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Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu bei einer Rede. Bild: Lefteris Pitarakis/AP/KEYSTONE

«Mauern der Angst niederreissen» – Riesige Proteste gegen Erdogan

09.07.17, 22:43


Mit der grössten Protestkundgebung seit Jahren hat die türkische Opposition am Sonntag Präsident Recep Tayyip Erdogan herausgefordert. Mehrere Hunderttausend Menschen versammelten sich in Istanbul zum Abschluss des «Marsches für Gerechtigkeit» («adalet») von Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu. Er forderte die Freilassung aller inhaftierten Abgeordneten und Journalisten.

«Der 9. Juli ist nicht das Ende des Marsches, sondern der Anfang der Freiheit», rief Kilicdaroglu der Menge zu. Die Organisatoren sprachen von mehr als zwei Millionen Teilnehmern der Veranstaltung.

«Unsere Schriftsteller sind im Gefängnis, unsere Professoren sind im Gefängnis, unsere Intellektuellen, unsere Studenten.»

Eine Demonstrantin

Kilicdaroglu, der Vorsitzende der kemalistischen, als sozialdemokratisch geltenden Republikanischen Volkspartei (CHP), hatte seinen 420 Kilometer langen Protestmarsch am 15. Juni in Ankara begonnen. Nach und nach schlossen sich ihm immer mehr Menschen an. Zur Abschlusskundgebung im Stadtteil Maltepe in Istanbul kamen nun Hunderttausende.

Kilicdaroglu hob hervor, er sei auf die Strasse gegangen, weil die Justiz unter der Kontrolle der Politik sei und in den Gerichten keine Gerechtigkeit mehr zu finden sei. «Inhaftierte Journalisten müssen freigelassen und alle Hindernisse für die Meinungsfreiheit beseitigt werden», forderte der CHP-Chef.

Erdogan (l.) mit Putin am G20-Gipfel in Hamburg. Bild: Alexander Zemlianichenko/AP/KEYSTONE

Kilicdaroglu fordert Gerechtigkeit

Die bei einem Referendum am 16. April mit knapper Mehrheit angenommene Verfassungsreform zur Einführung eines Präsidialsystems diene nur den Interessen Erdogans. «Recht, Gesetz, Gerechtigkeit» skandierte die Menge in dem Park am Marmara-Meer und schwenkte türkische Fahnen mit der Aufschrift «adalet» (Gerechtigkeit).

«Millionen schreiben heute Geschichte», sagte der CHP-Abgeordnete Özgür Özel auf der letzten Etappe. Es sei die grösste Kundgebung der Opposition seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013. Er bezifferte die Teilnehmerzahl nach Angaben des Senders CNN Türk auf 1.6 Millionen.

«Unsere Schriftsteller sind im Gefängnis, unsere Professoren sind im Gefängnis, unsere Intellektuellen, unsere Studenten», sagte die Demonstrantin Aynur auf der Abschlusskundgebung. Die Demonstranten wollten «Gerechtigkeit».

25 Tage lang war der 68-jährige Kilicdaroglu zu Fuss unterwegs nach Istanbul gewesen. Auf den letzten Etappen folgten ihm täglich zehntausende Menschen, darunter auch viele Anhänger anderer Parteien.

Der Aufmarsch der Oppositionellen ist gigantisch. Bild: Lefteris Pitarakis/AP/KEYSTONE

Haft für CHP-Abgeordneten als Auslöser

Begonnen hatte Kilicdaroglu den Protestzug, nachdem ein Istanbuler Gericht den CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu wegen eines Artikels über geheime türkische Waffenlieferungen an islamistische Rebellen in Syrien zu 25 Jahren Haft verurteilt hatte. Am Sonntag besuchte Kilicdaroglu den inhaftierten Abgeordneten in seinem Gefängnis in Maltepe.

Die Kundgebung fand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt, vor der Küste kreuzte ein Kriegsschiff. CNN Türk berichtete unter Berufung auf den Gouverneur von Istanbul, 15'000 Polizisten seien im Einsatz gewesen.

Ministerpräsident Binali Yildirim hatte am Freitag versichert, es werde alles Nötige getan, um die Sicherheit der Demonstration zu garantieren. Er forderte jedoch die CHP auf, nach der Kundgebung ihren Protest zu beenden.

