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happy new year 2015

Bild: shutterstock

Yonnihof

Yonnihof

Happy New Year?

Scheiss auf Vorsätze! Fünf Neujahrsfragen an uns selbst.



Die letzten drei Tage verbrachte ich in einem Häuschen im Nirgendwo – ohne Stromleitung oder fliessend Wasser. Was man kochen will, kommt vom Holzherd, das Wasser, das aus der Leitung kommt, ist gesammeltes Regenwasser und das Holz, das verfeuert wird, um die Hütte zu heizen, kommt aus dem eigenen Wald, der die Hütte umgibt. 

Retour à la Nature, kann man sagen, und oh, tut sowas gut. Einen Fernseher gibt’s keinen, das Radio blieb stumm und abgesehen vom obligatorischen «Dinner for One»-Spektakel blieb der Laptop ungenutzt.

Völlig eingeschneit blieb mir nichts anderes übrig, als mir Gedanken zum neuen Jahr zu machen. Jahreswechsel sind ja immer wieder Ausschlag für gute Vorsätze – und wir alle wissen, was mit den löblich vorgenommenen Diäten, Fitnessabos und regelmässigeren Anrufen bei Müttern nach zwei, drei Monaten (Tops!) jeweils passiert ... 

Ich bin mir jeweils nicht sicher, ob die Enttäuschung ob des Nichteinhaltens fast mehr kaputt macht, als der Vorsatz anfänglich Gutes für einen tut. So im Stil von «Von den zehn Kilo, die ich mir letzten Silvester abzunehmen vorgenommen habe, bleiben mir an diesem Silvester nur noch 13.»

Und ich überlegte mir gestern: Ist das Problem mit Vorsätzen vielleicht, dass sie Antworten sind und nicht Fragen? Ist der Anfang eines neuen Jahres nicht eher Grund, sich einmal zu fragen, wie es einem eigentlich geht und was man so braucht, anstatt sich selber fest vorzuschreiben, wie – beziehungsweise wie eingeschränkt – man im neu begonnenen Jahr leben will? Ich glaube, wenn man sich selber in der richtigen Art und Weise hinterfragt, kann das viel realistischere Ziele im Sinne eines besseren, glücklicheren Lebensgefühls hervorbringen.

Hier also die fünf Fragen, die ich mir im Anschluss selber gestellt habe:

1. Bereue ich oft, was ich tue bzw. nicht getan habe?
Sage ich zu oft ja? Sage ich zu oft nein? Bin ich zu risikoscheu oder zu risikofreudig? Was müsste sich verändern, damit ich seltener Reue empfinde?

2. Rechtfertige ich mich zu oft?
Und wenn ja, liegt das daran, dass ich tatsächlich finde, dass mein Verhalten Rechtfertigung nötig hat oder daran, dass ich eventuell zu grossen Wert auf die Meinung anderer lege? Der Glaube daran, dass das, was ich tue, gut und richtig ist, ist eine der Grundlagen eines gesunden Selbstwertes. Manchmal sollte man einfach tun, was man tun will, und das eigene Verhalten nicht der eigenen oder fremder Zensur unterwerfen. 

3. Vergleiche ich mich zu oft mit anderen?
Wie François Lelord in «Hectors Reise» so schön sagt: «Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.» Selbstverständlich ist das Streben nach mehr eine feine Sache, sich aber ständig mit Menschen zu vergleichen, die (in meiner subjektiven Wahrnehmung) besser sind als ich selbst, nimmt meinem eigenen Können ein Stück an Wert. Ich kann – zumindest teilweise – selber steuern, wie weit ich das zulasse.

4. Wie ähnlich sind sich der Mensch, der ich bin, und derjenige, der ich sein will?
Ich habe hier absichtlich an zweiter Stelle nicht «der ich sein kann» verwendet. Natürlich wäre es schön, wenn wir alle im Sinne von Kants kategorischem Imperativ so leben würden, dass unser Verhalten so einwandfrei wäre, dass man es zu einem allgemeingültigen Gesetz machen könnte und die Welt dadurch ein perfekter Ort würde. Sowas ist aber in Realität völlig illusorisch, weil der Mensch ja nicht nur Moral und Ethik lebt, sondern auch Genuss und Selbstliebe. Das Hilfsverb wollen anstatt können bezieht sich darauf, wie weit wir bereit sind, ein moralisch vorbildliches oder aber eben auch hedonistisches Leben zu führen. Sind Genuss und Moral ausgewogen? Bin ich zu streng mit mir oder vielleicht zu nachsichtig? Oder beides, einfach in unterschiedlichen Bereichen meines Lebens?

5. Mag ich mich?
Diese Frage bezieht sich aufs Gesamtpaket und ist, wie auch das Klischee sagt, in meinen Augen Grundlage eines zufriedenen Lebens. Der uralte Spruch «Du musst dich selbst lieben, damit die Welt dich lieben kann» hat durchaus sein Wahres. Er bedeutet aber nicht, dass du jeden Tick, jede Unsicherheit und jede Speckrolle an dir lieben musst. Ich glaube, dass er bedeutet, dass der Frieden, den man mit sich selber hat (oder noch schliessen muss), zum Frieden auf der ganzen Welt beiträgt. Stückli für Stückli.
Vielleicht kann man die Frage auch umformulieren: Mache ich die Welt für mich selber und für andere ein bisschen besser? Schaut man sich die Liebe zu einem selber nämlich in einem solchen Rahmen an, wird die Wichtigkeit des Ticks oder der Speckrolle sehr schnell zu genau der Nichtigkeit, die sie eigentlich sein sollte.

Im Sinne der Neujahrsfragen: Frohes neues Jahr? 

Ja. Frohes neues Jahr!

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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