Aktuelle Themen:

Tobias und Stefan Ganz kochen für dich.
bild: zvg

Döner? Mensa? Nö! Zwei Jungs wollen dein Mittagessen revolutionieren

Mit der neuen Internetplattform Margrit können sich Fremde am privaten Mittagstisch begegnen. Eine schöne und authentische Alternative zu Mensa und Dönerstand.

Publiziert: 21.06.16, 11:56
anna miller

Es ist kurz vor halb eins. Stefan Ganz wirft Spaghetti in den grossen Topf, noch ein paar Minuten, dann kommen seine Gäste. Stefan ist 28 Jahre alt, er wohnt in einer kleinen, zusammengewürfelten Wohnung im Kreis 4 in Zürich. Er bekocht uns heute.

Uns, das sind ihm fremde Menschen, maximal sechs, die sich heute Mittag angemeldet haben für Spaghetti al Pomodoro e Sarde. Die für 12.40 Franken gut und günstig essen wollen, ungezwungen, aber privat. Die Abwechslung suchen, in einem Gastronomie-Dschungel, der zwar vieles anbietet, für Büropausen aber eben dann doch immer das Gleiche.

Vielleicht zahlt Margrit mal die Miete

Deshalb hat Stefan zusammen mit seinem Bruder Tobias die Internetplattform Margrit gegründet. Dafür hat er seinen Job als Texter an den Nagel gehängt und ist das Wagnis eingegangen, ein Start-up zu gründen, das ihm vielleicht irgendwann die Miete zahlt.

«Wir wollen mit Margrit eine bezahlbare Alternative zu den Mittagsangeboten bieten.»

Stefan Ganz, Gründer von Margrit

Auf Margrit können Privatpersonen aus der ganzen Schweiz bei sich zuhause Mittagessen anbieten. Sie sagen wann und legen das Menu fest. Personen aus der Umgebung können sich dann einen Platz am Mittagstisch buchen. Die Essen kosten meist zwischen zehn und 25 Franken. Inbegriffen sind oft ein Salat, eine Hauptspeise, teilweise Dessert, Getränke und Kaffee. Eben alles, was es auch bei Oma zuhause auf den Tisch käme.

Ode an die Grossmutter

Deshalb heisst die Plattform Margrit: Als Hommage an die eigene Grossmutter, bei der die beiden als Buben über Mittag essen konnten. Wo alles liebevoll und authentisch war, einfach und gut. Und das verschwand, mit dem Erwachsenwerden. Und wurde ersetzt durch kalte Sandwiches, Steh-Lunch oder den immergleichen Italiener um die Ecke.

Grossmutter Margrit. Wegen ihr haben Stefan und Tobias Ganz ihr Start-up gegründet. bild: margrit

«Wir wollen mit Margrit eine bezahlbare Alternative zu den Mittagsangeboten bieten», sagt Stefan Ganz. Das Internet biete weltweit Kontakte, aber die Nähe zur unmittelbaren Nachbarschaft gehe verloren. «Die Idee ist auch, die Leute einer Region oder eines Ortes wieder stärker miteinander zu vernetzen», sagt Ganz. Am Mittagstisch sei der Austausch zwischen Generationen und Milieus möglich. «Eine solche Durchmischung ist wichtig für die Gesellschaft.»

Sehnsucht nach Familie, Essen, Liebe

Ganz selbst spürt in sich manchmal eine gewisse Sehnsucht, nach neuen Kontakten, neuen Gesprächen, mehr menschlicher Qualität. Spontane Treffen, neue Ideen, neue Geschichten. Ein bisschen Nostalgie schwingt in diesem fortschrittlichen und doch so simplen Konzept mit: Unser aller Sehnsucht nach familiären Strukturen, einfachen, gesunden Mahlzeiten, mit Liebe gekocht.

