Wirtschaft
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Fish with or without the MSC label from various countries is on ice on a market stall on the weekly market at Helvetiaplatz square in Zurich, Switzerland, pictured on March 12, 2013. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Fisch mit oder ohne MSC-Siegel aus verschiedenen Laendern liegt auf Eis an einem Marktstand auf dem Wochenmarkt am Helvetiaplatz in Zuerich, aufgenommen am 12. Maerz 2013. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Fairer Fisch mit MSC? Daran bestehen immer mehr Zweifel. Bild: KEYSTONE

Öko-Fischlabel MSC in der Kritik: Jetzt reagieren Migros, Coop und Co.

28.04.18, 07:56 28.04.18, 09:04

benjamin weinmann / schweiz am wochenende



Es sind drei Buchstaben für ein gutes Gewissen: MSC – kurz für Marine Stewardship Council. Die gemeinnützige Organisation wurde 1997 vom WWF und dem Nahrungsmittelmulti Unilever gegründet. Sie vergibt das blaue MSC-Siegel mit dem Fisch-Logo, um den Konsumenten zu versichern, dass ihr gekauftes Produkt aus nachhaltigem Fischfang stammt. Zwölf Prozent der internationalen Fischproduktion sind inzwischen MSC-zertifiziert.

Doch die Organisation gerät zunehmend in Verruf. Die ARD strahlte diese Woche einen viel beachteten Dokumentarfilm aus, der das Nachhaltigkeits-Label in einem schlechten Licht erscheinen lässt. «Das Geschäft mit dem Fischsiegel – die dunkle Seite des MSC» zeigt mehrere Schwachpunkte des Systems auf.

So reagieren Migros, Coop und Denner

Dazu gehört zum Beispiel der mexikanische Thunfischfang. Dieser wurde jahrzehntelang von den Händlern boykottiert, da dabei auch Delfine in den Netzen verenden, die mit den Thunfischen eine Fressgemeinschaft eingehen. Mit Schnell-Motorbooten und zum Teil Helikoptern werden sie zusammengetrieben und mit einem sogenannten Ringwadennetz gefangen.

Solche Bilder machen uns betroffen und diese Fangmethoden sind für uns nicht tolerierbar»

Migros-Sprecherin Alexandra Kunz.

Während der MSC behauptet, es seien zuletzt nur 700 Delfine deswegen gestorben, rechnen im Film Insider mit einem Vielfachen dieser Zahl. Auch Vorwürfe von Bestechungen unabhängiger Beobachter werden im Dokumentarfilm erhoben.

Verwässerte Nachhaltigkeitsversprechen für mehr Profit? Die verstörenden Aufnahmen haben auf jeden Fall auch Schweizer Detailhändler aufgeschreckt, wie eine Umfrage zeigt. Grundsätzlich betonen viele Händler, dass sie MSC insgesamt nach wie vor als glaubwürdiges Label erachten.

Aber: «Solche Bilder machen uns betroffen und diese Fangmethoden sind für uns nicht tolerierbar», sagt Migros-Sprecherin Alexandra Kunz. Man sei der Meinung, dass der Standard verbessert werden müsse. Vor rund einem Monat habe man MSC-Vertreter nach Zürich eingeladen. «Dabei konnten wir unsere Forderungen direkt platzieren.»

Die Thunfische in der Migros kämen aus Betrieben, bei denen die Thunfische einzeln mit der Angel oder mit lokalen Fischen als Köder gefischt werden, sagt Kunz. So könne Beifang praktisch ausgeschlossen werden. Um die Nachhaltigkeit des eigenen Fisch-Sortiments zu gewährleisten, lasse man alle Produkte zusätzlich vom WWF prüfen.

«Wir erwarten, dass MSC die Umstände abklärt und Konsequenzen daraus zieht.»

Denner-Sprecher Thomas Kaderli

Auch die Migros-Tochter Denner ist aufgrund der ARD-Bilder empört: «Die aufgedeckten Missstände sind besorgniserregend», sagt Sprecher Thomas Kaderli. Die Vertrauenswürdigkeit des Labels dürfe nicht leiden. «Wir erwarten, dass MSC die Umstände abklärt und Konsequenzen daraus zieht.»

Die eigenen Denner-Lieferanten hätten zum Teil Zulieferer, welche die umstrittene Fangmethode einsetzen würden, sagt Sprecher Kaderli. «Wir werden uns bemühen, für künftige Beschaffungen eine Alternative zu finden.» Dennoch sei MSC zum heutigen Zeitpunkt das am strengsten regulierte Label auf dem Markt und man halte am Ziel fest, den MSC-Anteil im Sortiment weiter zu erhöhen.

