DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Uriella hat als «Sprachrohr Gottes» angeblich viele göttliche Botschaften empfangen.
Uriella hat als «Sprachrohr Gottes» angeblich viele göttliche Botschaften empfangen.Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Gebrabbel, Channeling und Plattitüden: Wenn Gott mit vielen Stimmen zu uns spricht

10.04.2021, 08:08

Die Kommunikation ist der Schlüssel zum Leben. Ohne Verständigung sind alle Lebewesen verloren, denn sie ist Voraussetzung für soziales Verhalten. Ohne Möglichkeit zum Informationsaustausch würden die meisten Spezies verkümmern und schliesslich aussterben. Wir Menschen ganz besonders. Für die Arterhaltung ist sie ohnehin notwendig.

Bedürfnis und Fähigkeit zur Kommunikation sind deshalb angeboren. Schon Babys nehmen Augenkontakt auf und verzücken uns mit ihren Blicken und ihrem Lächeln.

Deshalb ist es mehr als verständlich, dass Gläubige auch mit den göttlichen Wesen in Kontakt treten wollen. Wenn wir diese «Vater» nennen wie im Christentum, ist das Bedürfnis speziell gross. Denn ein Vater gehört irgendwie zur Familie und ist ein wichtiger Gesprächspartner. Er sollte es zumindest sein.

Die Kommunikation mit göttlichen Wesen ist aber eine schwierige Sache. Wir können die übernatürlichen Wesen weder sehen noch hören. Also beten wir. Das Gebet wird von Gläubigen als Zwiegespräch mit Gott empfunden. Das setzt aber voraus, dass sich Gott aktiv am Dialog beteiligt.

Jeder Gemeinschaft ihre Methode

Jede Glaubensgemeinschaft hat eine eigene Methode, mit Gott oder den göttlichen Wesen zu kommunizieren. Und alle sind überzeugt, Botschaften und Antworten zu empfangen – in welcher Form auch immer. Hier ein paar Beispiele, die die vielfältigen Arten der Verständigung aufzeigen.

In der radikalen Esoterik wird das Empfangen von göttlichen Botschaften Channeling genannt. Beim Channeling stellen sich aufgestiegene Meister oder Geistwesen in den Dienst der Irdischen, um die spirituelle Entwicklung der Menschheit und die individuelle Erleuchtung zu fördern.

Mit Hilfe eines geistigen Kanals empfangen und entschlüsseln angeblich medial begabte spirituelle Meister und Gurus Botschaften von den göttlichen Instanzen oder dem Alleins. Diese verkörpern quasi das esoterische Evangelium oder die letzten Wahrheiten.

Ist das die Art, wie Gott sich den Menschen offenbart? Oder sind da Suggestion und Sehnsucht im Spiel? Oder vielleicht eine Portion Selbsttäuschung, Illusion und Einbildung?

Die Krux dabei: Weltweit gibt es Tausende Medien, die angeblich göttliche Botschaften empfangen und verbreiten. Da ist es nur logisch, dass sich die gechannelten «Weisheiten» oft diametral widersprechen.

Erwähnt sei in diesem Zusammenhang Uriella, die sich als Sprachrohr Gottes bezeichnete. Sie schrieb die unter Trance empfangenen Botschaften auf. Diese verraten zumindest, dass das Sprachvermögen von Jesus nicht gerade himmlisch ist.

Apokalyptische Prophezeiungen von Gott

Auch der apokalyptische Prediger Paul Kuhn der Sekte St.Michaelsvereinigung aus dem thurgauischen Dozwil hatte ein weibliches Medium, das als «Werkzeug Gottes» regelmässig Botschaften von Gott empfing. 1988 kündeten die göttlichen Instanzen den Weltuntergang an. Wie wir wissen, wurde daraus nichts. Das Gleiche gilt für die konkreten Endzeitprognosen der Zeugen Jehovas und von Uriella.

