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Listige Äuglein, immer mal zum Grinsen aufgelegt: Justizminister Jeff Sessions bei der Anhörung vor dem Geheimdienst-Ausschuss des Senats. Bild: TASOS KATOPODIS/EPA/KEYSTONE

Sessions Anhörung beweist: Debatten können auch ohne brisante Enthüllungen spannend sein

14.06.17, 19:38 15.06.17, 07:35

Mit Jeff Sessions wurde gestern das bisher ranghöchste Mitglied der Trump-Regierung angehört. Der Justizminister hatte zuvor unter Eid stehend verschwiegen, dass er sich mindestens zwei Mal mit dem russischen Diplomaten Sergej Kisljak getroffen hatte. Ausserdem musste er wegen Befangenheit in der Russland-Sache in den Ausstand treten.

Trotzdem brachte das eigentlich explosive Setting gestern nicht viel Brisantes ans Licht. Das lag vor allem daran, dass sich der gelernte Jurist Sessions mit zahlreichen Tricks und Kniffen immer wieder aus unangenehmen Situationen wand.

Sessions Auftritt war ein Paradebeispiel dafür, dass man eine Debatte auch mit den schlechteren Argumenten gewinnen kann. Wenn man denn taktisch klug vorgeht.

Er konnte sich plötzlich nicht mehr erinnern

Wenn immer es für Jeff Sessions eng wurde, schob er sein offensichtlich schlechtes Erinnerungsvermögen vor. «I don't recall it» – «Ich kann mich nicht mehr erinnern», wich er oftmals aus. Oder er ergänzte seine Statements mit «as far as I remember» – «soweit ich mich erinnern kann.»

Als geschulter Anwalt weiss Sessions, dass er so eine Hintertüre offen lässt. Unter Eid lügen ist strafbar, unter Eid sich an etwas nicht mehr erinnern nicht.

Video: streamable

Er stellte sich dümmer, als er ist

Am unzimperlichsten wurde Jeff Sessions gestern von der kalifornischen Senatorin Kamala Harris in die Mangel genommen. Sichtlich verärgert über Sessions Schachzug mit dem schlechten Gedächtnis, versuchte sie dem Justizminister die Aushändigung schriftlicher Unterlagen abzuringen. Ein Zugeständnis, dass sie von Sessions nur verklausuliert erhielt.

Etwas erstaunt über dessen Zurückhaltung wirft sie Sessions darauf vor, dass ausgerechnet er, der Justizminister, sich offensichtlich nicht über die Pflichten bei einer solchen Anhörung schlau gemacht habe – und darauf erhält sie prompt ein Zugeständnis. Und das, obwohl Sessions damit seine eigene Inkompetenz zur Schau trägt.

Würde er allerdings zugeben, die Regeln zu kennen, müsste er ebenfalls zugeben, dass er stärker kooperieren müsste – und genau das will er auf jeden Fall verhindern.

Video: streamable

Er spielte auf Zeit

Jeder anwesende Senator durfte gestern Jeff Sessions fünf Minuten «verhören». Waren die Demokraten am Zug, gestaltete dieser seine Antworten jeweils unnötig umfangreich. Mit diesem Zeitspiel versuchte er, weitere Angriffe der Demokraten zu verhindern. Selbstverständlich durchschauten die Demokraten diese Taktik und fielen dem Justizminister immer wieder ins Wort.

Das nutzte der mit allen Wassern gewaschene Sessions wiederum zu seinem Vorteil, stellte sich wütend als Opfer dar – und gewann damit gleich wieder ein paar Sekunden.

Video: streamable

Er berief sich auf Traditionen, und nicht auf Gesetze

Jeff Sessions verweigerte während der Anhörung jegliche Aussagen zu privaten Gesprächen zwischen ihm und dem Präsidenten. Solche wären aber hinsichtlich der Entlassung von Ex-FBI-Chef Comey von grosser Bedeutung gewesen.

Als der aufkommende Star der Demokratischen Partei, Martin Heinrich, ihm danach aufzeigte, dass er keine rechtliche Grundlage für sein Handeln hatte, berief sich Sessions auf Traditionen innerhalb des Departements. Wer Traditionen hat, braucht keine Gesetze. Das gilt auch für den Justizminister.

Video: streamable

Er spielte die Süsser-Alter-Mann-Karte perfekt aus

Jeff Sessions bestes Argument aber überhaupt ist seine Erscheinung. Mit seinen lustigen wachen Äuglein, dem kleinen, fast lippenlosen Mündchen und den abstehenden Ohren erinnert er stark an die Figur Yoda aus «Star Wars».

Justiz-Minister.

Jedi-Meister.

Wenn Sessions zuhört, erinnert das nicht selten an das Bild eines gutmütigen Grossvaters, der sich gerade Zeit nimmt, einer kleinen Geschichte seiner Enkelin zu lauschen. Wenn er spricht, dann scheint ihm der Schalk im Nacken zu sitzen – eine perfekte Interpretation der Rolle des süssen harmlosen alten Mannes. 

Video: streamable

In Tat und Wahrheit ist Sessions aber der personifizierte Wolf im Schafspelz. Der 70-Jährige aus Amerikas Süden ist ein ultrakonservativer Hardliner, der Ruf, dem Ku Klux Klan nahe zu stehen, konnte er trotz öffentlichem Dementi nie ganz ausradieren.

