ob es diese olympische Messehalle-Romantik so noch einmal geben wird? Sollten sich so gesehen Seewen, Huttwil oder Lyss als zweite Spielorte fürs olympische Hockeyturnier 2038 in der Schweiz bewerben? Oder werden künftig alle Partien in modernen Hockeytempeln ausgetragen, die sich so wenig voneinander unterscheiden wie Flughafenhallen? Qui vivra verra.
Die Winterspiele mögen nie mehr sein wie früher. Aber an Geschichten wird es weiterhin nicht fehlen und Geschichten entstehen in Messehallen so gut wie im Schneegestöber oder hochmodernen Hockey-Tempeln. Und sonst kann ja der Chronist noch ein wenig olympisch zuspitzen.
P.S. Ein Blick zurück zeigt, wie gut die alte Romantik den Chronistinnen und Chronisten tat, ihnen die Bosheit aus dem Herzen nahm und auch die spitzesten Federn sanft führte. Hier ein paar Zeilen zum Abschluss der Spiele von 1956 in Cortina aus einem Olympia-Bericht:
«Der 5. Februar, der letzte Tag der VII. Olympischen Winterspiele, geht zu Ende. Die hohen Felsen, steinerne Kulissen des festlichen Geschehens, glühen im Schein der sinkenden Sonne. Das frühe Dunkel des Winterabends senkt sich über das Ampezzaner Tal. Cortina liegt im Glanz seiner Lichter unter dem rauchblauen Himmel, aus dem die ersten Sterne der kalten Nacht aufblitzen.» Olympische Berichterstattung, wie sie heute noch sein sollte. Oder?
