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Von Roger Welti frisch gefangene Felchen, aufgenommen am Dienstag, 10. Mai 2016, auf dem Bodensee bei Altenrhein. Roger Welti fischt seit 36 Jahren im Bodensee. Er hat wie alle anderen Fischer am See seit Jahren mit ruecklaeufigem Fischfang zu kaempfen. Das Wasser werde immer sauberer und damit naehrstoffarmer. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Fische, die darauf warten, verspeist zu werden. Bild: KEYSTONE

35'000 tote Haie jedes Jahr – Fair-Fisch-Label MSC massiv in der Kritik

«Steht MSC drauf, ist ein fair gefangener Fisch drin». Das meinen viele Konsumenten, die in der Migros oder bei Coop zum Fair-Label greifen. Jetzt wird die gemeinnützige Organisation allerdings frontal angegriffen.



MSC heisst ausgeschrieben «Marine Stewardship Council» und steht für nachhaltige Fischerei. Wer verantwortungsvoll Fisch kauft, achtet auf das Label. Es ist das bekannteste in der Fisch- und Meeresfrüchte-Branche.

Diese Woche hat die Organisation Post bekommen. Absender sind 53 Organisationen aus der ganzen Welt. Greenpeace gehört ebenso dazu wie der Verein Fair-Fish aus der Schweiz. Sie alle behaupten, MSC halte nicht das, was sie den Konsumenten verspricht. Die Vorwürfe sind happig: 

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Dieses Label steht auf den Fischverpackungen.

MSC zertifizierte Fischerei, die 35'000 Haie tötete 

MSC zertifiziere Fischereien, die alles andere als nachhaltig ans Werk gehen. Ein Beispiel dafür sei die Atlantic Canadian Swordfish Longline Fishery. Die Fischerei generiere mehr Beifang als Fang und sei verantwortlich für über 35'000 getötete Haie und zwischen 200 und 500 getötete Schildkröten pro Jahr, heisst es im Brief. MSC hat die kanadische Fischerei im Jahr 2011 zertifiziert. 

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Ein Walhai schwimmt unter einem Fischernetz durch. bild: shutterstock

MSC lässt Fischfang mit Grundschleppnetzen zu

Eine fragwürdige Fangmethode ist der Fischfang mit Grundschleppnetzen. Solche Netze beschädigen laut den Organisationen den Meeresboden und die dort lebende Tiere. Dies aus zwei Gründen:

Umweltverschmutzung Garbage Plastikmüll Meeresverschmutzung Schildkröte Fischernetz

Auch Meeresschildkröten verfangen sich beim Fischfang in Netzen.

MSC lässt Produkte aus überfischten Beständen zu

MSC biete Produkte aus überfischten Beständen an. Das zeige die Studie des GEOMAR Helmhotz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (hier findest du mehr dazu). Die Studie zeigt, dass mehrere Fischbestände über der von MSC festgelegten Obergrenze befischt wurden. Dennoch sind Fische aus solchen Beständen weiterhin Träger des MSC-Siegels. 

In this Wednesday, July 2, 2014 photo, freshly caught ballyhoo, caught off the Florida Keys, are piled up to be sold as bait at Key Largo Fisheries Inc. in Key Largo, in the Florida Keys. Federal officials are seeking to ban commercial fishing in nearby Biscayne National Park which is offshore from suburban Miami. Officials say cutting off commercial fishing will help improve the numbers and size of fish swimming through the park. (AP Photo/Lynne Sladky)

Das Geschäft mit Fischen ist ein globales Business. Bild: Lynne Sladky/AP/KEYSTONE

«Entzieht ihnen das Label»

Die Absender des Schreibens an MSC führen in ihrem Brief vier Fischereien auf, die ihrer Meinung nach nicht nachhaltig arbeiten (1. The Atlantic Canadian Swordfish Longline Fishery, 2. Antarctic krill fisheries, 3. The NZ Orange roughy deep-sea bottom trawl fishery, 4. The Gulf of Maine lobster fishery). Die Organisationen rufen MSC dazu auf, diesen Fischereien das MSC-Label zu entziehen und keine Betriebe damit zu zertifizieren, die gewisse Standards nicht einhalten würden. 

«Pauschalisierungen sind wenig hilfreich»

MSC-Sprecherin Andrea Harmsen sagt zu watson, das Unternehmen nehme externe Kritik ernst. Das sei gar ein wichtiger Bestandteil des MSC-Programms. Zum Thema Beifang sagt Harmsen:

«Der MSC-Umweltstandard wird kontinuierlich in Zusammenarbeit mit Experten aus Wissenschaft, Fischerei und Umweltschutz weiterentwickelt.»

