Aktuelle Themen:

Xhaka beim Remis gegen Frankreich, beobachtet von Paul Pogba.
Bild: KEYSTONE

Granit Xhaka ist der teuerste Schweizer Fussballer. Nun kommen für ihn die Momente der Wahrheit

Die Fragen waren zahlreich. Die Zweifel ebenfalls. Wird Granit Xhaka endlich zum Leader in diesem Schweizer Nationalteam? Kann er die Leistungen mit Mönchengladbach bestätigen? Ist er reif, auch auf der grössten Bühne zu überzeugen?

Publiziert: 24.06.16, 07:12 Aktualisiert: 24.06.16, 10:29
Etienne Wuillemin, montpellier / Nordwestschweiz

Nach der EM-Vorrunde sind die Zweifel der Bewunderung gewichen. Xhaka kann es. Seine Auftritte in Frankreich sind irgendwo zwischen herausragend und grossartig anzusiedeln. Er ist der Denker und Lenker dieser Mannschaft. Es wirkt, als leide er nicht länger darunter, im Schatten des ehemaligen Captains Gökhan Inler zu stehen.

Nach der EM schliesst sich Xhaka Arsenal London an. Seriösen Schätzungen zufolge beträgt die Ablösesumme an Mönchengladbach knapp 48 Millionen Franken. Rekord für einen Schweizer Fussballer. Entsprechend hoch ist auch das Interesse aus England an Xhaka. Die Medien nehmen die neue Arsenal-Hoffnung genau unter die Lupe.

Nach der EM wird London Xhakas neue Heimat sein.
bild: arsenal

Beobachter kommen ins Schwärmen

Der Arsenal-Experte der renommierten englischen Zeitung «The Guardian» heisst Dave Hytner. Wer mit ihm über Xhaka spricht, bekommt vor allem lobende Worte zu hören: «Seine Auftritte bis anhin waren brillant.» Besonders eine Eigenschaft hat Hytner imponiert: «Wie bei vielen anderen grossen Spielern bekommt der Zuschauer bei Xhaka das Gefühl, er habe ständig eine oder zwei Sekunden mehr Zeit, weil er das Geschehen auf dem Platz frühzeitig erahnt.»

«Diese Fähigkeit macht es sehr schwierig, ihn zu tackeln – etwas, das ihm in England viel helfen kann.» Aber auch, was Xhaka dann mit dem Ball anfängt, sei grosse Klasse. «Er hat immer genau im Kopf, was er tun will. Nicht eine, sondern stets drei Varianten. Und daraus wählt er meist auch die richtige.»

Xhaka zeigt bislang ein überragendes Turnier. Bild: Tim Groothuis/freshfocus

«Xhaka hat nun die Gelegenheit zu zeigen, dass er fähig ist, in grossen Spielen zu überzeugen»

Nach der Vorrunde an dieser EM hat nur ein Spieler mehr erfolgreiche Pässe gespielt als Xhaka, Toni Kroos. Beeindruckt ist Hytner aber nicht nur von der Dominanz Xhakas im Schweizer Spiel, sondern auch von dessen Variantenreichtum der Pässe. Kurze, halblange oder lange – das Repertoire des 23-Jährigen scheint unermesslich.

Das Interesse aus England an Xhaka nimmt allerdings jetzt, in der K.-o.-Phase, noch einmal deutlich zu. «Noch reden die Leute nicht wirklich über ihn», sagt Hytner. Einerseits liegt das daran, dass alle vier Teams von der Insel den Sprung in den Achtelfinal geschafft haben. Andererseits aber auch, weil erst jetzt die Spiele folgen, in denen es um den Titel geht. «Jetzt hat Xhaka eine erste Gelegenheit zu zeigen, dass er fähig ist, in grossen Spielen zu überzeugen», sagt Hytner.

Wer gewinnt den EM-Achtelfinal?
Leider hat was nicht geklappt. Bitte versuche es später nochmals.

