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Europäische Cloud-Alternative: Lidl-Mutter investiert 11 Milliarden

IMAGE DISTRIBUTED FOR LIDL SCHWEIZ FOR EDITORIAL USE ONLY - rpfister.ch // Weiterer Text ueber ots und http://presseportal.ch/fr/pm/100016795/100936760 (obs/LIDL Schweiz/rpfister.ch via KEYSTONE)
Lidl-Filialen gehören auch in der Schweiz zum Strassenbild. Digital verfolgt die Muttergesellschaft ziemlich grosse Ziele.Bild: keystone

Wie der Discounter Lidl auf digitale Souveränität setzt – und doch bei Google bleibt

Das deutsche Mutterunternehmen hinter dem bekannten Billiganbieter investiert 11 Milliarden in ein eigenes Rechenzentrum. Bei der Software will man weiterhin mit Google kooperieren.
07.03.2026, 22:5207.03.2026, 22:52
«Schwarz Digits will Europas Cloud-Riese werden»
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Kennst du «Schwarz Digits»?

Das ist die Digitalsparte der Muttergesellschaft von Lidl und Kaufland. Sie will sich als europäische Alternative zu Cloud-Computing-Marktführern wie Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure aufstellen.

«Das ist das Ziel, das wir haben», sagte Christian Müller, Co-Vorsitzender von Schwarz Digits, diese Woche an einem Medienanlass auf die Frage, ob man sich perspektivisch zutraue, ein «Hyperscaler» zu werden.

Als Hyperscaler werden Cloud-Anbieter bezeichnet, die weltweit Rechenzentren mit vielen Servern betreiben, um ihrer Kundschaft in grossem Umfang Speicher für Daten, Rechenleistung für Programme, KI und weitere Werkzeuge zur Verfügung zu stellen.

Um auf dem Weg dorthin voranzukommen, sei es neben vielen anderen Faktoren auch wichtig, staatliche Institutionen als Kunden zu gewinnen, sagte Müller. «Da brauchen Sie richtige Services dazu, Sie brauchen die richtigen Kunden dazu und das richtige Ökosystem.»

Die Äusserungen machte der deutsche Unternehmer am Rande einer von seinem Unternehmen organisierten Konferenz zur Cybersicherheit in Heilbronn. An all diesen Faktoren arbeite man zurzeit parallel.

2027 soll es richtig losgehen.

Was ist konkret geplant?

Milliarden-Investition in Rechenzentrum

Die Schwarz-Gruppe investiert elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum in Lübbenau im brandenburgischen Spreewald. Es handelt sich um die grösste Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte. In dem neuen Rechenzentrum werden eigene Daten der Gruppe verarbeitet – also Daten aus Liefer- und Bestellprozessen, Bezahlvorgängen und Kundenbindungsprogrammen.

Speicher und Rechenleistung sollen auch externen Kunden angeboten werden. Eine Zusammenarbeit wurde bisher unter anderem mit der Polizei Baden-Württemberg und der Bundesagentur für Arbeit vereinbart, die auch Vertreter zu der Konferenz nach Heilbronn schickten.

Cloud bedeutet, dass Speicherplatz, Datenbanken und verschiedenste Rechenleistungen aus vernetzten Rechenzentren über das Internet angeboten werden. Cloud-Anwender müssen sich dabei nicht selbst um die Wartung der Hard- und Software kümmern.

Warum ist das wichtig?

Rolf Schumann (l.) und Christian Müller, die Co-Geschäftsführer von Schwarz Digits.
Rolf Schumann (l.) und Christian Müller, die Co-Geschäftsführer von Schwarz Digits.Bild: Schwarz Digits

Die Erzählung, dass die grossen Entwicklungen aus den USA kämen und die Europäer nur bei der Regulierung – etwa von Künstlicher Intelligenz (KI) – Vorreiter seien, sei falsch, erklärte Co-Chef Rolf Schumann. Der Manager betonte: «Die Ideen kommen wirklich von hier.» Die USA seien vielmehr «ein Verkaufsmarkt».

Dass zu grosse Abhängigkeit von IT-Dienstleistern aus China und den USA zum Problem wird, ist den meisten politischen Entscheidern wohl erst in den vergangenen zwei Jahren so richtig klar geworden. Entwicklungen in Russlands Ukraine-Krieg spielten hier ebenso eine Rolle wie Spannungen im transatlantischen Verhältnis seit dem Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. Als man gemerkt habe, «mit welcher Klarheit eine Regierung Trump ihre Interessen durchsetzt», habe das schon einen Effekt gehabt, sagt Schumann.

Durch strategische Partnerschaften und Investitionen will Schwarz Digits eine vertrauenswürdige KI-Infrastruktur aufbauen, die dem europäischen Datenschutz entspricht. Mit «STACKIT» wird eine eigene Cloud betrieben, die ausschliesslich Rechenzentren in Deutschland und Österreich nutzt. Damit sei garantiert, dass Daten den europäischen Rechtsraum nicht verlassen.

Warum will man zweigleisig fahren?

Google und die Unternehmen der Schwarz-Gruppe hatten im November 2024 Pläne für eine langfristige Partnerschaft bekanntgegeben. Unter anderem wurde damals angekündigt, die Unternehmen der Schwarz-Gruppe mit fast 580'000 Angestellten würden auf Google Workspace migrieren, «um Sicherheit, Effizienz und Kontrolle ihrer Souveränität zu maximieren».

Aus seiner Sicht gelte grundsätzlich, «wenn es da eine souveräne Lösung gibt, dann sollte man darauf setzen», sagt nun Co-Chef Müller. Die Schwarz-Gruppe komme aus dem Handel und da gelte, dass man immer zwei Lieferanten brauche, falls einer ausfallen sollte.

«Wir haben bei uns Google im Einsatz, und wenn Google nicht funktionieren sollte, dann nutzen wir Zendis OpenOffice als Backup-Lösung.»

Zendis OpenOffice ist eine Verwaltungssoftware, deren Entwicklung von der deutschen Regierung als Schritt hin zu mehr Unabhängigkeit von aussereuropäischen Dienstleistern finanziert wurde.

Die vom Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (Zendis) entwickelte Lösung ermöglicht die Nutzung von Cloud-Speicher, E-Mail-Funktionen, Chats, Videokonferenzen und anderen Elementen, unabhängig von Produkten oder Dienstleistungen von US-Unternehmen.

Die Open-Source-Software wird unter anderem auch vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag genutzt, dessen hochrangige Juristen von US-Wirtschaftssanktionen empfindlich getroffen worden sind.

Mit der Übernahme der israelischen Sicherheitsfirma XM Cyber war Schwarz Digits zudem 2021 in den Markt für IT-Security-Dienstleistungen eingetreten.

Investiert hat die Schwarz-Gruppe auch in das deutsche KI-Startup Aleph Alpha, das sich geschäftlich umorientiert und nicht mehr beim KI-Wettrennen grosser amerikanischer und chinesischer Akteure mitmacht.

Quellen

(dsc)

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