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Ob in Aarau oder Bangkok – Fussball verbindet eben doch die Welt

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Im Herzen Bangkoks, inmitten von Abgasen und Motorenlärm, zwischen Hochhäusern und Pendlern, entdecke ich einen Hartplatz, auf dem junge Thailänder jeden Abend der schönsten Nebensache der Welt nachgehen: Trikots von Arsenal, Bayern und Real Madrid, zwei Mini-Tore mit zerschlissenen Netzen – sowie dieses faszinierende runde Ding namens Ball.

Zweimal setze ich mich nur als Zuschauer auf die kleine Tribüne, beim dritten Besuch halte ich es nicht mehr aus: Ich frage ein paar Jungs, die gerade auf ihren nächsten Einsatz warten, ob ich mitspielen darf. Sie verstehen zwar kein Englisch, wissen aber sofort, was ich will – und teilen mich einer Mannschaft zu.

Ich spiele Fussball, seit ich laufen kann. Bis ich 17 war, hatte ich nur ein Ziel: Fussballprofi! Eines Tages sah ich ein, dass das Talent – und der Biss? – dafür nicht ausreichen.

Nur kein dummer Fehlpass ...

Wenige Minuten später stehe ich auf dem Feld. «Hellblau, pink, grau und weiss», präge ich mir die Leibchen meiner vier Teamkameraden ein. Nur kein dummer Fehlpass zu Beginn, sonst bin ich gleich als Holzfuss gebrandmarkt und meine Mitspieler bereuen, dass sie den Fremden aufgenommen haben.

Ich spiele Fussball, seit ich gehen kann. Bis ich 17 war, hatte ich nur ein Ziel: Fussballprofi! Eines Tages sah ich ein, dass das Talent – und der Biss? – dafür nicht ausreichen. Später blieb mir nichts anderes übrig, als die Karrieren ehemaliger Weggefährten mitzuverfolgen. Drei davon, Fabian Frei, Moreno Costanzo und Michael Lang, schafften es sogar in die Schweizer Nati, zumindest zeitweise.

Für mich haben sich die unzähligen Stunden auf dem Trainingsplatz finanziell nicht ausbezahlt. Belohnt wurde ich aber trotzdem: Mit frechen Sprüchen in der Kabine, die jeden noch so mühsamen Arbeitstag vergessen liessen. Mit Bierchen unter der Dusche, die den Sieg etwas süsser und die Niederlage etwas weniger bitter machten. Und mit angeregten Diskussionen darüber, wie dieses oder jenes Spiel nur verloren gehen konnte.

Ausserhalb des Teams interessierte sich natürlich kein Mensch dafür, aber was spielt das für eine Rolle?!

Fussball ist überall hilfreich

Als ich aus beruflichen Gründen von der Ostschweiz nach Aarau zog, merkte ich erstmals, wie hilfreich der Fussball sein kann, um sich an einem neuen Ort zurechtzufinden. Erst fühlte ich mich in der Aarauer Altstadt ziemlich fremd. Nachdem ich mich aber dem FC Küttigen angeschlossen hatte, der inoffiziell FC Karneval heisst, verging kaum mehr ein Feierabendbier, ohne dass mir in der Altstadt ein Teamkollege zurief: «Hey, Schlitti!»

Dann kommt es noch besser: Nach einem Querpass in die Gefahrenzone lenke ich den Ball mit der Hacke aufs Tor, wo er den Weg in die Maschen findet – zwischen den Beinen des Goalies hindurch.

Doch der Fussball funktioniert nicht nur in der Schweiz als Türöffner, sondern überall auf der Welt – auch auf dem kleinen Hartplatz in Bangkok. Ich bekomme von meinen neuen Teamkollegen viele Bälle zugespielt und bin sofort ins Spiel integriert.

Zwischen den Beinen des Goalies hindurch

Dann kommt es noch besser: Nach einem Querpass in die Gefahrenzone lenke ich den Ball mit der Hacke aufs Tor, wo er den Weg in die Maschen findet – zwischen den Beinen des Goalies hindurch. Ein Raunen geht durchs Publikum, wenn man die paar Nasen, die gerade Pause machen, so nennen kann. Meine Teamkollegen laufen freudenstrahlend auf mich zu, um abzuklatschen.

Mal kommt ein Gegenspieler wegen mir zu Fall – Foul. Mal landet ein Prellball an meiner Schulter – der Gegner plädiert (zu Unrecht!) auf Handspiel. Mal versandet ein Pass von mir im Niemandsland – Missverständnis. Mal schiebt ein Teamkollege eine Hereingabe von mir knapp am Tor vorbei – trotzdem Daumen hoch.

Thailändisch? Ostschweizer- oder Aargauerdialekt? Völlig egal. Der Fussball kennt keine (Sprach-)Grenzen, jeder versteht jeden.

