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Muslim women wear face masks to help protect themselves from the coronavirus, walk past a poster hung by supporters of Prime Minister Benjamin Netanyahu outside the district court in Jerusalem, Sunday, July 19, 2020. The corruption trial of Netanyahu has resumed following a two-month hiatus. (AP Photo/Ariel Schalit)

Bild: keystone

Analyse

«Er hätte es besser wissen müssen»: Warum Israel in die zweite Welle donnerte

Die zweite Corona-Welle trifft Israel stark. Journalistin Joëlle Weil lebt seit sieben Jahren in Israel. Sie weiss, was nebst politischen Fehlentscheiden zur aktuellen Lage beigetragen hat.

Joëlle Weil aus Tel Aviv



Er hätte es besser wissen müssen: Als Premierminister Benjamin Netanyahu im Mai das Ende des ersten Lockdowns verkündete, erinnerte er mehrfach an die Notwendigkeit der Gesichtsmaske, des Händewaschens und Abstandhaltens. Entlassung in die Freiheit mit gedanklichem Mahnzettel.

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Kaffeehäuser, Bars und Restaurants öffneten daraufhin schnell wieder. Familien durften sich wieder treffen und Events wurden wieder erlaubt. Das klang zu Beginn nicht gross anders als in anderen europäischen Ländern. Vor allem nach dem internationalen Zuspruch und Applaus, den die israelische Regierung für ihre schnellen und effizienten Massnahmen nach der ersten Welle erhielt, schienen die Lockerungen verdient.

Dass die Situation innert zwei Monaten aber so eskalieren konnte, dass Mitte Juli an einem einzigen Tag knapp 2'000 Menschen positiv auf Corona getestet wurden, hat mit dem exzessiven Sozialleben der Israelis zu tun. Und das hätte die Regierung in ihre Entscheidungen miteinkalkulieren müssen.

Neuansteckungen pro Tag:

Bild

Knapp 2000 Neuansteckungen Mitte Juli: Die zweite Welle hat Israel härter getroffen als die erste. grafik: Google

Kritische Marke von 2000 Corona-Neuinfektionen in Israel durchbrochen

In Israel sind erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie mehr als 2000 Neuinfektionen an einem Tag registriert worden. Das Gesundheitsministerium teilte am Donnerstag mit, am Vortag seien 2032 Fälle gemeldet worden – ein Rekordhoch.
Ein Wert von 2000 Neuinfektionen pro Tag gilt als Marke für noch schärfere Einschränkungen bis hin zu einem kompletten Lockdown. Mitte Mai hatte die Zahl der täglichen Neuinfektionen noch im zweistelligen Bereich gelegen. Nach raschen Lockerungen schnellen die Zahlen jedoch seit Ende Mai in die Höhe. (sda)

Besonders eine Charaktereigenschaft der Israelis hat diese erfolgreiche erste Welle ausgezeichnet: Blitzschnelle Krisenadaption. Israelis sind in Ausnahmesituationen stressresistent und zeigen sich erstaunlich flexibel, wenn es die neue Situation erfordert. Der Grund liegt auf der Hand und ist dennoch erstaunlich, wenn man die sonstige Sturheit der Menschen hier kennt.

People keep social distance amid concerns over the country's coronavirus outbreak, during a protest against Prime Minister Benjamin Netanyahu and Benny Gantz and government corruption, at Rabin square in Tel Aviv, Israel, Saturday, May 2, 2020. Several thousand Israelis took to the streets on Saturday night, demonstrating against Prime Minister Benjamin Netanyahu's new coalition deal with his chief rival a day before the country's Supreme Court is to begin debating a series of legal challenges to the agreement.(AP Photo/Ariel Schalit)

Sogar bei den Protesten Anfang Mai waren die Israelis diszipliniert und hielten Abstand. Bild: AP

Dass sich während des ersten Lockdowns nicht alle an den Hausarrest hielten, trifft wohl auf jedes Land zu. Aber eine bedeutende Mehrheit verbrachte in Israel Wochen zuhause und disziplinierte sich. Die Folge waren sinkende Infektionszahlen, Entlastung der Krankenhäuser und lobende Worte von der Regierung ans Volk. Jetzt kommt alles wieder gut, war man sich nach den Wochen des Durchhaltens sicher. Folglich nahm die Gastronomie unter Auflage den Betrieb wieder auf, einige gingen wieder ins Büro, Läden waren wieder auf, man traf sich wieder am Strand. Aber Maske, Händewaschen und Abstandhalten solle man nicht vergessen.

Das israelische Sozialleben verhält sich in diesem Zusammenhang wie ein kaputter Wasserhahn: Es ist zu oder voll aufgedreht. Und die Regierung hat ihn wieder aufgedreht. Jedes soziale Zusammenkommen bedeutet in Israel schnell eine grosse Ansammlung von Menschen. Dass Anlässe bis zu 250 Gäste bereits im Juni wieder erlaubt wurden, sieht auch die Regierung mittlerweile als Fehler ein. Der Entscheid wurde im Vorfeld von Experten scharf kritisiert, aber die Regierung wollte nicht hören. War es aus Übermut oder Naivität!?

Netanyahu weiss bestimmt um die Hochzeitsfreude seiner Leute, denn Feste gibt es hier reichlich. Seit Beginn der Pandemie wäre ich beispielsweise an sechs Hochzeiten eingeladen gewesen. Alle abgesagt oder verschoben natürlich. Sechs Hochzeiten mit je um die 350 Gästen. Und dann tanzen 350 Menschen im Kreis händehaltend miteinander, drücken und küssen einander. Wo Menschen sind, gibt es hier viel Körperkontakt.

Bei einem Grossanlass reicht ein Infizierter und jeder, der sich angesteckt hat, schleppt das Virus zwei Wochen später an einen anderen Grossanlass weiter. Das geht vor allem schnell, weil jeder Israeli ständig irgendwo eingeladen ist. Eine neue Untersuchung des Israelischen Gesundheitsministeriums zeigt, dass 17 Prozent der in den letzten Wochen Infizierten sich das Virus bei einem Grossanlass eingefangen haben.

Wo sich Israelis angesteckt haben

Ansteckungsorte Coronavirus nach Region / Land

Die Grafik zeigt, wo sich die Menschen in Israel ausserhalb der eigenen Wohnung angesteckt haben. Bild: watson

Eine aktuelle Studie der Knesset zeigt zudem eindrücklich, dass die grösste Gefahr dort lauert, wo wir uns am sichersten fühlen: zu Hause. Über 65 Prozent der Corona-Infizierten stecken sich in Israel daheim an. Die Zahl zeigt, dass das israelische Sozialleben Teil des Problems ist: Eine israelische Familie, die zum Sabbat-Essen am Freitagabend (manchmal auch zusätzlich samstags) zusammenkommt, zählt 10 bis 20 Menschen. Die Tante kommt vielleicht auch, der Cousin, dessen Freundin und deren Mutter dann noch spontan zum Dessert. Israel hat übrigens eine doppelt so hohe Geburtsrate wie die Schweiz.

Nach sieben Jahren in Israel habe ich eines gelernt: Wenn ich einen Salat für sieben Personen mitbringen soll, dann mach ich einen für zwölf. Dass spontan Menschen zum Essen dazu stossen oder Gäste noch jemanden mitschleppen, ist das Normalste der Welt. Jeder israelische Haushalt birgt einen Vorrat an Stapel- oder Klappstühlen, damit sich jeder spontan willkommen fühlt.

Man könnte annehmen, dass man bei den Israelis nun dasselbe Programm wie während des ersten Lockdowns wieder abrufen könnte. Wenn der Krisenmodus einmal funktioniert hat, warum nicht ein zweites Mal? Hier zeigt sich eine zweite Charaktereigenschaft der Israelis: Chronischer Ungehorsam. Israelis lassen sich ungern vorschreiben, was sie sollen und was nicht und das schon gar nicht von jemanden, dessen Autorität in Frage gestellt werden kann. Und die Glaubwürdigkeit der Regierung befindet sich auf einem Tiefpunkt: Laut einer Umfrage des «Israel Democracy Institute» trauen nur noch 29 Prozent dem Premierminister zu, die Krise managen zu können. Im April waren es noch 57 Prozent.

Die Koalitionsregierung von Blau-und-Weiss und Likud profilierte sich als Krisenregierung. Zwei Parteien mit unterschiedlichen Ansichten spannten zusammen gegen Corona, so klang der Schlachtruf. Doch die Regierung hat in den Augen des Volkes seit dem ersten Lockdown zu viel falsch gemacht: Versprochene finanzielle Unterstützung wurde mehrfach zugesichert und mit monatelanger Verspätung ausbezahlt. Die meisten erhielten zudem viel weniger als erwartet. Die Arbeitslosenzahlen stiegen von 4 Prozent im März auf aktuelle 26 Prozent. Zum ersten Mal in Israels Existenzgeschichte zählt das Land über eine Million Arbeitslose.

Hinzu kommen scheinbar willkürliche Entscheide, was offen sein darf und was nicht. Fitnessstudios müssen schliessen, Sportstudios aber nicht. Dann wurde dieser Entscheid wieder revidiert. Die Regierung ist unentschlossen und trifft Entscheidungen, die schwer nachzuvollziehen sind. Ihre Glaubwürdigkeit hat sie sich verspielt.

epa08340685 Ultra Orthodox Jewish man wearing a protective face mask passes an empty main street in the city of Bnei Brak  , Israel, 03 April 2020. The media report that Israeli Police have closed the city of Bnei Brak as Israel concentrates its enforcement activities on the quarters of the ultra-Orthodox population in order to prevent the spread of the SARS-CoV-2 coronavirus which causes the Covid-19 disease.  EPA/ABIR SULTAN

Die ultra-orthodoxen leben in ihrer Gemeinschaft isoliert. Bild: EPA

Man hat sich im In- und Ausland ein leichtes Spiel gemacht, die Schuld bei den ultra-orthodoxen Gemeinden in Israel zu suchen: Die Haredis haben wochenlang aufgrund der hohen Ansteckungszahlen die Schlagzeilen dominiert und sind durch anfänglichen Ungehorsam aufgefallen. Aktuell sind gewisse haredische Nachbarschaften abgeriegelt. Der Buhmann war schnell gefunden, vor allem auch, weil Synagogen als Ansteckungs-Hotspots gelten.

Doch vergass manch einer, dass die ultra-orthodoxe Gemeinschaft isoliert lebt und dass es nicht die ultra-orthodoxe Gemeinschaft ist, die sich an Underground-Partys trifft oder in Bars eng zusammensitzt. Es waren auch nicht Haredis, welche das Virus nach Wiedereröffnung der Universitäten in die Hörsäle geschleppt haben, was die zweite Welle massgeblich mitausgelöst hat. Mitschuld? Bestimmt. Aber Hauptakteur der Anklagebank? Keineswegs.

Wegen der Corona-Krise wollen die Anw

Benjamin Netanjahu ist unbeliebt geworden. Bild: sda

Wer ist also schuld an der aktuellen Situation? Obwohl die Regierung immer wieder an die Eigenverantwortung der Leute appelliert hatte und es noch immer tut, hätte sie es besser wissen müssen. Doch es war auch Netanyahu, der zu Beginn der Pandemie immer wieder betont hatte, dass Social Distancing der israelischen Kultur fernliege. So war es und so ist es. Körperliche Nähe, Mingling und Gastfreundschaft gehören genauso zur israelischen Kultur wie Chuzpe, Falafel und Hummus. Wer vergessen hat, dies bei der Lockerung des ersten Lockdowns miteinzuberechnen, hat seine Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht oder ist um seinen Optimismus zu beneiden.

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