«Die Tech-Plattformen werden kampffähig gemacht für die Agenda von Donald Trump»
Herr Andrey, Karin Keller-Sutter wurde Opfer einer falschen Werbeanzeige auf Microsoft News. Darin hiess es, sie habe eine Medienkonferenz zu einer staatlichen Investmentplattform gegeben. Nur: Das ist frei erfunden. Wie gravierend ist dieser Fall?
Gerhard Andrey: Gravierend. Microsoft News müsste problemlos feststellen können, dass eine Bundesrätin involviert ist und der Inhalt falsch ist. Das Phänomen von Fake-Werbung zeigt sich immer häufiger. Künstliche Intelligenz ist Brandbeschleunigerin, Fake und Desinformation nehmen stark zu.
Politiker und Wirtschaftsführer geraten vermehrt ins Visier solcher Falsch-Werbungen. Wo genau liegt da die Gefahr?
Es ist ein zivilisatorischer Rückschritt, wenn man immer weniger unterscheiden kann, was echt ist und was nicht. So erodiert Vertrauen. Zwar haben Desinformation, Falschinformation und Propaganda schon immer existiert. Heute fordern uns allerdings die grossen Tech-Plattformen ungemein stark heraus. Mit gigantischer Marktmacht steuern sie Inhalte so, dass sie möglichst stark erregen, um Reichweite zu maximieren. Das ist ihr Geschäftsmodell und das wird zu einem immer grösseren Problem, denn es geht nicht nur um Betrug, sondern auch um Desinformationskampagnen und hybride Kriegsführung.
Wer trägt die Hauptverantwortung für die Fake-Anzeige zu Keller-Sutter?
Mehrere Player spielen eine Rolle. Ursache des Fakes sind Betrüger, die Leute über den Tisch ziehen wollen. Sie haben aber wichtige Helfer. Einerseits KI-Tools, die mit Fake-Videos Identitätsdiebstahl sogar von Bundesräten ermöglichen. Andererseits die Tech-Plattformen, die den Fake verbreiten. Und für sie zählt nur eines: die Monetarisierung unserer Aufmerksamkeit. Ohne Fake-Werbung würden sie sehr viel Geld verlieren.
Was lässt sich tun gegen Deepfake-Videos von KI-Tools?
Ein solches Video dürfte nicht erzeugt werden können, wenn es Grundprinzipien nicht einhält. Das ist allerdings extrem schwierig durchzusetzen. Das muss ich eingestehen. Somit stellt sich in erster Linie die Frage der Verbreitung. Die Plattformen müssen dafür Verantwortung übernehmen.
Nur: Es ist kinderleicht, anonym Fake-Werbung über die Kampagnentools der grossen Tech-Plattformen aufzuschalten.
Genau. Hier geht es um eine Frage der Regeln und des Qualitätsmanagements. Wir müssen diese Plattformen viel besser in die Pflicht nehmen. Die Regulierung, die der Bundesrat vorschlägt, ist wahnsinnig handzahm. Die Verantwortung über die Algorithmen ist zu wenig streng geregelt und der Jugendschutz inexistent. Zudem sind die angedachten Sanktionen vermutlich nur schwierig durchzusetzen.
Microsoft Schweiz betont, man habe Richtlinien zu irreführenden Inhalten entwickelt. Microsoft nahm die falsche Werbung zu Keller-Sutter auch von der Plattform, als das Unternehmen damit konfrontiert wurde. Doch wenige Minuten später gab es dort wieder eine Falschwerbung im selben Stil.
Microsoft beweist damit, dass ihre Selbstverpflichtungen nicht funktionieren. Die Plattformen haben ein knallhartes Geschäftsmodell. Sie verdienen bestens mit möglichst provokanten Inhalten. Dazu kommt noch etwas.
Was?
