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«Was tötet, ist die Stille der Menschen» – Sie ist das Gesicht von Sudans Revolution

Das Militär im Sudan stürzt Diktator Omar al-Baschir. Das Gesicht der Revolution ist aber eine junge Studentin. Sie gibt vor allem Frauen im Land Hoffnung, dass die Zeit der Unterdrückung vorbei ist.

Patrick Diekmann / t-online



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Ein Artikel von

T-Online

Es ist ein Foto, das um die Welt geht. Alaa Salah steht in der sudanesischen Hauptstadt Khartum auf einem Auto. Die 22-jährige Architekturstudentin singt und tanzt, aus Protest gegen die 30-jährige Herrschaft von Präsident Omar al-Baschir im Sudan. Die junge Frau hat der Revolution im Land ein Gesicht gegeben, sie ist das Symbol für den Massenprotest, dem sich hunderttausende Sudanesen und Sudanesinnen anschlossen. Sie machte vor allem den Frauen im Land Hoffnung auf eine Zukunft mit weniger Unterdrückung.

Wie diese Zukunft aussehen wird, ist allerdings noch unklar: Das Militär griff nach den Massenprotesten durch, setzte den Diktator al-Baschir ab  und nahm den Machthaber fest. Dafür wurde der bisherige Verteidigungsminister Awad Ibn Auf als Präsident des militärischen Übergangsrates vereidigt. Für zwei Jahre wird es zunächst eine von den Streitkräften geführte Übergangsregierung geben. Für drei Monate herrscht im Land nun der Ausnahmezustand.

Dem Putsch im Sudan waren monatelange Massenproteste vorausgegangen: Im Dezember gingen die Menschen auf die Strasse, um gegen die Erhöhung von Benzin- und Brotpreisen zu protestieren, schon bald forderten die Demonstranten aber auch den Rücktritt Al-Baschirs. Den Protesten hatten sich erstmals breite Bevölkerungsschichten angeschlossen.

«Meine Eltern haben mich so erzogen»

Die Absetzung von al-Baschir ist zunächst einmal auch ein Erfolg für Salah. Ihr Foto sorgte dafür, dass der Protest auch international wahrgenommen wurde. Die Revolution hatte für viele Medien ab diesem Zeitpunkt eine Leitfigur. «Ich bin sehr froh, dass mein Foto die Menschen auf der ganzen Welt über die Revolution im Sudan informiert hat», sagte Salah der englischen Tageszeitung «The Guardian» vor dem Sturz des Präsidenten. «Seit Beginn des Aufstands bin ich jeden Tag ausgezogen und habe an den Demonstrationen teilgenommen, weil meine Eltern mich so erzogen haben, dass ich unsere Heimat liebe.»

Massenproteste im Sudan: Präsident al-Baschir verhaftet

Salah stammt aus keiner politischen Familie, ihre Mutter ist Modedesignerin, ihr Vater Bauingenieur. Sie wolle nur einen besseren Sudan schaffen, erklärte sie dem «Guardian». «Unser Land steht über allen politischen Parteien und allen religiösen Spaltungen.» Der Sudan ist eine Islamische Republik. Staatsreligion ist der Islam, es gilt die Scharia.

An dem Tag, an dem das bekannte Foto von Salah aufgenommen wurde, ging die 22-Jährige nach eigener Aussage auf zehn verschiedene Kundgebungen. Dort trug sie ein revolutionäres Gedicht vor. Eine Zeile lautete: «Die Kugel tötet nicht. Was tötet, ist die Stille der Menschen.» Dies ist ein beliebter Ausspruch bei Demonstrationen im Sudan. 

Die Studentin begeisterte die Menschen, sie fing an zu singen und viele Demonstranten und Demonstrantinnen stimmten mit ein. «Ich habe Präsentationen an der Universität geübt. Ich habe kein Problem damit, vor Menschen und bei grossen Versammlungen zu sprechen», sagte Salah.

Ein Symbol für den feministischen Widerstand 

Auch ihre Kleidung wurde zum Symbol für die Revolution und vor allem für die weiblichen Demonstrantinnen. Die Studentin trägt bei den Protesten ein weisses Gewandt und grosse goldene Ohrringe. Für viele Sudanesinnen sind dies traditionelle Symbole für den feministischen Widerstand gegen das Regime. So wurde Salah auch für viele systemkritische Frauen zum Vorbild.

Lana Haroun war auch bei den Protesten und schoss das Foto von Salah, das später um die Welt gehen sollte. «Wir haben eine Stimme. Wir können sagen, was wir wollen. Als ich das Foto auf meinem Handy sah, dachte ich sofort: Das ist meine Revolution und wir sind die Zukunft», sagte Haroun dem Sender «CNN». «Sie repräsentierte alle sudanesischen Frauen und Mädchen und sie inspirierte jede Frau und jedes Mädchen.»

Frauen nehmen bei den aktuellen Protesten eine Schlüsselrolle ein. Die Rechte der Frauen im Sudan wurden vom herrschenden Regime systematisch unterdrückt. Die Scharia-Gesetzgebung im Land wurde 1983 eingeführt, aber nicht flächendeckend umgesetzt. Trotzdem gibt es für Frauen öffentliche Züchtigungen, Prügelstrafen und Menschen werden wegen Moralverbrechen ausgepeitscht oder gesteinigt. Der Anteil von Frauen ist dabei besonders hoch. Die Ordnungspolizei verhaftet Frauen und Mädchen, die Hosen oder keine Kopfbedeckung tragen. Autofahren ist für Sudanesinnen ebenfalls verboten.

«Qual und Unterdrückung» für Frauen

Auch deshalb nehmen mehr Männer als Frauen an den Demonstrationen im Land teil. «Das Regime bedeutet insbesondere für Frauen Qual und Unterdrückung. Frauen haben viel gelitten», meint die 80-jährige Nemat Malik aus Khartum zum «Guardian». «Deshalb sollten dieses Regime stürzen.»

Viele Aktivistinnen landeten während der Proteste im Gefängnis. Nun sollen sie laut Bekanntgabe der Geheimpolizei wieder freigelassen werden. Nach dem Sturz von al-Baschir ist jedoch unklar, ob  Sudanesinnen in Zukunft mehr Rechte und Freiheiten bekommen. Aber die aktuellen Proteste haben den Kampf für Frauenrechte im Sudan gestärkt. Viele Aktivisten nahmen grosse Gefahren in Kauf und gingen trotzdem auf die Strasse.

Auch Salah will sich künftig weiter engagieren. Zunächst einmal müsse sie jetzt erst einmal ihre Stimme ausruhen. Ihre Kehle sei von all dem Gesang in dieser Woche ganz wund geworden. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Baccaralette 12.04.2019 12:40
    Highlight Highlight In einem islamischen Land für weniger Unterdrückung zu kämpfen, da kommt mir unweigerlich Don Quijote in den Sinn.

    Ich hoffe für Alaa und alle anderen Frauen, dass sie bald viel bessere Zeiten erleben!
  • Oh Dae-su 12.04.2019 12:23
    Highlight Highlight Die Frau kämpft also nicht nur gegen ein diktatorisches Regime, sondern auch gegen religiöse Fundamentalisten.
    Ich wünsche ihr dafür alle Kraft der Welt und hoffe, ihr Kampf wird nicht vergebens sein.

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