Xhaka als fehlendes Puzzle-Teil

Warum das so ist? Ganz einfach: Arsenal London ist ein Verein, dem in den letzten Jahren zunehmend der Ruf des ewigen Zweiten anhaftet. Das Umfeld sieht in der vergangenen Saison eine riesige verpasste Chance, endlich den ersten Titel seit 2004 zu gewinnen. Chelsea, Manchester United, Manchester City, Liverpool – viele grosse Vereine haben ein Jahr zum Vergessen hinter sich. Und trotzdem hat es nicht zum Titel gereicht, dieser ging an das Überraschungsteam Leicester.

Trainer Arsène Wenger nimmt das letzte Jahr in seinem aktuell gültigen Vertrag in Angriff. Die Debatten, ob sein Abschied naht, mehren sich. «Es zählt nur eines: der Titel», sagt Experte Hytner, «und weil Xhaka bis jetzt der einzige grosse Transfer ist, sind die Erwartungen an ihn beinahe unermesslich.» Englands Fussball-Ikone Gary Lineker twitterte bereits am Tag, als der Transfer bekannt wurde: «Xhaka ist das fehlende Puzzleteil zum Titel.»

Arsenal-Fans vor dem Emirates-Stadion.
Bild: John Sibley/REUTERS

«Setze mir keine Grenzen»

Xhaka selbst gibt sich gelassen. Er sagt: «Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann dies: Wenn ich mir selbst zu grossen Druck aufsetze, geht es in die Hosen. Das hat mein erstes Jahr in Mönchengladbach deutlich gezeigt. Ich bin erst 23 Jahre alt und ich werde darum weiterhin Fehler machen.» Für Hytner besteht die Gefahr, dass der öffentliche Druck zu gross werden könnte, dennoch. «Die Geschichte zeigt: Das Arsenal-Umfeld ist tendenziell hektisch und wird schnell nervös. Vielfach überträgt sich das auf die Spieler. Mit diesem Druck umzugehen, wird für Xhaka die grösste Herausforderung.»

Der Achtelfinal gegen Polen ist dafür schon ein guter Test. Xhaka gehörte zu jener Fraktion der Schweizer, die sich auch vor einem Duell mit Deutschland nicht gefürchtet hätten. Nach der Gruppenphase sagt er: «Ich setze mir in Frankreich keine Grenzen.» Dass der Gegner nun Polen heisst, dürfte aber auch ihn kaum stören. Die Chancen, erstmals im modernen Fussball in einem grossen Turnier in den Viertelfinal zu kommen, sind jedenfalls bestimmt grösser. Und Xhaka kann beweisen, ein Mann für die grossen Spiele zu sein.