Keine kalten Nudeln mehr aus dem Plastik-Böxli vor dem PC, keine Schweinswurst Menu 1 in der Mensa. Stattdessen eine knappe Stunde freundliche Gespräche, ungezwungen, unbelastet vom Geschwätz der Bürokollegin, ohne Chef, ohne grosses Portemonnaie. Hausmannskost, simpel, fein, à la Minute zubereitet. Margrit ist ein Stück Normalität, eben ein Zmittagstisch im kleinen Rahmen, ein bisschen Familie, für einen Moment.

Essen auf der fremden Terrasse

Die Spaghetti an Tomatensauce mit Sardellen werden serviert, die Sonne brennt auf unsere Köpfe. Wir sitzen zu fünft auf der privaten Dachterrasse von Stefan, hoch über den Dächern dieser Stadt, und essen gemeinsam und erzählen uns, wer wir sind, was wir treiben. Wir sind uns alle von Beginn weg sympathisch.

Wir sprechen über Entwicklungsarbeit in Afrika und Betriebswirtschaft, über das schöne Leben und die Liebe, über das Wetter und diese Idee, wegen der wir hier sind. Allen ist wohl, das Fazit ist gut, «sehr entspannt», «authentisch».

Der jungen Frau am Tisch kommt ihre Tante in den Sinn, bei der sie als Kind immer gegessen hat. Kurz huscht ein Glanz über ihre Augen, «ja, die Tante, das war so super. Alles selbst gekocht, keine Massenware».

Hunderte sollen zusammen essen

Intimer sei das hier gewesen, schön. Aber auch nicht für jeden Tag. Weil es auch Kraft kostet, sich auf neue Leute einzulassen, weil die Zeit auch nicht jeden Tag reicht.

Dass Hunderte Menschen jeden Tag zusammen über Margrit essen, ist Stefans Traum. Die Realität sieht im Moment noch anders aus: Die Plattform ist seit rund drei Monaten online, um die 650 Mitglieder haben sich zwischenzeitlich registriert. Bis zum Sommer wollen die Gründer zehn Essen pro Tag vermitteln, langfristig sollen es aber tausend Essen pro Tag sein. Ein zu grosses Ziel?

«Warum darf man denn nicht gross träumen, auch in Zürich?» Airbnb habe auch klein angefangen. Stefan Ganz und sein Bruder wollen mit Margrit mittelfristig auch ins Ausland, nach Deutschland, Österreich. Wenn's klappt, noch weiter, weltweit, sogar.

Der Text geht nach der Bildstrecke weiter ...

Auch sie haben mal klein angefangen: Airbnb. Das sind die 20 angesagtesten Unterkünfte

