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Warum ich selten über islamistische Hetzer schreibe

In diesem Standbild von einem Video herausgegeben von IntelCenter letzten Freitag, 25. September 2009, droht ein angeblicher Taliban-Sprecher an einem unbekannten Ort mit terroristischen Anschlaegen g ...
Islamistische Gotteskrieger verbreiten Angst und Schrecken.Bild: keystone
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Warum ich selten über islamistische Hetzer schreibe

24.10.2020, 08:1525.10.2020, 08:12
Hugo Stamm
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Es ist schon fast zum Ritual geworden: Wann immer ich mich kritisch mit dem christlichen Glauben, mit Freikirchen oder der katholischen Kirche auseinandersetze, greifen Gläubige zum Stereotyp des Christenbashings. Dem Vorwurf folgt oft die Aussage, ich würde christliche Gemeinschaften kritisieren, den Islam aber schonen.

Dann folgt oft das Killerargument: Mir fehle der Mut, den Islam in die Zange zu nehmen, ich sei schwach und feige. Nun darf natürlich jeder seine eigene Meinung haben. Wünschenswert wäre allerdings, wenn sich die Kritiker zuerst informieren würden, bevor sie ihre Pauschalurteile in Kommentare giessen.

Ich glaube, behaupten zu können, nicht ängstlich zu sein. Ich setze mich seit 1974 mit sektenhaften Gruppen und Bewegungen auseinander. So begann ich als Tagi-Journalist über Scientology zu recherchieren und schrieb schliesslich ein Buch über die Sekte. Seither bin ich auf der Liste ihrer Feinde weit oben, zumal ich insgesamt mehrere hundert Artikel über Scientology publizierte. Auch Dutzende andere sektenhafte Gruppen habe ich nie geschont.

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Demonstration der Scientologen in Zürich.

Ausserdem habe ich bei rund 1000 Vorträgen und vielen Medienauftritten stets Klartext gesprochen. Ich scheute mich auch in meinen Artikeln nicht, Sektenführer und sektenhafte Gemeinschaften mit ungeschminkten Worten zu kritisieren.

Angriffe und Steine im Schlafzimmer

Das Resultat waren über 100 Strafanzeigen und rund 50 Prozesse. Selbst diese rechtlichen Angriffe konnten mich nicht an meiner Aufklärungsarbeit hindern. Ich wurde beschattet, nach einem Vortrag niedergeschlagen, Steine flogen des nachts in mein Schlafzimmer – auch diese Repressionen verschiedener Sekten steckte ich weg.

Ich habe auch keine Angst, mich kritisch mit dem Islam auseinanderzusetzen. Ich tat es gelegentlich im Blog und in Fernsehauftritten, unter anderem in der Arena. Es gibt aber klare Gründe, weshalb ich den Islam und islamische Gemeinschaften seltener thematisiere.

Zum einen: Die meisten Muslime, die bei uns ansässig sind, praktizieren ihren Glauben nicht oder leben ihn moderat. Sie sind nicht auffällig, missionieren nicht und stören niemanden. Sie geben deshalb keinen Stoff für einen Text in meinem Blog her.

Zum andern: Die problematischen Gruppen sind ohnehin im Visier der Medien, der Öffentlichkeit, dem Nachrichtendienst und der Polizei. Die kleinsten Auffälligkeiten in diesen gefährlichen Milieus sorgen für dicke Schlagzeilen.

Deshalb ist es müssig, wenn ich im Blog diese Ereignisse ebenfalls aufnehme, zumal es bei uns bisher noch keine Anschläge gegeben hat. Das würde nur Sinn ergeben, wenn ich selbst neue Fakten und Erkenntnisse aufspüren würde. Doch dann würde ich sie im Newsteil und nicht im Blog publizieren.

Scientologen brachten solche Kleber an den Kandelabern von Zürich an. Der vollständige Text: Stammvater der religiösen Minderheitenverfolgung.
Scientologen brachten solche Kleber an den Kandelabern von Zürich an. Der vollständige Text: Stammvater der religiösen Minderheitenverfolgung.

Meine Zurückhaltung beim Thema Islam hat also nicht mit Angst oder Feigheit zu tun, sondern mit sachlichen und journalistischen Gründen. Um alle Zweifel auszuräumen, gebe ich auch hier ein Statement ab:

Ja, islamistische Gruppen und Bewegungen, die Krieg führen und Terroranschläge verüben, sind Mörderbanden. Islamisten, die unschuldige Personen wahllos ermorden, handeln abscheulich, sind skrupellos, entmenschlicht, gehirngewaschen, brutal. Auch die Fanatiker, die die Missionarin Beatrice Stöckli entführt und bestialisch ermordet haben, müssen als Unmenschen bezeichnet werden.