Bei Coop heisst es, man nehme den Film ernst und sei in engem Austausch mit dem MSC wie auch dem WWF. Diese Treffen würden in Zukunft intensiviert, sagt Sprecher Ramón Gander. Zur Thunfisch-Fischerei in Mexiko könne man sich nicht äussern, da Coop keinen Thunfisch im Sortiment habe, der mit dieser Methode gefangen werde. 100 Prozent der Fische und Meeresfrüchte beziehe Coop aus nachhaltigen Quellen – «ob frisch, tiefgekühlt, aus Dosen oder im Restaurant». Nachhaltig bedeutet bei Coop, dass der WWF die Herkunft als akzeptabel oder empfehlenswert einstuft.

Und was sagt MSC?

Die Kritik an den Qualitätsstandards des Labels ist nicht neu. Anfang Jahr warnten laut «Spiegel» 66 Wissenschaftler und Organisationen die MSC davor, ihre Zertifizierungen auszuweiten. Ihr Vorwurf: Die Vorgaben seien mangelhaft. Und Greenpeace Österreich bezeichnete das Öko-Label zuletzt gar als «absolut nicht vertrauenswürdig».

Der MSC hat inzwischen eine ausführliche Stellungnahme zum Film auf seiner Website publiziert. Er spricht von einer falschen Darstellung der Tatsachen. So würden die Filmaufnahmen der mexikanischen Thunfisch-Fischerei aus den 80er-Jahren stammen. Sie seien nicht mehr repräsentativ. Die Fischerei unternehme heute erhebliche Anstrengungen, um Delfine zu retten. Dazu gehöre der Einsatz von Tauchern in jedem Netz, um die Tiere zu befreien. Auch würden keine Beweise für Bestechungsgelder vorliegen. Das entsprechende Beobachterprogramm gelte als eines der strengsten weltweit.

Der Film suggeriere zudem, der MSC würde mehr Fischereien aufnehmen, um seine Einnahmen zu erhöhen. Das sei völlig falsch. Der MSC sei eine Non-Profit-Organisation und erziele keine Einnahmen aus der Zertifizierung.

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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gavi 29.04.2018 19:31
    Highlight Ich habe kürzlich das Buch "das Meer" gelesen.
    Ganz sicher werde ich nie mehr Fisch und Meeresfrüchte essen. Mir ist darauf der Appetit vergangen.
    Wenn der letzte Fisch gefangen ist oder der letzte Delfin von den Japanern abgeschlachtet wurde, dann ist endlich Ruhe. Und das ökologische Gleichgewicht nachhaltig zerstört.
    Ich war nach dieser Lektüre einfach nur entsetzt.
    80% vom Netzfang wird tot oder halbtot, wieder ins Meer geworfen. In den Netzen habe mehrere Jumbo Flieger Platz. Da hat es halt auch Delfine, Schildkröten und Seehunde drin.
    Nie mehr Fisch für mich!
    2 2 Melden
  • Jekyll & Hyde 28.04.2018 14:05
    Highlight Was mich am meisten überrascht ist die Empörung das Delfine und Haie beim Fischen nach Thunfisch umkommen, aber niemand denkt an die Thunfische.

    Klingt komisch, ist aber so
    26 4 Melden
  • rundumeli 28.04.2018 12:02
    Highlight mir gibt die haltung des wwfs zu denken ! ... gehören auch zu den nutzniessern der zertifizierung ?
    8 4 Melden
  • Walter Sahli 28.04.2018 11:19
    Highlight Die einzigen Fische, die man mit halbwegs gutem Gewissen verzehren kann, sind die aus einheimischer Biozucht. Meerfisch sollte längstens tabu sein.
    19 2 Melden
    • me myself 28.04.2018 13:39
      Highlight Werden die aber nicht auch oft mit Fischen aus dem Meer und andere Orten gefüttert? Ich traue keinem dieser labels. Das einzige was hilft, ist es nicht mehr zu kaufen. Ich esse daher sehr selten Fisch und Fleisch.
      17 2 Melden
  • Nosgar 28.04.2018 10:37
    Highlight Die Thunfisch-Fischerei ist grundsätzlich ein Problem. Die Fischbestände sind massiv bedroht und die lokalen Fischer können kaum mehr existieren, weil die grossen Trawler alles leer fischen.
    15 1 Melden
  • N. Y. P. 28.04.2018 09:38
    Highlight «Solche Bilder machen uns betroffen und diese Fangmethoden sind für uns nicht tolerierbar», sagt Migros-Sprecherin Alexandra Kunz.

    Also, langsam muss man sich ernsthaft fragen. Die Migros hatte keinen Schimmer von den Fangmethoden von MSC ?

    Ist das nicht das allerwichtigste Kriterium, die Fangmethode ? Und die Migros wusste nicht, dass 700 Delfine und 38'000 Hai jedes Jahr (sorry) verrecken ?

    Diese ganze Gütesiegelindustrie stinkt doch zum Himmel.

