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Noch immer verhungern Menschen weltweit – und Corona hat es schlimmer gemacht

In Madagaskar, Äthiopien oder Jemen verhungern Menschen. Am Ernährungsgipfel vom Donnerstag sucht die UNO Lösungen. Und stützt sich dabei auch auf die Vorschläge des Schweizer Agrarexperten Urs Niggli.
23.09.2021, 15:33
Niklaus Salzmann / ch media
Der achtmonatige Junge Kajy Macelline liegt auf dem Boden seines Zuhauses in Madagaskar. In Madagaskar sind die Menschen besonders von Hunger und Mangelernährung betroffen.
Der achtmonatige Junge Kajy Macelline liegt auf dem Boden seines Zuhauses in Madagaskar. In Madagaskar sind die Menschen besonders von Hunger und Mangelernährung betroffen.
Bild: EPA

Es waren Bilder, von denen wir hofften, sie nie mehr sehen zu müssen: Kinder, die dem Hungertod nahe sind, steckendürre Arme, buchstäblich fast nur noch Haut und Knochen. Doch zehn Jahre nach der grossen Hungersnot am Horn von Afrika erreichen uns wieder ähnliche Fotos aus diesem Kontinent. Noch immer verhungern Menschen.

Aktuell trifft es die Bewohnerinnen und Bewohner des südlichen Madagaskars besonders hart. Wegen der schlimmsten Dürre seit vierzig Jahren mangelt es dort über einer Million Menschen an Nahrung. Im Juni waren gemäss dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (FAO) 14'000 Menschen in einer «katastrophalen Situation», bis Oktober könnten es 28'000 werden.

Elf Länder mit sehr ernster Situation

Und das ist längst nicht die einzige Region mit derartigen Problemen. In elf Ländern ist die Situation laut der Welthungerhilfe sehr ernst. Die Vereinten Nationen haben sich zum Ziel gesetzt, den Hunger bis 2030 zu beenden. Doch der Trend geht in die andere Richtung. Seit 2014 nimmt die Zahl hungernder Menschen zu, hält die UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft fest.

Zahlen und Fakten zum Hunger

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Zahlen und Fakten zum Hunger
quelle: x02850 / jorge dan lopez
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Heute wird am Ernährungsgipfel im Rahmen der UNO-Generalversammlung darüber debattiert, wie die globale Gemeinschaft Gegensteuer geben kann. In einer Videobotschaft im Vorfeld sagt Christian Hofer, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft: «Wir müssen unser Ernährungssystem umstellen.» Die Schweiz sei überzeugt, dass der UNO-Gipfel dabei zu einem Meilenstein werde.

Doch wo liegen eigentlich die Probleme – wieso geht es mit dem Kampf gegen den Welthunger in den letzten Jahren nicht mehr voran? Auf der Liste der Hungerkrisen fallen Länder wie Jemen und Syrien auf, in denen ein Krieg wütet. Konflikte sind laut der FAO einer der drei Haupttreiber für Unterernährung.

Es können die Umstände sein, die zu Ernteeinbussen führen, beispielsweise wenn die jungen Männer als Arbeitskräfte fehlen. Hunger kann aber auch direkt als Waffe eingesetzt werden. Das wird aktuell der äthiopischen Regierung in der Bürgerkriegsregion Tigray vorgeworfen. Laut den Vereinten Nationen wird dort sogar die dringend nötige humanitäre Hilfe blockiert.

Corona und der Klimawandel verschärfen die Lage

Als neuer Faktor hinzugekommen ist die Pandemie. Wegen ihr stieg die Hungerkurve von 2019 auf 2020 stark an. Der Grund dafür liegt vor allem darin, dass die Coronapandemie, die Wirtschaft gebremst hat. Konjunktureinbrüche sind laut FAO der zweite Haupttreiber für Ernährungsunsicherheit.

In Madagaskar allerdings hat weder ein Konflikt noch das Virus zu Hunger geführt. Sondern die Trockenheit. Drei Jahre in Folge hat es im ohnehin immer trockenen Süden noch weniger geregnet als üblich. Dahinter stecken ein lokales und ein globales Phänomen, beide menschgemacht: die Abholzung und der Klimawandel.

Im Teufelskreis mit der Abholzung

Bruno Ramamonjisoa, Professor für Forstwissenschaften an der Universität in der Hauptstadt Antananarivo, sagt: «Wegen der Abholzung haben wir weniger Regen.» Wälder speichern grosse Mengen Wasser und spielen damit eine wichtige Rolle im Wasserkreislauf. Gleichzeitig schützen die Wurzeln den Boden vor Erosion.