Kilicdaroglu sagte aber bei der Abschlusskundgebung, seine Bewegung werde weitergehen, bis alle Forderungen erfüllt seien: «Wir werden die Mauern der Angst niederreissen. Der letzte Tag unseres Marschs für Gerechtigkeit ist ein neuer Anfang.»

Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu lässt eine Taube steigen. Bild: Lefteris Pitarakis/AP/KEYSTONE

Regierung toleriert Marsch

Präsident Erdogan hatte zuvor Kilicdaroglu wiederholt vorgeworfen, mit dem Marsch «Terroristen» zu unterstützen. Die Regierung schritt aber nicht gegen den friedlichen Protestzug ein. In den Medien fand der Marsch zuletzt grosse Aufmerksamkeit.

Während regierungstreue Zeitungen teils vom «Marsch der Verräter» schrieben, lobten andere Kolumnisten, dass es Kilicdaroglu erstmals gelungen sei, mit dem Marsch die Opposition wieder in die Offensive zu bringen.

Kilicdaroglu war immer wieder vorgeworfen worden, Erdogan nicht entschieden genug entgegenzutreten. Seit dem Putschversuch vor einem Jahr – am 15. Juli 2016 – wurden etwa 50'000 Menschen in der Türkei festgenommen, weitere 100'000 wurden aus dem Staatsdienst entlassen oder suspendiert, darunter Lehrer, Richter, Soldaten und Polizisten.

Die derzeitige türkische Führung unter Erdogan und seiner Partei AKP macht den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen für den gescheiterten Putsch verantwortlich. (sda/afp/dpa/reu)

Dieser Protestmarsch treibt Erdogan zur Weissglut:

Erdogan wirft Merkel «Unterstützung von Terroristen» vor:

Video: reuters

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Brikne, 20.7.2017
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27Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • The Origin Gra 10.07.2017 10:58
    Highlight Lauf Kemal lauf und lass Dich nicht Aufhalten :)
    5 2 Melden
  • Walter Sahli 10.07.2017 09:44
    Highlight Erdogan ist wohl am Zückerchen verteilen, damit wieder mehr Devisen ins Land fliessen. Wäre die Türkei nicht darauf angewiesen, wäre diese Kundgebung wohl kaum so verlaufen.
    5 4 Melden
    • Rabbi Jussuf 10.07.2017 19:12
      Highlight Sehe ich auch so.
      Obwohl einige Türken meinen, dass Erdogan nicht lange an der Macht sein wird. Glaube ich nicht.