Eine Handvoll riesiger Konzerne, vor allem US-Unternehmen, beherrschen diesen Markt. Sie werden kampffähig gemacht für die Agenda von Donald Trump. Das ist nochmals eine ganz andere Dimension.
Sie sagen, die USA nutzen die Tech-Plattformen als globales Machtinstrument. Scheut sich der Bundesrat deswegen, gegen diese Plattformen vorzugehen?
Offen gibt das der Bundesrat nicht zu, das ist aber meine Analyse. Die Administration Trump kennt die Macht der Plattformen und setzt sie geopolitisch brachial ein. Für mich geht es um den grundsätzlichen Umgang des Bundesrats mit Trump. Ich halte es für völlig falsch und gefährlich, wenn er dieser mittlerweile autokratischen Willkür-Regierung gefallen und mit Nettigkeiten und vorauseilendem Gehorsam einen besseren Zolldeal sichern will. Wir sehen ja, dass die Deals nicht viel wert sind. Die EU erlebt es gerade. Es braucht eine bessere Strategie.
Wie soll sie aussehen?
Wir müssen uns zum Beispiel von den starken Abhängigkeiten der grossen Tech-Plattformen lösen und Alternativen schaffen. Die E-ID- Vertrauensinfrastruktur als Service public ist ein gutes Beispiel dafür. Wir haben einen digitalen Werkplatz, der unglaublich fit ist: Softwareentwicklung, Cloudcomputing, Kryptographie, KI, Quantumtechnologie. Wir können zusammen mit Europa, dem Verbündeten, der uns in Sachen Rechtsstaatlichkeit, Völkerrecht und Menschenrechten am nächsten steht, digitale europäische Alternativen auf Basis von Open Source Software bauen. Ganz Europa braucht mehr digitale Souveränität.
Was auffällt bei den Fake-Anzeigen: Bundesanwaltschaft, Bundesamt für Cybersicherheit und Bundesamt für Kommunikation scheinen sich den schwarzen Peter gegenseitig zuzuschieben.
Die Schweiz hat die Tendenz, mit solchen Themen zurückhaltend umzugehen. Wir sind ein sehr liberales Land. Irgendwann muss man aber sagen: Jetzt ist genug. Das beginnt schon bei banalen Dingen.
Was sprechen Sie an?
Es ist doch der Eidgenossenschaft nicht würdig, dass sie X zum einzigen Social-Media-Kanal macht, auf dem sie kommuniziert. X ist inzwischen eine Horror-Freakshow. Und die Eidgenossenschaft kann doch nicht nur auf einem einzigen Kanal präsent sein. Es gibt mittlerweile gute Alternativen mit einer anderen Kultur.
Muss die Schweiz auch gegen Fake-News vorgehen?
Es ist vor allem wichtig, dass wir bei der Volksabstimmung im März die SRG nicht schwächen. Sie muss sich auch im digitalen Raum weiterentwickeln können. Sie darf kein Mauerblümchendasein fristen auf veralteten Kanälen. Die Menschen sind nun mal digital unterwegs. Wir müssen dem Schweizer Medienraum generell Sorge tragen, wo Menschen und ethische Richtlinien die Qualität der Inhalte garantieren.
Das Parlament will mittelfristig die Kommunikation der Bundesverwaltung um 25 Prozent stutzen. Was halten Sie davon?
Da muss ich grundsätzlich werden. Wir stecken in einer Zeit der Multikrisen, in der wir massiv investieren müssten – in neue Infrastrukturen und Institutionen, so wie unsere Vorfahren im letzten Jahrhundert. Die Bundesfinanzen sind in bester Verfassung, wir können für unsere und künftige Generationen problemlos in die Zukunft investieren. Bundesbern macht aber exakt das Gegenteil. Wir streichen in vielen wichtigen Bereichen Gelder. Wenn die Leistungen dann nicht mehr stimmen, leidet am Schluss das Vertrauen in die Institutionen, und das schadet unserer Demokratie massiv.
(aargauerzeitung.ch)