Weiter müssten die zertifizierten Fischereien oder solche, die zertifiziert werden wollen, sicherstellen, dass sie ihre Massnahmen zur Minimierung unerwünschter Beifänge von gefährdeten Arten laufend verbessern und regelmässig überprüfen lassen. 

Le siege International du WWF (World Wide Fund for Nature) photographie ainsi que son logo le Panda, ce jeudi 7 avril 2016, a Gland (VD). L'ONG prevoit la suppression d''une centaine d'emplois a son siege de Gland. (KEYSTONE/Cyril Zingaro)

Der WWF unterstützt MSC. WWF hat die Organisation mitgegründet. Bild: KEYSTONE

Zudem weist Harmsen darauf hin, dass die Fischereibewertungen nicht durch den MSC selbst, sondern durch unabhängige Dritte durchgeführt werden.

Zur Kritik, dass Langleinen- und Grundschleppnetze schlecht seien, meint Harmsen: «Eine Fangmethode, die bei Fischerei A negative Umweltfolgen hat, kann bei Fischerei B ohne negative Auswirkungen und nachhaltig sein.» MSC schliesse keine legale Fangmethode pauschal von einer Zertifizierung aus. Pauschalisierungen seien wenig hilfreich auf dem langen Weg mehr und mehr Fischereien zu einer nachhaltigen, umweltschonenden Arbeitsweise zu bewegen. 

Update 

MSC betont, es gebe unterschiedliche wissenschaftliche Meinungen darüber, «wann Fischereiaktivitäten einen Fischbestand gefährden». Die MSC folgt gemäss Harmsen den Kriterien der UN Welternährungsorganisation FAO. Diese vertritt eine andere Meinung als die GEOMAR-Studie. MSC sagt, die GEOMAR-Studie sei fehlerhaft. So seien drei von elf Beständen gar nicht von MSC-zertifizierten Fischereien befischt worden. Zudem seien für die Studie falsche Daten herangezogen worden.
Auch bei der kanadischen Langleinen Schwertfisch-Fischerei ist MSC anderer Meinung als die Verfasser des Briefes. Die Fischerei habe im Kontext der MSC-Zertifizierung ihren Beifang durch das Umfahren bestimmter Gebiete, durch den Einsatz von besonderen Haken und Schnüren und durch Schulung aller Fischer zum einen generell deutlich auf ein nachhaltiges Mass verringern, und zum anderen Verletzungen und Sterblichkeit bei dennoch beigefangenen Tieren minimieren können. Mithilfe eines lückenlosen Überwachungsprogramms für die gesamten Flotte würden die Fangfahrten und Fanggebiete ständig aufgezeichnet und überwacht. (feb)

Das sagen Coop und Migros

Coop wie auch Migros verkaufen MSC-zertifizierte Fische und Meeresfrüchte. Bei Migros heisst es, MSC habe momentan die strengsten Richtlinien für Wildfang. Migros sei stets an Verbesserungen interessiert. Ein Label solle und müsse sich stetig weiterentwickeln. Mediensprecher Martin Bosshard: «Migros ist Mitglied bei der WWF Seafood Group.» Darum stütze sich die Migros auf die Nachhaltigkeitsbewertung ihres Sortimentes durch den WWF. Gemäss Coop-Sprecher Ramón Gander bezieht Coop von den im Bericht erwähnten Fischereien keine Fische. «Wir erachten MSC als geeigneten Standard, um die Fischerei nachhaltig zu gestalten», sagt Gander. (feb) 

WWF steht weiter zu MSC

MSC wurde 1997 vom WWF mitgegründet. Der WWF unterstützt die unabhängige Organisation auch heute weiter. Zu den aktuellen Vorwürfen sagt Corina Gyssler von WWF Schweiz: «Die in der Kritik stehenden sechs Fischereien betrachtet auch der WWF als kritisch: Wir haben uns in den entsprechenden Zertifizierungsphasen kritisch eingebracht und bei den meisten der genannten Fischereien Einspruch eingelegt.» WWF betont, dass die meisten der 306 MSC-zertifizierten Fischereien vorbildlich arbeiteten. 

 

Dieser Thunfisch kostet 647'000 Franken – und er macht gerade Herrn Kimura sehr glücklich

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