Diese griechische Traumvilla befindet sich etwas ausserhalb Athens.
Die Aussicht auf die Ägäis ist umwerfend, hier eine Partie Tennis zu spielen, muss ein Traum sein. Allerdings kostet das Schmuckstück 562 US-Dollar pro Nacht.
Ferien in einem «Ein-Quadratmeter-Haus»? Kann man machen, im Hipster-Mekka Prenzlauer Berg in der deutschen Hauptstadt Berlin.
Der Vorteil von diesem Minihaus, es ist mit Rädern versehen, man kann also jederzeit umziehen. Kosten tut es auch nur mickrige elf US-Dollar pro Nacht.
Dieses Muschelhaus steht auf der mexikanischen Isla Mujeres vor Cancún.
Es gibt wohl keinen stylischeren Ort, um seinen Urlaub auf der kleinen Atlantikinsel zu verbringen. Kostenpunkt: 249 US-Dollar pro Nacht.
Mitten in Englands Hauptstadt London kann im Glockenturm bei der St-Pancras-Station übernachtet werden.
Die Wohnung überzeugt mit einer schicken Einrichtung. Pro Nacht zahlt man hier 221 US-Dollar.
Baumhäuser sind auf Airbnb gerade besonders angesagt – in den Top 20 sind gleich deren drei vertreten.
Dieses abenteuerliche Haus befindet sich in einem Wald in der Nähe von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Kostenpunkt: 350 US-Dollar pro Nacht.
Demnächst einen Urlaub in der Toskana geplant?
Dann wäre ja vielleicht die Villa San Gennariello in Portici etwas für dich. Kostet 67 US-Dollar pro Person und Nacht.
Dieses Hippie-Paradies nennt sich «Tile House» und liegt – wie es sich für eine Flower-Power-Bude gehört – im Backcountry von Los Angeles.
Mehr Wohlfühloase und Räucherstäbchen-Feeling geht fast nicht. Kostenpunkt: 175 US-Dollar pro Nacht.
War ja klar: Das kalifornische Palm Springs muss natürlich auch in den Top 20 vertreten sein.
Die schicke Wohnung im Rentnerparadies kostet 675 US-Dollar pro Nacht. Sonnengarantie natürlich inklusive.
Im kalifornischen Topanga steht diese «Pirates of the Caribbean»-Gedenkhütte.
Übernachtet werden kann unter anderem in diesem liebevoll eingerichteten Indianerzelt. Kostenpunkt: 175 US-Dollar pro Nacht.
Dieses Haus liegt in Island und wurde auf Lavastein und Moos gebaut. Überzeugen tut nicht nur die Architektur, auch die Lage ist unschlagbar.
Gleich neben dem Haus befindet sich ein Geysir, der laufend heisses Wasser spuckt. Kostenpunkt für diese Perle: 220 US-Dollar pro Nacht.
Mitten in der Wüste Kaliforniens steht dieses «Off-grid itHouse».
Strom kommt ausschliesslich von der Sonne, wovon es an diesem Ort ja mehr als genug hat. Pro Nacht kostet diese Wüstenunterkunft 380 US-Dollar.
Ein verlängertes Wochenende unterhalb des Pariser Eiffelturms, ...
... und dann noch auf einem Hausboot. Das gibt es für 236 US-Dollar pro Nacht.
Der sogenannte Mushroom Dome steht in einem Wald im US-Bundesstaat Kalifornien.
Für das Baumhaus-Feeling der speziellen Art bezahlt der Besucher 110 US-Dollar pro Nacht.
Nein, das sind keine übergrossen Klimaanlagen, sondern der sogenannte Nakagin Capsule Tower in Tokio.
Eine Nacht in einer Kapsel des Turms kostet 174 US-Dollar. Gemütlich, nicht?!
Bei den Airbnb-Usern ebenfalls angesagt: eine irische Schule. Gemäss Inserat können hier bis zu 60 Schüler unterrichtet werden.
Gegessen wird dann in diesem prunkvollen Saal. Kosten tut diese «School for rent» 1344 US-Dollar pro Tag.
Urlaub auf Malle: Da stellt man sich Palmen, Strand und volle Bierkrüge vor. Doch es geht auch anders.
Dieses Container-Haus bietet unter anderem einen Swimmingpool und einen Grillplatz und liegt in der Nähe von Palma de Mallorcas Zentrum. Kostenpunkt: 95 US-Dollar pro Nacht.
Dieses Baumhaus der etwas anderen Art steht in Atlanta, im Bundesstaat Georgia.
Kosten tut die sonnendurchflutete Unterkunft 500 US-Dollar pro Nacht.
Holland besteht offenbar doch nicht nur aus Hausbooten und Windmühlen. In Rotterdam kann man sich nämlich in diese Cube-Häuser einmieten.
Falls man vorher jedoch in einem niederländischen Coffeeshop Halt gemacht hat, könnte die spezielle Architektur durchaus für Verwirrung sorgen. Kostenpunkt: 151 US-Dollar pro Nacht.
Eine Autostunde von Edinburgh entfernt befindet sich dieses schottische Schloss.
Für 737 US-Dollar pro Nacht können in diesen historischen Gemächern bis zu 13 Personen übernachten.
Dieses hell beleuchtete Häuschen steht in den chilenischen Anden.
Besonders beliebt ist die Unterkunft bei Astronomen. Der Sternenhimmel ist in der chilenischen Einöde beeindruckend. Das «Iglu» kostet 190 US-Dollar pro Nacht.
Und zu guter Letzt: Der neuste Schrei aus Paris: Eine Nacht im Haifischbecken ...
... Einzig ein Glas trennt dich hier von den gefährlichen Fischen.