Wir gewinnen auch das zweite Spiel. Bevor die dritte Partie beginnt, will mir einer meiner Mitspieler, der mit dem grauen Shirt, wild gestikulierend etwas mitteilen. Ah, ich soll mehr steil laufen – verstanden!

Thailändisch? Ostschweizer- oder Aargauerdialekt? Völlig egal. Der Fussball kennt keine (Sprach-)Grenzen, jeder versteht jeden. Und es spielt keine Rolle, dass ich der einzige Auswärtige bin. Grosser Sport!

PS:

Nach 30 Minuten auf dem Feld nehme ich wieder auf der kleinen Tribüne Platz. Das T-Shirt völlig durchnässt, ringe ich nach Atem. Die Beine sind schwer, die Fusssohlen brennen. Die zehn Monate ohne Sport sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ich schüttle den Kopf und muss mir grinsend eingestehen, dass ich von meinem einstigen Traum, Fussballprofi zu werden, wohl nie weiter weg war als jetzt.

Aber so eine Weltreise ist ja auch nicht zu verachten.

So hektisch ist der Verkehr in Bangkok:

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Video: thomas schlittler/watson.ch

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ksayu45 27.03.2016 16:44
    Highlight Highlight auf den strassen bangkoks ist es wirklich schlimm aber zum öv zählt ja auch die metro (und der skytrain). diese funktioniert meiner erfahrung nach bestens
    • Thomas Schlittler 04.04.2016 19:54
      Highlight Highlight Das stimmt, aber weil ich im Süden der Stadt gewohnt habe, haben die mir kaum geholfen. Das Metro- und Skytrain-Netz ist ja leider nicht wirklich flächendeckend ausgebaut ...
  • rodolofo 27.03.2016 11:55
    Highlight Highlight In den Philippinen, insbesondere in Metro Manila, sieht es sehr ähnlich aus: Auf einer einzigen, lächerlichen Schmalspurbahn, bewegt sich der Zug im Schneckentempo und laut dröhnend zwischen den einfachen Häuschen, Hütten und Holzverschlägen von Slums hindurch, so dass die Leute, welche auf dem Bahngeleise spatzieren und ihre Ware feilhalten, diese wegräumen und sich selbst rechtzeitig in Sicherheit bringen können.
    Die ÖV-Schwarzfahrer sitzen auf den Dächern der Waggons, oder vorne auf der Lok.
    Für Fussball ist zu wenig Platz da. Also nehmen die Filipinos Basketball als Volkssport.
    • niklausb 28.03.2016 02:05
      Highlight Highlight weil Basketball keinen Platz braucht??? *irony off*
    • rodolofo 28.03.2016 08:10
      Highlight Highlight Ja genau! Einen Korb kannst Du auch in einem menschlichen "Ameisenhaufen" überall hinhängen.
      Trotz ihrer grossen Begeisterung für Basketball kommen die Filipinos international nicht zu Ehren, da sie verglichen mit den afroamerikanischen Hühnen relativ klein sind.
      Auf abgesperrten Campus von privaten Eliteschulen habe ich dagegen schon einige Fussballfelder gesehen.
  • Luca Brasi 27.03.2016 10:17
    Highlight Highlight Vielen Dank für die Impressionen aus dem "stauenden" Bangkok. Ja, König Fussball ist überall. ;)
    Einer meiner Lehrer hat mir mal gesagt, dass wenn ich die Mentalität eines Landes resp. einer Bevölkerung verstehen will, dann sollte ich am besten ein Fussballspiel besuchen. ;)
    Welches ist denn Ihre Lieblingsposition, Herr Schlittler? Sie scheinen ja ein eiskalter Goalgetter zu sein. ;)
    Auf jeden Fall, frohe Ostern im weitentfernten Asien!
    • Thomas Schlittler 04.04.2016 19:57
      Highlight Highlight Nein, ein Goalgetter war ich definitiv nie. Das Tor in Bangkok war sehr untypisch für mich. ;-) Als Linksfuss war meist die linke Seite für mich reserviert - ob hinten oder im Mittelfeld. Beste Grüsse zurück, auch wenn Ostern schon wieder vorbei ist.
    • Luca Brasi 04.04.2016 22:08
      Highlight Highlight Ah, die Barnetta-Position! Um im Ostschweizer Fussballjargon zu bleiben. ;)
      Mich hatte man immer ins Tor verbannt wegen meiner beiden linken Füsse.
  • 2sel 27.03.2016 09:51
    Highlight Highlight Habe ich auch so erlebt in Bangkok. Die Leute sind extern unkompliziert. Ob Fußball, Badminton oder Karaoke, man wird einfach dazu eingeladen, mitzumachen.

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