Fuck Ambiguitätstoleranz
Die Gleichzeitigkeit von allem ist ja unvermeidlich: Irgendwo ist Tag. Irgendwo ist Nacht. Irgendwo ist Krieg und bei uns nicht. Irgendwo schlägt jemand in Schock seine Hände über dem Kopf zusammen. Und irgendwo anders klatscht jemand in die selbigen, weil sie das Aufladekabel vom Womanizer wiedergefunden hat.
Ich für meinen Teil werweisste die halbe Nacht, (wo mein Kabel ist und) ob ich heute über Die Sprache der Liebe, das Konzept Frühstunde oder den seltsamen Female Urge to Papeterie schreiben will, denn alles lauert gleichzeitig in meinem Kopf. Aber ich glaub, ich muss erst noch einen ganz anderen Gedanken dazwischenschieben.
Manchmal fühlt es sich drum so seltsam – um nicht zu sagen falsch – an, den Dingen, über die ich nachdenke und schreibe, so viel Aufmerksamkeit zu widmen, während zur selben Zeit und anderswo einfach Existenzen zerbombt werden. In den letzten Tagen sah ich, wie eine Frau in Japan ein Mädchen umrempelte, wie Menschen an einer Beerdigung sich duckten, weil die Luftalarmsirene losging, wie einem Mann in Amerika die Hand gebrochen wurde, und ich las, dass es in der Schweiz allein in der Kürze dieses Jahres schon fünf Femizide gegeben hat.
All das passiert.
Und innert zusätzlichen drei Minuten Internet sehen wir ausserdem und gleichzeitig Vorher-Nachher-Bilder einer Operation, eine halbe Demi Moore in Leder- und einen ganzen Bad Bunny in kurzen Hosen, wir entdecken ein neues Lied und bestellen etwas, das wir vielleicht gar nicht brauchen.
Wir sehen innert kürzester Zeit Raketeneinschläge, Menschen in Panik und aber auch 32 verschiedene Gesichter, die uns eindringlich anschauen und uns was erzählen über Frühchen, Ordnungsysteme, Jim Carrey, die einzig wahre Saftkur, Kannibalismus und die eine Übung, wie auch du endlich den Handstand schaffst.
Manchmal bin ich deswegen nicht ganz sicher, ob wir unsere Toleranz, die Gleichzeitigkeit der Dinge auszuhalten, vielleicht etwas zu arg trainiert haben?
Höher, schneller, weiter
Wir wollten das ja so: Alles schneller, effizienter, abrufbarer. Jede Erfindung der letzten Jahrzehnte schrie: Coucou, hier noch etwas Zeit sparen! Und meine Güte, wie haben wir sie gespart. Und was machen wir jetzt damit? Was Schönes, Gutes – oder einfach noch mehr Input reinballern? Klar, Junge, baller. Da sind jetzt tausend gleichzeitige Reize, ein ständiges Nebeneinander von Tragödie und Trivialität. Und permanent haben wir Einblick in Leben, die eigentlich gar nichts mit uns zu tun haben, aber eben auch irgendwie doch, weil wir an allem so nah dran sind und als privilegierte Menschen auch eine Verantwortung denen gegenüber tragen, die weniger Glück haben.
Wir halten es irgendwie aus, dass Vieles gleichzeitig wahr ist. Unser Leben und das der anderen. Die Psychologie hat dafür einen Begriff: Ambiguitätstoleranz. Die Fähigkeit, Widersprüche, konträre Meinungen und Perspektiven, Mehrdeutigkeit und Unklarheit auszuhalten – ohne in Abwehr zu verfallen, ohne vorschnell zu urteilen. Eine Schlüsselkompetenz, seitme. Etwas Erstrebenswertes. Aber ist das wirklich gut und eine Stärke? Oder haben wir einfach verlernt, dass uns etwas wirklich erschüttert? Haben wir überhaupt Zeit für Erschütterung?
Unsere Aufmerksamkeit verteilt sich, bis sie überall ein bisschen ist und nirgends mehr ganz.
Diese Ambiguitätstoleranz, so nützlich sie zum Überleben in Zeiten wie diesen scheint, könnte doch auch einfach ein Tarn-Wort sein für: Ich habe aufgehört, mich zu entscheiden, weil ich weiss, dass ich nicht muss? Denn morgen ist woanders schon wieder ein neues Drama. Und bevor dieses nur ansatzweise greifbar ist, bahnt sich schon ein nächstes an. Überall helfen geht nicht. Aber wie priorisieren und entscheiden, wo anfangen?
Scrollen wir einfach weiter.
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Hier kurz eine kleine Randnotiz mit integriertem Mahnfinger: Wenn sich dann mal jemand entscheidet, für etwas einzustehen – nennen wir es Problem A) – fällt allen anderen dieser Tage ja meist nichts Gescheiteres ein, als diesen jemand schriftlich und anonym anzuschreien, DASS ES DOCH ABER AUCH NOCH PROBLEM B) UND C) GIBT UND WIE IGNORANT UND DUMM MAN SEIN MÜSSE, UM JETZT AUSGERECHNET PROBLEM A) ZU WÄHLEN!! Das hilft natürlich auch einfach absolut gar nicht.
Drum widme ich mich dann wohl doch schon bald dem Thema: Die Sprachen der Liebe).
Einfach wieder mal nur etwas: Weiss noch jemand, wie das ging?
Ich erinnere mich, wie ich als Kind einen zugegebenermassen naiven Gedanken hatte, der mir damals aber vollkommen logisch vorkam: Wenn alle Menschen alle paar Wochen einen Tag frei nehmen würden, um dann über ein Problem zu reden, das grad ansteht – nur das eine – dann fände man doch für alles eine Lösung? Und so verkehrt finde ich den Gedanken auch heute nicht. Weil wenn wir all unsere Hirnzellen und Fähigkeiten und Ideen zusammennähmen, dann wären wir ja gar nicht so dumm? Wir sind einfach nur so wahnsinnig abgelenkt.
Weil alle an alles denken und an nichts richtig, fühlt sich die ganze Welt an wie eine grosse Karikatur meines Kopfes: Ein Ort, wo zu viele Tabs gleichzeitig offen sind und niemand hat mehr die Übersicht.
Jeder Tab wummert leise vor sich hin, hie und da ploppt wieder ein neuer auf, irgendwo knorzt ein Download und ein Abo verlängert sich ungefragt und automatisch. Niemand räumt das doch jemals alles wieder auf?
Während ich also im Bett liege und hirne, wünschte ich uns allen jemanden, der da kommt und sich kümmert. Jemand, der (oder fast noch lieber die) jeden Tab Punkt für Punkt kurz mit uns durchgeht und die erledigten Tabs dann schliesst und bevor sie den Computer zuklappt, vielleicht sogar noch husch den Browserverlauf löscht. Weil ich glaub, wir wissen vor lauter Ambiguitätstoleranz selber gar nicht mehr, wie dringend nötig das wäre.
So. Und nächste Woche öffne ich dann wieder einen simpleren Tab. Bis dahin viel Kraft beim Aushalten von allen Dingen.
❤️
PS: Dass die Vergangenheitsform von werweissen «ich werweisste» ist und nicht «ich werwusste», ist schon irgendwie ein PS wert, auch wenn es nicht viel zur Sache tut.