    54 9 Melden
    • lilie 28.04.2018 10:03
      Highlight Doch, anscheinend schon - sie haben ja schon vor einem Monat MSC-Vertreter nach Zürich eingeladen, da war die ARD-Doku noch nicht mal draussen.
      30 2 Melden
    • N. Y. P. 28.04.2018 10:57
      Highlight Die Partnerschaft zwischen MSC und der Migros besteht aber schon seit 240 Monaten.
      Aber besser spät als nie.
      Die Migros wird bestimmt noch ein paar Hochglanzprospekte von MSC erhalten.
      Heute reicht es einfach nicht mehr, wenn man einmal im Jahr mit einem Kutter mitfährt und dann nach Hause meldet, dass alle nett waren und alles mit rechten Dingen zu und her geht.

      Man muss über die Bücher gehen.
      14 0 Melden
    • velolove 28.04.2018 14:24
      Highlight hab dir ein herz gegeben. obwohl ich mit dem letzten satz nicht gleicher meinung bin. generell alle labels schlecht reden, ohne grund, ist nicht ok.
      5 0 Melden
    • N. Y. P. 28.04.2018 15:40
      Highlight Ich danke Dir für das Herz, @velolove. Wenn mich etwas aufregt, wie das, was jetzt bei MSC ausgekommen ist, dann geht bei mir manchmal die Tastatur durch.

      Du siehst, wie mir solche Dinge wichtig sind.

      Für Dich nochmals mein letzter Satz in der Version 2.0 :

      Die Gütesiegelindustrie bedarf einer Überprüfung. Die Art/Häufigkeit der Kontrollen der Labels sollte unter die Lupe genommen werden, um solche Dinge früher aufzudecken.

      Kommt velolove von der Liebe zum Radfahren ? Falls ja, sind wir brothers in the spirit..🙂

      2 0 Melden
    • lilie 28.04.2018 17:43
      Highlight Das Hauptproblem, wenn ich auch noch meine zwei Cebts dazugeben darf, ist doch, dass es eine unabhängige Kontrollstelle/Überprüfung gibt.

      Das ist doch das A und O jeder Art von Label oder jedes Standards, sonst ist das doch ein Witz. Und da scheint es bei MSC auch schon im Argen zu liegen.
      3 0 Melden
  • Beat Galli 28.04.2018 09:26
    Highlight Es gab nicht viele Gewinner des zweiten Weltkrieges.
    Einer war das Meer. Da in dieser Zeit der Wirren auf dem Atlantik kaum Fangflotten unterwegs war, konnten sich die Fischbestände in bemerkeswerter schnelligkeit erholen.
    Leider sehe ich den Point of no Return schon sehr Nahe, wenn nicht schon überschritten, dass eine Erholung der relevanten Tierarten noch möglich ist. Jedenfalls in, für Menschen überschaubaren Zeiträumen.
    Nur ein geschlossener Güterkreislauf, kann die Menschen retten. Nichts Nutzen, was wir nicht wieder erstellen können.
    54 1 Melden
  • lily.mcbean 28.04.2018 09:20
    Highlight "Der MSC sei eine Non-Profit-Organisation und erziele keine Einnahmen aus der Zertifizierung."
    Wers glaubt wird selig! Jedes Label ist auf Profit ausgerichtet.
    28 6 Melden
  • Butschina 28.04.2018 09:19
    Highlight Bei Thunfisch steht drauf wenn er mit der Leine gefischt wird. Steht nichts würde ich ihn nicht kaufen. Bei anderem Fisch habe ich mich jeweils auf msc verlassen.
    17 1 Melden
  • lilie 28.04.2018 09:11
    Highlight Finde es ermutigend zu sehen, wie ernst unsere Detailhändler die Anschuldigungen gegenüber MSC sehen. 👍
    20 4 Melden
  • My Senf 28.04.2018 08:59
    Highlight Also um das ganze kurz zusammenzufassen

    1. ARD zeigt ein besorgniserregende Doku
    2. alle Verteiler sind empört
    3. der MSC sagt alles gelogen 🤥

    Der Konsument denkt sich nun
    Fake News von ARD? Die Verteiler schmeissen ja nichts aus dem Sortiment!

    Muss ich jetzt wieder selber angeln 🚶‍♀️? Allerdings bei so viel Plastik Müll ist die Chance Plastik zu fischen zu gross

    Ach dann lass ich Fisch doch ganz sein. Ich dachte der MSC Fisch 🐟 muss nicht grausam sterben 😉 sondern artgerecht
    20 5 Melden
  • Lord_Mort 28.04.2018 08:24
    Highlight "Dennoch sei MSC zum heutigen Zeitpunkt das am strengsten regulierte Label auf dem Markt..." Was sagt das schon aus, bei einem Markt der die Meere derart rücksichtslos überfischt. Da müssen die Massstäbe nicht all zu hoch sein, um als strengstes Label zu gelten.
    Solche Labels haben ein Ziel. Dem Konsumenten soll das schlechte Gewissen genommen werden bzw. ihm soll suggeriert werden, sein Einkauf unterstütze die Erhaltung der Fischbestände. Tatsache ist aber, dass die meisten Fischarten heute akut gefärdet sind. Nachhaltig ist nur ein verantwortungsbewusster Konsum, d.h. weniger Fisch essen.
    97 3 Melden

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