Fakten zu den polnischen Gegenspielern im EM-Achtelfinal

Polens Team feiert mit den Fans. Die Ostmitteleuropäer sind am Samstag (15 Uhr) der Gegner der Schweiz im EM-Achtelfinal. Das sind die Spieler. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Lukasz Fabianski, Tor, Swansea City. 2-mal Startelf. Rückte nach dem Auftaktspiel für den verletzten Wojciech Szczesny ins Team. War einst schon bei Arsenal nur Ersatz hinter Szczesny. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Michal Pazdan, Verteidiger, Legia Warschau. 3-mal Startelf. Sein Spitzname lautet «Kung Fu Pazdan». Shaqiri und Co. sollten ihm also nicht zu nahe kommen. EPA/EPA / GUILLAUME HORCAJUELO
Artur Jedrzejczyk, Verteidiger, Legia Warschau. 3-mal Startelf. Kann an Trikots ziehen, ohne sie kaputt zu machen. Feierte die EM-Qualifikation mit einer Breakdance-Einlage in der Kabine – vor den Augen von Staatspräsident Andrzej Duda. EPA/EPA / PETER POWELL
Kamil Glik, Verteidiger, Torino. 3-mal Startelf. Der 1,90 m grosse Innenverteidiger besitzt auch einen deutschen Pass, in welchem sein Nachname «Glück» lautet. EPA/EPA / Sebastien Nogier
Lukasz Piszczek, Verteidiger, Borussia Dortmund. 2-mal Startelf. Wurde einst für ein halbes Jahr gesperrt, weil er in einen Wettbetrug verwickelt war. AP/AP / Martin Meissner
Thiago Cionek, Verteidiger, US Palermo. 1-mal Startelf. Wuchs als Nachkomme polnischer Auswanderer in Brasilien auf. Spielte vier Saisons in Polen, seit 2012 ist er in Italien engagiert. X00380 / YVES HERMAN
Grzegorz Krychowiak, Mittelfeld, FC Sevilla. 3-mal Startelf. Der Mann fürs Grobe, einer von Europas besten auf seiner Position. Spielte nie in Polen, weil er schon als 16-Jähriger nach Frankreich ging. EPA/EPA / SRDJAN SUKI
Krzysztof Maczynski, Mittelfeld, Wisla Krakau. 2-mal Startelf. Wechselte 2014 für drei Jahre nach China, kehrte aber nach einer Saison wieder nach Hause zurück. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Bartosz Kapustka, Mittelfeld, KS Cracovia. 2-mal Startelf. Der 19-Jährige Shootingstar verletzte sich einige Monate vor der EM bei einer Schlägerei in einem Nachtclub. Rief den Nationaltrainer an, entschuldigte sich und flehte ihn an, ihn trotzdem nach Frankreich mitzunehmen. EPA/PAP / Bartlomiej Zborowski
Jakub Blaszczykowski, Mittelfeld, Fiorentina. 2-mal Startelf. Vor den Augen des zehnjährigen «Kuba» tötete sein Vater seine Mutter. Jakub und sein Bruder wuchsen bei der Grossmutter auf, da der Vater ins Gefängnis musste. Schon Blaszczykowskis Onkel war Captain der polnischen Fussballnati. EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Kamil Grosicki, Mittelfeld, Stade Rennes. 1-mal Startelf. Absolvierte vor acht Jahren einige Partien für den FC Sion. Ist der DJ in Polens Kabine und legt gerne «Disco Polo» auf: Euro-Dance mit polnischem Text. Aufgepasst: Schoss für Rennes in der abgelaufenen Saison sechs seiner neun Saisontore als Joker! EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Tomasz Jodlowiec, Mittelfeld, Legia Warschau. 1-mal Startelf. Gilt als kopfball- und zweikampfstark. Ein Spieler wie geschaffen, um eine Führung über die Zeit zu retten. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Piotr Zielinski, Mittelfeld, Empoli. 1-mal Startelf. Spielte seit der U15 in jeder polnischen Junioren-Nationalmannschaft und traf ausser für die U16 für jedes Team. Der ältere Bruder Pawel ist ebenfalls Profi in Polens höchster Liga. X01801 / EDDIE KEOGH
Arkadiusz Milik, Stürmer, Ajax Amsterdam. 3-mal Startelf. Nach 21 Toren in der Eredivisie schoss er an der EM das Siegtor im Auftaktspiel gegen Nordirland. Mit sechs Assists war er der beste Vorlagengeber der gesamten EM-Qualifikation. AP/AP / Thanassis Stavrakis
Robert Lewandowski, Stürmer, Bayern München. 3-mal Startelf. Der Captain ist als Bundesliga-Torschützenkönig der Star des Teams. An der EM schoss er allerdings in 270 Minuten noch kein Tor – kein Wunder, denn es wurde auch kein einziger Schuss aufs Tor Lewandowskis registriert! X00380 / YVES HERMAN

15.06.1996: Oh Gazza! Paul Gascoigne schiesst die Schotten ab und feiert im Zahnarztstuhl

Portugals «Goldene Generation» scheitert an Karel Poborskys Lob für die Ewigkeit

Jörg Stiel stoppt den Ball an der EM 2004 mit Köpfchen – weil er es kann

Zlatan schiesst gegen Italien ein unmögliches Tor mit dem Absatz auf Schulterhöhe

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben