Mailand-Cortina war ein Vorgeschmack auf Olympia in der Schweiz
Marco Odermatt brachte es schon früh auf den Punkt. Von einer besonderen Olympia-Stimmung spüre er nichts, sagte der Schweizer Ski-Star. Die Männer-Rennen fanden in Bormio statt, mehrere Stunden von Mailand oder von den Frauen-Rennen in Cortina entfernt.
In Antholz blieben die Biathleten unter sich, andere Aussenposten waren Livigno oder das Val di Fiemme. Selbst in den Hauptorten Mailand (vier Sportarten) und Cortina d'Ampezzo (fünf, wovon die drei im Eiskanal) fand keine grosse Durchmischung statt.
Die Schweizer Medaillen an den Olympischen Spielen 2026
Dezentralisierung als Überlebensstrategie
Die nächsten Winterspiele, 2030 in den französischen Alpen, werden wohl ähnlich sein. Und Mailand-Cortina lieferte einen Vorgeschmack auf mögliche Olympische Spiele 2038 in der Schweiz. Auch hierzulande wären die Austragungsorte weit auseinander und es würde womöglich nicht überall die gleiche Olympia-Stimmung aufkommen.
Die Frage, ob wir das so wollen, braucht man nicht zu stellen. Es gibt gar keine Alternative, wenn man nicht lauter weisse Elefanten will. Es ist der richtige Weg des Internationalen Olympischen Komitees, auf bestehende Infrastruktur und bewährte Ausrichter zu setzen.
Aus Sicht der Sportler ist das zu bedauern. Olympia verkommt so zu einem Weltcup in anderer Verpackung. Die Athleten sind allerdings bloss Darsteller einer riesigen Unterhaltungs-Sause – und am TV funktioniert die Vorstellung, dass die Olympischen Spiele das Grösste sind, was der Sport zu bieten hat, perfekt. Ob sich eine Eishalle irgendwo im Nirgendwo von Mailand befindet, kümmert nur die wenigen, die da sind. Nicht die Millionen, die rund um die Welt einschalten.
Sport in allen Facetten im Fokus
Aus dieser Ferne betrachtet waren die Spiele von Mailand-Cortina erfolgreich. Sie verliefen weitgehend ruhig, ohne grobe organisatorische Mängel, ohne grössere Skandale. Das IOC verbot einem ukrainischen Skeletonfahrer den Helm und nahm Zuschauern ihre Kuhglocken ab. Viel mehr war da nicht.
Der Sport stand im Fokus, so wie es sein sollte. Mit allen Dramen, die ihn so faszinierend machen. Das erfolgreiche Comeback von Lindsey Vonn endete statt mit Abfahrtsgold mit einem Sturz und viel (weiterem) Metall im Bein. Die Wanderung von Atle Lie McGrath nach seinem Ausscheiden im Slalom wird noch lange in Erinnerung bleiben. «Eiskunstlauf-Gott» Ilia Malinin zerbrach am Erwartungsdruck und stürzte in der Kür spektakulär ab.
Die grossen Stars waren andere. Etwa Langlauf-Abräumer Johannes Hösflot Klaebo, der den Berg hinaufsprinten kann wie niemand vor ihm. Skirennfahrerin Mikaela Shiffrin versöhnte sich mit den Olympischen Spielen und Franjo von Allmen fuhr allen davon und verliess Italien als dreifacher Olympiasieger. Die Schweizer Skifahrer waren ohnehin überragend, Loïc Meillard gewann einen kompletten Medaillensatz und auch Marco Odermatt drei Mal Edelmetall.
So viele Schweizer Medaillen wie nie
Aus Schweizer Optik ist nichts wichtiger als Erfolge der Alpinen. Die Männer haben maximal abgeräumt und waren mitverantwortlich dafür, dass die Schweiz dieser Tage so viele Medaillen gewonnen hat wie nie zuvor an Olympischen Winterspielen. Viele Favoriten hielten dem Druck stand, dazu gab es die eine oder andere Überraschung, wie die von Skispringer Gregor Deschwanden.
International erhielten die Spiele zum Abschluss den Eishockey-Traumfinal, den sich alle erhofft hatten: Kanada gegen USA. Der Auftritt der NHL-Stars war mit Spannung erwartet worden.
Marco Odermatt hat vermutlich recht: Olympia fühlt sich vor Ort anders an als früher, mehr nach Weltcup im Zeichen der fünf Ringe. Doch Olympia ist längst nicht mehr an einen Ort gebunden. Es findet überall auf der Welt statt – in der Stube, auf dem Smartphone.
Dramen, Helden, Triumphe und Enttäuschungen brauchen keinen gemeinsamen Austragungsort, solange sie eine gemeinsame Bühne haben. Und die haben die Sportlerinnen und Sportler noch immer.