      Die wichtigen Positionen sind ja vollumfänglich in seiner Hand. Im Moment kann er es sich leisten die Demo laufen zu lassen und damit erscheint er erst noch als "Friedensengel" an der G20.
      Das wird sich bald wieder ändern.
      3 0 Melden
  • Murky 10.07.2017 09:11
    Highlight Aber vorher haben sie für das Präsidialsystem gestimmt... Ja gut, wohl nicht genau die, sondern die Mehrheit der anderen. Könnte schwierig werden...
    5 18 Melden
    • manhunt 10.07.2017 10:56
      Highlight naja, ob wirklich die mehrheit dafür gestimmt hat, werden wir leider nie erfahren.
      5 0 Melden
  • Herbert Anneler 10.07.2017 09:08
    Highlight Wunderbar! Die Menschen haben die Angst vor Erdogan überwunden, der Mythos seiner Allmacht ist gebrochen - Sauerstoff für die Demokratie!
    38 0 Melden
  • rodolofo 10.07.2017 07:51
    Highlight Die Türkei zeigt uns endlich wieder mal ein liebenswürdiges, Vertrauen erweckendes Gesicht. Die Menschen sind aus ihrer Schockstarre nach dem Putsch gegen den Putschversuch erwacht und beginnen damit, sich zu wehren und sich Gehör zu verschaffen.
    Alle haben begriffen, dass es jetzt um Leben, oder Tod geht!
    Wenn die Zivilgesellschaft jetzt nicht aufwacht, werden in den Gefängnissen alle wertvollen Mitglieder der Gesellschaft umgebracht, systematisch organisiert, wie bei den Nazis. Und in Kurdistan kommt es womöglich zu einem weiteren Völkermord.
    Aber die Türkei IST aufgewacht!
    Merhaba!
    29 6 Melden
    • JaneDoe 10.07.2017 10:35
      Highlight Was ist Kurdistan?
      4 4 Melden
  • HansDampf_CH 10.07.2017 06:55
    Highlight Das ist Mut dem Spinner die Stirn zu bieten.
    33 0 Melden
  • Wilhelm Dingo 10.07.2017 06:18
    Highlight Starkes Stück!
    74 0 Melden
  • Enes Sözeri (1) 10.07.2017 04:31
    Highlight In der Veranstaltung selbst waren es ca. 175.000 Menschen . Gezählt von Analysten. (berichtet wiederum CNN türk) Und die Zahl 1.6 Millionen, sind nicht die Angaben von CNN, sondern ein Zitat und Vermutung der Partei selbst, was CNN nur kurz erwähnt.
    6 47 Melden
    • ConcernedCitizen 10.07.2017 08:01
      Highlight Falls das obige Bild die Veranstaltung zeigt, dann sind es definitiv mehr als 175'000. Massiv mehr!
      26 0 Melden
    • WeischDoch 10.07.2017 09:50
      Highlight Zahlen die vom Staat kamen. Lustig. Als Erdogan den Platz mal füllte waren es 2 Millionen menschen. Nun ist der Platz voll und es sind nur so wenige? Könnten das nicht-fahren der Busse, das nicht-vorhanden-sein von gratis essen oder die nicht-fahrenden Fähren der Grund gewesen sein, dass die 3 mio. Nicht erreicht wurden? Erdo hat alles versucht, um die Versammlung klein zu halten. So ein Versager
      6 2 Melden
    • w800 10.07.2017 10:03
      Highlight Enes du witz figur die polizei selber hat die 1,6mio erwähntw es lebe der wieder #ADALET
      4 1 Melden
    • TY 10.07.2017 11:35
      Highlight Herr Sözeri
      Hier die Website des schweizerischen Optikerverbandes für Ihr Augenlroblem:
      http://www.optikschweiz.ch/de/home
      Gegen Ihre Wahrnehmungsstörung kann ich leider nicht weiterhelfen. Fragen Sie doch bitte Ihren Arzt oder Apotheker.
      3 1 Melden
    • Enes Sözeri (1) 10.07.2017 13:41
      Highlight Oh gott, was zum Teufel seid ihr denn so Angriffs lustig, ich gebe nur weiter was ich gelesen hab..jetzt mal ganz ehrlich, was hat mich erstens zu einer Witz Figur gemacht? Weil ich zufällig CNN türk auf meinem Handy hab und die Zahlen dort, hier nochmal erwähne? Seid wann sind Watson Leser so aggressiv geworden? Ich sollte vielleicht mein Auto umparken, nicht das ihr auch noch Pyrotechnik rein werft.
      6 1 Melden
  • Tomlate 09.07.2017 23:38
    Highlight Endlich
    57 0 Melden
  • LubiM 09.07.2017 23:26
    Highlight So traurig es ist, mal schauen wie lange Herr Kilicdaroglu noch ein freier Mann sein wird...
    68 2 Melden
  • Gähn on the rocks 09.07.2017 23:10
    Highlight bravo! ich verneige mich vor all diesen menschen.
    80 0 Melden
  • f303 09.07.2017 23:03
    Highlight Die wissen sich wenigstens zu benehmen ... in einer deutlich aussichtsloseren Situation als diverse junge Damen un Herren in Hamburg.
    48 32 Melden
    • Wilhelm Dingo 10.07.2017 09:57
      Highlight Oberföächlich hast Du Recht. Was denkst Du wäre passiert, wenn sie sich nicht 'benommen' hätten? Dann wäre sicher massiv eingefriffen worden und zwar mit scharfer Munition und Toten. Die Demonstraten haben das sicher gewusst...kein gutes Gefühl.
      5 0 Melden

Wie Erdogan vor der Wahl die Schweizer Türken bearbeitet

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Die jungen Männer unterbrechen für einen Moment ihr Kartenspiel. Demir Celik (58) ist an ihren Tisch getreten und setzt zu einer Rede an. Der ehemalige Abgeordnete der türkisch-kurdischen Partei HDP legt seinen Landsleuten nahe, seinen Parteikollegen und Erdogan-Herausforderer Selahattin Demirtas zu wählen. Dann geht Celik weiter zur nächsten Bar an der Bühlwiesenstrasse in Zürich-Oerlikon. Hier in dieser von Einwanderer geprägten Strasse, reihen sich Shisha-Bars an Cafés.

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