Dahinter stecken wiederum wirtschaftliche Probleme. «Der Grund für die Abholzung ist die Armut», sagt Ramamonjisoa. «Die Leute brauchen das Land, um durch Landwirtschaft Geld zu verdienen.» Es ist ein Teufelskreis: Um ihr Einkommen zu steigern, fällen die Leute Bäume und verstärken damit langfristig die Probleme des Landes.

Inwiefern der Klimawandel zur Dürre in Madagaskar beiträgt, lässt sich nicht beziffern. Doch Bruno Ramamonjisoa sagt: «Der Süden ist stärker betroffen von den Folgen des Klimawandels als der Rest des Landes.» Aus dem jüngsten Bericht des Weltklimarats geht deutlich hervor, dass Wetterextreme und damit auch Dürren häufiger werden. Die FAO betrachtet den Klimawandel neben Konflikten und wirtschaftlichen Problemen als dritten Haupttreiber des globalen Hungers.

Neue Züchtungen sind gefragt

Der Schweizer Agrarwissenschafter Urs Niggli ist Mitglied der wissenschaftlichen Gruppe, die den UNO-Gipfel vorbereitet hat. Er sagt: «Der Klimawandel wird die Produktivität bremsen. Wenn wir das Klimaziel, von maximal 1.5 Grad Erwärmung verfehlen, sind die Auswirkungen dramatisch.» Das geht über die Trockenheit hinaus. Klimazonen verschieben sich, und damit breiten sich auch Schaderreger – etwa Pilze oder Insekten – in Regionen aus, wo sie vorher nicht zu finden waren.

Laut Niggli werden deshalb Pflanzenzüchtungen in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen. Hoffnungen liegen auf Sorten, die gegen bestimmte Krankheiten oder Schädlinge, aber auch gegen Trockenheit resistent sind. Insbesondere die Genschere Crispr/Cas 9 könnte die Züchtung beschleunigen. Niggli wünscht sich in puncto Gentechnik zumindest eine Offenheit in der politischen Diskussion.

Urs Niggli, Schweizer Agrarwissenschaftler: «Der Klimawandel wird die Produktivität bremsen. Wenn wir das Klimaziel, von maximal 1.5 Grad Erwärmung verfehlen, sind die Auswirkungen dramatisch.»
Urs Niggli, Schweizer Agrarwissenschaftler: «Der Klimawandel wird die Produktivität bremsen. Wenn wir das Klimaziel, von maximal 1.5 Grad Erwärmung verfehlen, sind die Auswirkungen dramatisch.»
Bild: agroecology.science

Dominieren Konzerne den UN-Gipfel?

Global betrachtet stellen sich dabei jedoch Fragen zum Patentrecht: Es besteht die Gefahr, dass Bäuerinnen und Bauern zunehmend von grossen Konzernen abhängig werden, welche die Patente an resistenten Sorten besitzen.

Die Kritik am Einfluss der Konzerne ist auch im Hinblick auf den UNO-Ernährungsgipfel zu hören. Eine Reihe von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, diverse Nichtregierungsorganisationen und sogar der UNO-Sonderberichterstatter für Ernährung haben im Vorfeld bemängelt, dass der Event durch die Interessen der Privatwirtschaft geprägt sei.

Kniffs aus dem Biolandbau machen die Kulturen resistenter

Urs Niggli ist hingegen optimistisch. «Das Bewusstsein, das sich etwas ändern muss, ist bei Bauern, Firmen, Verarbeitern und Konsumenten da», sagt er. Die Lösungen sieht Niggli längst nicht nur in den Technologien grosser Firmen – immerhin war er dreissig Jahre lang Leiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in Frick.

Desderio Mubaiwa, ein Kleinbauer aus Zimbabwe, lebt von der Landwirtschaft.
Desderio Mubaiwa, ein Kleinbauer aus Zimbabwe, lebt von der Landwirtschaft.
Bild: keystone

«In Entwicklungsländern hat Biolandbau ein hohes Potenzial», sagt er. Kleinstbauern könnten den Ertrag steigern, indem sie beispielsweise den Dung der Tiere als Kompost nützten, Mischkulturen anlegten und auf Fruchtfolgen achteten. Damit wären die Kulturen auch weniger anfällig auf klimatische Veränderungen.

Aber auch die Konsumentinnen und Konsumenten in Industrieländern spielen eine wichtige Rolle. Wir können zum Beispiel Food Waste vermeiden und weniger Fleisch essen – und dadurch das Klima schonen.

Schuld am Food Waste ist nicht der Supermarkt, sondern wir

Video: srf/Roberto Krone
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Heuschreckenplage in Ostafrika

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Heuschreckenplage in Ostafrika
quelle: ap / ben curtis
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UNO warnt vor Hungersnot in Jemen

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