Und nun? Wo liegt der Erkenntnisgewinn meiner Aussagen? Was ist erhellend oder überraschend daran? Nichts. Das alles wissen wir längst. Schliesslich gibt es kaum eine Frage, in der sich die Gesellschaft so einig ist wie bei der Beurteilung der Islamisten und ihrer verbrecherischen Organisationen.

Was soll ich da noch schreiben, was soll man diskutieren? Denn alle Kommentatoren und Kommentatorinnen würden sich zu Recht gegenseitig bestätigen, wie schlimm die Islamisten sind.

Wenn sich alle einig sind, ergibt sich keine Debatte

Wenn sich alle einig sind, ergibt sich aber keine Debatte. Solche Themen eigenen sich nicht für Blogs. Diese haben schliesslich die Aufgabe, kontroverse Themen prononciert darzustellen und Diskussionen zu provozieren.

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Es gibt auch einen praktischen Grund für meine Zurückhaltung. Texte zu islamischen Fragen ziehen reflexartig Islamhasser an. Das kann zu einer Vergiftung des sozialen Klimas führen. Moderate Muslime werden dann oft mit den Fanatikern in einen Topf geworfen.

Dabei fühlen sich manche Muslime ausgegrenzt und sind eher empfänglich für die missionierenden Fanatiker. Es kann nicht sein, dass ich seit über 40 Jahren gegen Radikalisierungstendenzen in religiösen Gemeinschaften kämpfe, um schliesslich selbst einen Beitrag dazu zu leisten.

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Hugo Stamm; Religionsblogger
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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Auf der Flucht vor der islamistischen Hölle
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190 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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bbelser
24.10.2020 09:13registriert Oktober 2014
Danke für diese klärenden Gedanken zu deinem Engagement!
Als katholisch sozialisierter Mensch, der zeitlebens versucht hat, zusammen mit anderen Menschen in Pfarreien einen befreienden und kritischen Glauben zu leben, bin ich immer dankbar, um fundierte Kritik an Fehlern, Schwächen und Kriminellem in Teilen der kath. Kirche. Ich selber habe mich entschieden, diese Kritik "von innen" zu leben.
Eine Bitte: auch bei Kritik an Missständen im christlichen Bereich pauschale Bezeichnungen ("die Christen", "die Gläubigen", "die Kirche") vermeiden zugunsten echter Debatte.
Danke für deine Arbeit!
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Deutero Nussuf
24.10.2020 12:10registriert Januar 2016
Hugo Stamm

Ich akzeptiere und verstehe gut Ihre Zurückhaltung dem Islam gegenüber.
Aber nicht aus den zwei genannten Hauptgründen:
1. „Die meisten Muslime, die bei uns ansässig sind, praktizieren ihren Glauben nicht oder leben ihn moderat.“
Das stimmt sicher, gilt aber für alle anderen Religionen und sogar manche Sekten auch.
Das ist also kein Grund nicht über extremere Richtungen aufzuklären: Graue Wölfe, Salafisten, Muslimbrüder, etc. Es gäbe genug und im Verhältnis zu den Christen wesentlich mehr extreme Auffassungen, die sich in unserer Gesellschaft breit machen und immer grösser werden.
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montuno
24.10.2020 12:38registriert Februar 2020
Ich arbeite seit Jahren mit Muslimen zusammen und habe auch Diskussionen/Streitgespräche über den Islam, was in der Regel keine Probleme macht da wir einander leben lassen. Aber: Ich kenne den Kulturkreis aus nächster Nähe und nicht durch lesen. Zwischenmenschliche Konflikte über Sachthemen sind in überwiegender Mehrzahl Kriege im wahrsten Sinne des Wortes. Ich werde keine Besuche im Land mehr machen, die werden mich lynchen ;)

Temperament zusammen mit Autoritätsgläubigkeit, eine Kindheit in patriarchalischen Strukturen und religiöser Fundamentalismus ergeben eine toxische Mischung.
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Darf ich den Baum des Nachbars zurückschneiden?
«My home is my castle, my garden is my paradise». In den helvetischen Gärten Eden setzt das Nachbarrecht der Gestaltungsfreiheit jedoch die eine oder andere Grenze.

Während sich in Australien 3.4 Personen einen Quadratkilometer teilen, leben in der Schweiz etwa 212 Personen auf derselben Fläche. Das ist eng und bereits ein Ast, der vom nachbarlichen in den eigenen Garten ragt, kann zu viel des Guten sein. So dürfen denn die Kantone auch Vorschriften erlassen, wie nah an deinem Grundstück der Nachbar Büsche und Bäume pflanzen darf.

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