Im Wallfahrtsort Medjugorje in Bosnien-Herzegowina erscheint seit vielen Jahren die Muttergottes Maria angeblich einer Seherin und übermittelt der braven Frau anscheinend authentische Botschaften aus dem Himmel. Sie beglückt damit die vielen verzückten Pilger. Dass die «himmlischen Botschaften» meist einfache religiöse Plattitüden enthalten, macht die Gläubigen nicht stutzig.

Weiter sind da die frommen Christen, die in charismatischen Freikirchen wie den Pfingstgemeinden in Zungen reden. Sie brabbeln unverständliche Laute vor sich hin, was als Geistesgabe verstanden wird. Sie werden als Eingebungen des Heiligen Geistes interpretiert. In manchen Freikirchen wird gar versucht, die heiligen Signale aus den himmlischen Sphären zu entziffern.

Aber auch das gewöhnliche Gebet ist für strenggläubige Christen ein wahrer Dialog mit Gott oder Jesus. Sie glauben, Antworten oder himmlische Botschaften zu empfangen. Die meisten hören zwar nicht seine Stimme, sie sind aber überzeugt, nonverbale göttliche Gedanken oder Empfehlungen zu erhalten.

Ist das die Art, wie Gott sich den Menschen offenbart? Oder sind da Suggestion und Sehnsucht im Spiel? Oder vielleicht eine Portion Selbsttäuschung, Illusion und Einbildung? Dann wäre ein wenig Realitätssinn gefragt, der gerade in Glaubensfragen sinnvoll sein könnte.

Sektenblog

Alle Storys anzeigen
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Themen

Die bizarrsten TV-Auftritte der Sektenführerin Uriella

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

206 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
HugiHans
10.04.2021 08:30registriert Juli 2018
Oder, es besteht einfach ein Bedürfnis, dass befriedigt werden muss (Maslow lässt grüssen). Da die Medien nun in einem Wettbewerb zueinander stehen, müssen sie sich differenzieren. Also eigentlich logisch, dass die Botschaften unterschiedlich sind und wohl ganz irdische Interessen der "göttlichen" Medien deren Antrieb ist.
584
Melden
Zum Kommentar
avatar
Garp
10.04.2021 09:06registriert August 2018
Was mir hier fehlt in dem Blog, ist der finanzielle Aspekt.

Ich hab schon Menschen kennengelernt, die redeten mit Geistern, sahen Geisterpferde usw. , bedrängten damit aber keinen und versuchten auch keinen finanziellen Nutzen daraus zu ziehen. Es war einfach für sie richtig und die waren sonst ganz realistisch und standen mit beiden Füssen auf dem Boden und es gab keinen Drang zu irgendwelchen Manipulationen und es hat ihnen auch nicht geschadet und sie stellten sich auch nicht als jemand Besonderen dar. Es war halt einfach so.
607
Melden
Zum Kommentar
avatar
Hypatia
10.04.2021 09:12registriert Februar 2016
Heute werden wir ja von tausenden menschlich allzu menschlichen Channels in unseren Einbildungen ausgebildet. Man stellt sich die Frage, auf welcher Frequenz ist denn diese Stimme Gottes zu empfangen? - Gibt es da was auf youtube? - Ich höre da lieber dem Wind oder dem Regen zu und den Vögeln am Morgen. Wir haben neuerdings einen Zaunkönig im Efeu. Wenn dieses klitzekleine Vögelchen loslegt, schweigt der Rest der Welt und lauscht.
Wahrlich wahrlich ich sage dir
Gott spricht auch im kleinsten Tier
6311
Melden
Zum Kommentar
206
Freikirchen versuchen noch immer, Homosexuelle «umzupolen» – jetzt regt sich Widerstand

Glaubensgemeinschaften sehen sich als Hüter von Moral und Ethik. Pastoren von radikalen Freikirchen fühlen sich deshalb als Experten bei der Beurteilung von Gut und Böse und taxieren die Sünden. Weit oben in der Skala angesiedelt ist das angebliche Fehlverhalten in sexuellen Belangen. Einen Spitzenplatz nimmt dabei die Homosexualität ein, die als eine Art Ursünde angesehen wird. Doch damit manövrieren sich manche Freikirchen direkt in Teufels Küche.

Zur Story