Film

Daraus wird mal ganz klar ein sterbender Schwan: Viengsay Valdes bei der Probe. Bild: aardvarkfilms

Kubanische Ballettmädchen sind wie Che Guevara. What else?

Die Schweizerin Eileen Hofer hat den Dokfilm «Horizontes» über Kubas kommunistische Ballerinen gedreht.

11.07.16, 16:50

Die alte Dame gilt als Königin von Kuba. Als First Lady. Sie ist heute 96 Jahre alt. Älter als ihr glühender Verehrer Fidel Castro. Sie trägt den Ehrentitel einer «militanten Kommunistin». Sie ist seit ihrer Jugend so gut wie blind. Als würde sie immer in Wolken leben, sagt sie.

Jahrzehntelang war sie eine der besten Ballerinen der Welt, war Solistin in New York und London. Damit sie auftreten konnte, mussten extra starke Lichteffekte eingesetzt und Sicherheitsdrähte auf der Bühne gespannt werden. Alicia Alonso ist unerbittlich. Sie gründete das kubanische Nationalballett und sorgte dafür, dass es heute in jedem Dorf Kubas eine Ballettschule gibt.

Prima, diese Ballerina! Alicia Alonso in den 40er-Jahren im «Nussknacker». bild: american ballet theatre

Und heute. Bild: aardvarkfilms

Viengsay Valdes ist die amtierende Primaballerina Kubas. Wer Viengsay googelt, stösst zuerst auf sie, dabei ist Viengsay eigentlich eine Provinz von Laos, wo ihre Eltern einst als kubanische Botschafter lebten. Während ihrer Auftritte stehen, schreien und klatschen die Leute, sie ist ein Rockstar. Und erneut eine der besten Ballerinen der Welt. Alle wollen sie. Sie will nicht weg aus Kuba. Ihr grösster Fan: Fidel Castro.

Die Jüngste heisst Amanda, sie besucht eine Ballettschule mit Hunderten anderer Jugendlicher, beim Morgenappell sagen sie alle zusammen: «Das Ballett ist die kulturelle Basis unserer Revolution. Wir werden wie Che sein.» Amanda wird die Schule als Jahrgangsbeste verlassen. Sie will die neue Viengsay werden. Die neue Alicia.

Viengsay Valdes in «Schwanensee».
bild: cuban national ballet

Trailer zu «Horizontes»

YouTube/kultkino Basel

Die Schweizer Filmemacherin Eileen Hofer begleitet die drei Tänzerinnen durch ihren Hardcore-Alltag mit sadistischen Trainerinnen und Physiotherapeuten, mit enorm wenig Glamour und ziemlich vielen Qualen, sei es vom Tanz oder von der eingeschränkten Sehkraft.

Und immer ist da die Überwindung der Schwerkraft, die Auflösung des Körpers in Schönheit, die Ballett zu einer Sucht werden lassen. Berauschend und destruktiv wie jede Sucht. Die Wahl heisst Qual.

Nicht mehr lang, dann wird auch aus Amanda ein Star.
Bild: aardvarkfilms

Die Alltagsbeobachtungen sind interessant. Und intensiv. Aber genauso spannend ist die Einbettung des Balletts ins kommunistische System. Die Verschränkung von Hochleistungssport, Ästhetik und klassischer Hochkultur zur staatstragenden Repräsentationskunst. Genau das war Ballett auch schon am französischen Hof. Und im zaristischen Russland. Und im kommunistischen Russland. Was ganz ohne Texte und mit alten Märchenstoffen arbeitet, das kann offenbar gar nie systemkritisch sein.

Drei international unschlagbare Exportprodukte habe Kuba, heisst es: Zigarren, Rum und Ballett. Für jeden etwas.

«Horizontes» läuft vom 14. bis zum 20. Juli im Zürcher Kino Stüssihof. Ab 10 Jahren.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Fumo 12.07.2016 08:20
    Highlight Ist denn Ballett in einer Republik weniger "qualvoll"?
    Sind die hiesigen Balletttrainer/innen weniger sadistisch?
    Müssen die Balletttänzer/innen in Ländern mit freien Wahlen nicht auch vieles opfern und physisch über den Grenzen hinaus?

    Nein, natürlich nicht. Das alles gibt es nur in den Diktaturen...
    1 4 Melden
  • retofit 12.07.2016 07:06
    Highlight Der Trailer sieht ja schon mal vielversprechend aus.
    0 1 Melden

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