Nintendos grösster Flop ist wieder da – der Virtual Boy im Test
1995 war Nintendo besonders mutig: Mit der stationären VR-Konsole Virtual Boy wollte man in neue 3D-Spiele-Sphären vordringen und die gesamte Branche aufmischen. Doch der VR-Schuss ging deutlich nach hinten los. Die Verkaufszahlen waren schlecht, die überschaubaren Spiele waren schlecht und vielen Spielenden wurde zusätzlich schlecht, wenn sie zu lange in die rot-schwarzen Welten hineinstarrten.
Zusätzlich gab es noch regelmässige Nackenschmerzen, weil sich das Gerät nicht am Kopf befestigen liess, sondern via Ständer an einem Tisch konsumiert werden musste. Kurz: Der Virtual Boy wurde zum grössten Hardware-Flop in der Geschichte von Nintendo – und ist jetzt wieder da.
Nur Mitglieder kommen rein
Die Neuauflage ist im Grunde ein knapp 80 Franken teures Hardware-Zubehör für die Nintendo Switch, die bei beiden Geräte-Generationen funktioniert. Dabei wird die Switch ohne die Joy-Cons in den aufgeklappten Virtual Boy gesteckt und die App «Virtual Boy – Nintendo Classics» gestartet. Ganz wichtig: Eine Mitgliedschaft von Nintendo Switch Online muss zwingend vorhanden sein, um die Spielesammlung zu starten.
Übrigens: Es gibt auch eine viel günstigere Karton-Version, bei der die Switch ohne Plastikgerät und Ständer direkt vor das Gesicht gehalten wird. Das sieht dann halt nicht so sexy aus und braucht starke Oberarme, ist aber eine gute Alternative für diejenigen, die unbedingt in die 3D-Welten von Nintendo reinschauen und Geld sparen wollen.
Der Körper reagiert
Hat man endlich alles eingerichtet und den Virtual Boy so platziert, dass es einigermassen zu Beginn bequem ist, können die stereoskopischen 3D-Effekte loslegen und mich in die rot-schwarzen Welten hineinsaugen. Der Controller des Originals hat es übrigens nicht in die Neuauflage geschafft. Gesteuert wird daher mit den Joy-Cons, das passt aber schon.
Der erste Eindruck ist wirklich hervorragend. Ich vergesse rasch, dass ich an einem Tisch sitze und in eine 3D-Welt starre. Vor mir türmen sich ein paar Spiele auf, von denen ich die Cover zwar nicht genau erkennen kann, aber gewillt bin jedes einzelne zu spielen.
Dass sich dabei mein Nacken jetzt schon versteift, bemerke ich leider erst viel später. Nicht später, sondern schon recht früh macht sich eine leichte Übelkeit breit. Während die 3D-Effekte noch einigermassen ertragbar sind, ist es vor allem der rote Farbton, der immer mehr dafür sorgt, dass es mir einfach nur flau im Magen wird.
Auf der Suche nach dem Pflichtspiel
Es müssen viele Pausen eingelegt werden, damit die Spiele zum Launch alle angeschaut werden können. Zum Start sind sieben Games vorhanden. Weitere sollen später noch hinzukommen. Sogar nicht veröffentlichte Spiele will man im Verlaufe des Jahres hinzufügen. Da wird es dem Videospiel-Historiker richtig warm ums Herz.
Vorerst muss man sich aber halt mit den sieben Starttiteln begnügen, von denen vor allem «Virtual Boy: Wario Land» sofort heraussticht. Der stets schlecht gelaunte Wüterich wird durch hübsche 2D-Levels gesteuert, wo er auch mal zwischen Vorder- und Hintergrund hin und her hüpfen darf, damit der 3D-Effekt glänzen kann. Auch wenn hier regelmässige Unterbrechungen an der Tagesordnung sind, macht der Titel erstaunlich viel Spass und zeigt, was eigentlich in der Hardware schlummert.
Bei «Golf», «Tetris 3D» und «Galactic Pinball» beginnt dann schon das leichte Kopfschütteln, weil hier einfach nur lieblos eine Spielidee in eine Pseudo-3D-Welt geworfen wurde.
Beim Raumschiff-Ballerspiel «Red Alarm» möchte man dann sofort wieder ausschalten, weil das alles einfach nur fies aussieht und sich zudem so gar nicht gut steuern lässt. Da wird das Kopfschütteln heftiger und gleichzeitig machen sich die Nackenschmerzen bemerkbar.
Immerhin macht «Teleroboxer» dann wieder kurzzeitig Spass, weil ich hier meistens mit wildem Button-Mashing einem Roboter ein paar Backpfeifen schenken darf.
Zum Schluss darf noch «The Mansion of Innsmouth» löblich erwähnt werden. Via Egoperspektive kann ich ein bisschen Horror-Atmosphäre schnuppern und mich in einem Herrenhaus-Szenario austoben. Zwar wartet die Übelkeit hinter jeder neuen Ecke auf mich, aber für einen Kurztrip reicht es dann auch.
Trotz Nebenwirkungen ein grosser Service
Fazit: Es ist durchaus löblich und mutig, dass Nintendo seinen grössten Hardware-Flop in einer Neuauflage nochmals auf den Markt bringt. Vor allem aus historischer Sicht ist das ein grosser Service, dass wir nun selbst erleben und nachvollziehen können, warum der Virtual Boy damals kein Erfolg war.
Wer sich also weiterbilden und eine Lücke in der Game-Historie schliessen möchte, wird seinen Spass und seine Erkenntnis damit haben, sofern der Körper die Strapazen auf sich nehmen mag. Für alle anderen bleibt ein wirklich grosser Kaufgrund aber leider aus.
Virtual Boy für Nintendo Switch 2 und Nintendo Switch ist für 79.90 Franken erhältlich. Die Karton-Ausführung gibt es für 19.90 Franken. Freigegeben ab 7 Jahren.