Jeff Sessions fehlten gestern zwar die Argumente, trotzdem liess er nichts anbrennen. Präsident Trump wird es mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben. Und vielleicht schaut er ihm auch in Sachen Debattier-Kunst noch etwas ab.  

Und nun zu etwas Ähnlichem:

2m 27s

Schleimen wie bei Trump? Bei unserem Chef doch nicht ...

Video: watson/Emily Engkent, Maurice Thiriet

Russland-Connection: Justizminister Jeff Sessions sagt vor dem Senatsausschuss aus

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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16
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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ujay 15.06.2017 08:04
    Highlight Opa darf Luegen...er ist ja so suess. KKK Sympathisant hin oder her.
    6 2 Melden
  • roger.schmid 15.06.2017 00:07
    Highlight
    0 1 Melden
  • roger.schmid 14.06.2017 22:22
    Highlight Ich finde nicht, dass er "die Debatte gewonnen hat " das ganze 'nicht erinnern ' war so fadenscheinig.. Wenn das stimmen würde - was es natürlich nicht tut - ein Mann mit solch schwachen Erinnerungsvermögen hätte nichts, aber auch gar nichts in einem wichtigen Amt verloren.
    22 2 Melden
    • The Origin Gra 15.06.2017 01:21
      Highlight Tja, man kann ihm nicht Nachweisen das er nicht mehr fähig ist sein Amt wegen schlechtem Gedächnis zu führen aber auch nicht, das er etwas verheimlicht.

      Es bleibt nur der Fade beigeschmack, Juristisch ist er, soweit man weiss, erstmal etwas aus der Schusslinie.

      Aber ja, wenn er zurücktritt oder zurückgetretten wird, würde mich das nicht wundern
      1 1 Melden
  • Gummibär 14.06.2017 21:19
    Highlight Justizminister Jeff Sessions : Ein erfahrener und in Aussagen geschulter Anwalt und langjähriges Senatsmitglied. Trotzdem konte er nicht glaubhaft machen warum er im July und November 2016 Comey als Profi rühmte und im Mai 2017 für Comeys Aktivitäten im gleichen Zeitraum die Entlassung guthiess.
    Ich glaube an zwei Gründe für die Entlassung :
    1. Die Weigerung D.Trump in den Arsch zu kriechen
    2. Comeys Körpergrösse, die ihm erlaubte auf Trumpy hinunterzuschauen ...... das können kleine Männchen nicht ertragen.
    22 4 Melden
  • Steimolo 14.06.2017 20:19
    Highlight ihr medien habt einfach nicht mehr alle tassen im schrank. ich habe fertig.
    8 33 Melden
    • Spooky 14.06.2017 21:28
      Highlight Hehe! Danke. Ich konnte lachen 😂 (ohne Ironie).
      10 5 Melden
    • Binnennomade 14.06.2017 21:47
      Highlight Merci für dä! 👍
      5 3 Melden
    • Steimolo 14.06.2017 22:56
      Highlight Hätt nicht gedacht dass der durchkommt 😂 aber auch ohne ironie, zuerst soll sessions die bombe platzen lassen und jetzt ists auch ohne brisante enthüllungen spannend? Das ist doch irgendwie, ne? 😂
      5 3 Melden
    • Spooky 15.06.2017 21:41
      Highlight @ Steimolo

      "Das ist doch irgendwie, ne?" 😂

      Doch doch, das ist irgendwie schon.

      (Haha! Ich muss noch einmal lachen. Danke 😂)
      2 0 Melden
    • Steimolo 15.06.2017 22:05
      Highlight oleg legendär 😂

      1 0 Melden
  • Binnennomade 14.06.2017 20:09
    Highlight Die Kreuzritter der Demokratie haben einen Justizminister, der -im Amt- unter Eid gelogen hat.. Grosses Kino!
    21 4 Melden
    • Radiochopf 14.06.2017 21:40
      Highlight Nichts neues:
      Clapper als US-Geheimdienstchef unter Eid gelogen und was ist passiert? Genau nichts.. ob Comey, Sessions oder wer auch immer aus dieser Kategorie unter Eid lügt, passieren wird eh nichts.. Comey hat aus egoistischen Gründen seine Memos geleakt.. Maning, Assange und Snowden aus moralischen Gründen.. Manning bekam 35 Jahre Knast und Assange, Snowden droht schlimmeres.. Comey gilt in den Medien als Held, Manning und Snowden werden als Verräter und Spione bezeichnet... so siehts aus..
      10 8 Melden
    • Binnennomade 15.06.2017 12:18
      Highlight Wieso soll Comey aus egoistischen Gründen geleakt haben? Er war schon gefeuert, hat jetzt aber erreicht, dass ein Sonderermittler eingesetzt wird, was es für die Angeschuldigten schwieriger macht, Einfluss auf die Untersuchungen zu nehmen.
      1 0 Melden
  • The Origin Gra 14.06.2017 20:08
    Highlight Mich störte dieses Hinterhältige Lächeln, es regte mich auf
    22 4 Melden
    • WilliMu 14.06.2017 22:53
      Highlight Mich auch.
      Zudem würde ich noch gerne an seinen Ohren reissen.
      Ein richtig hinterhältiges Gesicht.
      Der passt punktgenau zu Trump.
      17 3 Melden

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