KI-Meme Amelia: Wie eine Präventionsfigur zur rechten Ikone wurde
Sie trägt einen lilafarbenen Bob, sieht aus wie eine Indie-Heldin aus einem Coming-of-Age-Film – und ist aktuell eine der beliebtesten Figuren der Online-Rechten. Amelia, eine fiktive britische Teenagerin, wird seit Wochen millionenfach als Meme geteilt. Das Problem: Sie existiert eigentlich, um Extremismus zu verhindern.
Auf Plattformen wie X kursieren unzählige Memes und KI-Videos, in denen Amelia rechte, oft offen rassistische Parolen verbreitet. Sie feiert «britische Kultur», trinkt Bier im Pub, liest Harry Potter – und hetzt gleichzeitig gegen Migrantinnen und Migranten oder posiert in Uniformen, um Abschiebungen zu verherrlichen. Sogar bekannte Figuren der britischen Rechten haben die Memes aufgegriffen.
Dabei stammt Amelia ursprünglich aus einem ganz anderen Kontext. Die Figur wurde vor zwei Jahren für ein Videospiel entwickelt, das Teil des staatlichen Präventionsprogramms «Prevent» ist, berichtet CNN. Ihr Ziel ist es eigentlich, Jugendliche über die Gefahren von Online-Radikalisierung aufzuklären.
Amelia: Vom Warnsignal zum rechten Idol
In dem Lernspiel «Pathways: Navigating Gaming, the Internet & Extremism» tritt Amelia als Charakter auf, der mit Desinformation und anti-migrantischen Aussagen versucht, andere Jugendliche zu radikalisieren. Ein abschreckendes Beispiel, anhand dessen junge Menschen lernen sollen, radikales Gedankengut zu erkennen.
Dass Amelia nun zur rechten Meme-Ikone wurde, hat mehrere Gründe. Expertinnen und Experten sagen, sie «ticke viele Boxen». Weiss, attraktiv, weiblich – und mit genau den Ansichten, die Teile der extremen Rechten teilen. Besonders auffällig sei, dass viele der Memes stark sexualisiert seien, während dieselben Accounts Migranten pauschal als sexuelle Bedrohung darstellen.
Hinzu kommt politische Stimmungsmache. Nachdem ein konservatives Medium das Spiel als angebliche «Umerziehung» von Jugendlichen dargestellt hatte, griffen rechte Sender die Geschichte auf – teils mit falschen Behauptungen. Das heizte die Debatte an, die Memes explodierten förmlich. Selbst Elon Musk teilte Inhalte, inzwischen existieren sogar Kryptowährungen, die Amelias Namen tragen.
🇺🇸 Americans! Repost if you support Amelia and want Britain to remain British - ethnically, culturally, religiously.@POTUS @realDonaldTrump @VP @JDVance @SecRubio @marcorubio
— Huff (@Huff4Congress) January 28, 2026
🫡🇬🇧🏴 pic.twitter.com/cLpgUfODvt
KI-Amelia wird für ICE-Propaganda genutzt
Inzwischen gibt es auch Memes und Videos, die Amelia als Unterstützung von ICE darstellen, die Immigrations- und Zollbehörde der USA. ICE steht aktuell unter grosser Kritik aufgrund des skrupellosen Vorgehens gegen vermeintlich illegale Migrantinnen und Migranten in den USA, sowie zwei Todesfällen von US-Bürgern, die die Behörde zu verantworten hat.
In einem auf X geteilten Video sieht man Amelia, die eine Tomate auf Keir Starmer wirft, den Premierminister des Vereinigten Königreiches. Anschliessend sagt sie: «Wenn ich Premierministerin bin, hole ich ICE nach Grossbritannien.» Zu sehen ist sie in einer Uniform, auf ihrem Badge steht «ICE UK Devision». Hinter ihr laufen zahlreiche ICE-Agenten.
LBC has found out about Amelia. The result is even more desperate, sweaty and tragic than you could have imagined.
— Nick Dixon (@NJDixon) January 26, 2026
pic.twitter.com/ViyHd9zxI8
Sie fährt fort: «Wir werden alle illegalen Immigranten ausweisen. Keine Ausnahme.» In der nächsten Szene ist sie mit einem Bauhelm und Warnweste zu sehen, hinter ihr wird ein Gebäude mit dem Schild «Migranten Hotel» abgerissen. Ausserdem auf ihrer Agenda: keine Ehe mehr zwischen Cousinen und Cousins ersten Grades, keine Wartezeiten mehr in Krankenhäusern, Sicherheit nachts auf den Strassen.
Sie – oder besser gesagt, wer auch immer diese Inhalte generiert hat – bedient damit in einem Video so viele Agendapunkte der Rechten wie nur möglich. «Wenn Amelia in der Stadt ist, gibt es keinen Ärger», schliesst sie ihre Rede. Auch ein Versprechen der Rechten: Mit uns wird alles besser.
Warum Memes so gefährlich sein können
Memes funktionieren oft mit Ironie und doppeltem Boden. Genau das macht sie so wirksam. Sie können als «Witz» verteidigt werden – selbst dann, wenn sie klar rassistische Inhalte transportieren. Fachleute sprechen laut CNN von einer «plausiblen Abstreitbarkeit».
Durch KI lassen sich solche Inhalte inzwischen massenhaft und in kürzester Zeit produzieren und international verbreiten. Die Figuren wirken authentisch, vertrauenswürdig, fast real. Studien zeigen, dass viele Nutzerinnen und Nutzer diese Inhalte für echt halten, vor allem wenn sie nicht wissen, dass es sich um KI-generierte Bilder handelt.
Ironischerweise ist Amelia damit zum Paradebeispiel genau dessen geworden, wovor das Spiel eigentlich warnen sollte: Wie leicht sich junge, scheinbar harmlose Figuren für extremistische Propaganda instrumentalisieren lassen.
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