Essen, wo Menschen kochen – überall

Aber das ist Zukunftsmusik. «Zuerst müssen wir es schaffen, in der Schweiz lokale Märkte zu schaffen», sagt er. Erster Schritt sind die grösseren Schweizer Städte und Agglomerationen wie St.Gallen, Zürich, Bern. Doch Essen soll man können, wo Menschen kochen – also im Grunde überall.

«Vor allem Familien müssen sowieso jeden Mittag etwas auf dem Tisch haben, da kommt es auf den einen oder anderen Gast mehr gar nicht gross an.»

Stefan Ganz, Erfinder von Margrit

Die grösste Herausforderung wird sein, die Leute auf die Plattform zu bringen, Vertrauen zu schaffen. Menschen zu finden, die kochen wollen, die Zeit dafür haben. Und solche, die gerne bei Fremden essen. «Die Kochenden sind nicht die gleichen wie die, die essen gehen», sagt Ganz. Typischerweise müsse jemand, der koche, Zeit haben. Am ehesten würde das Studenten, Rentner und Familien ansprechen.

Ob einer mehr oder weniger ist egal

«Vor allem Familien müssen sowieso jeden Mittag etwas auf dem Tisch haben, da kommt es auf den einen oder anderen Gast mehr gar nicht gross an», sagt Ganz. Und für Senioren sei das eine grosse Chance, wieder vermehrt mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen. Und die Berufstätigen haben mal Abwechslung. Vom Kochen alleine werde aber keiner reich. «Im besten Fall reicht es für einen kleinen Nebenverdienst. Aber darum geht es auch nicht in erster Linie.»

Die Plattform bewegt sich juristisch in einem Graubereich: Wann hört privat auf, wann beginnt kommerziell? Ab wann ist so ein Angebot eine echte Konkurrenz zur bestehenden Gastronomie? Es sind ähnliche Fragen wie bei Airbnb oder Uber. Weil vor zehn Jahren noch niemand daran dachte, dass sich mit den Möglichkeiten des Internets solche Fragen stellen könnten.

Wie findest du die Idee von Margrit?
Leider hat was nicht geklappt. Bitte versuche es später nochmals.

Auch Fragen der Haftung stellen sich. Was, wenn ein Gast randaliert, wenn Geschirr kaputt geht? Bis jetzt sei alles gut gelaufen, sagt Ganz. Alle Gäste und Köche hätten gute Erfahrungen gemacht. Aber man wisse um diese Fragen und arbeite daran. Und auch mit der Gewerbepolizei sei man im Gespräch.

Milch aus der Tüte, wie daheim

Dessert gibt's keines, ist aber auch gar nicht nötig. Wir sind alle satt und zufrieden. Einen Kaffee aus der Mocca-Kanne zum Schluss, ein bisschen Milch aus der 1-Liter-Tüte. Wie daheim eben. Dann bleiben wir noch ein bisschen sitzen und geniessen die Aussicht auf die Berge.

Fast schade, wieder zurück, an die Arbeit. Aber Stefans Türen und Töpfe sind ja immer offen, für uns.

HOT HOT HOT – hier gibt's 5x Food, 2x Drinks und jede Menge Musik aus Jamaika

Meine Tochter (12) und ihre BFF erklären uns, was es mit diesem Bubble Tea auf sich hat

5 ungewöhnliche Spaghetti-Rezepte, die du unbedingt ausprobieren musst

TikTok hin oder her – Chili aus der Chipstüte ist crazy. Crazy good, um genau zu sein

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben