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Bild: WILLIAM PHILPOTT/REUTERS

Analyse

#ThisIsNotNormal: Warum wir uns nie an Präsident Trump gewöhnen dürfen

In einem Monat wird Donald Trump als US-Präsident vereidigt, doch er benimmt sich noch immer so, als wäre er im Wahlkampf. Grund genug, sich vor seiner Amtsübernahme zu fürchten.



Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat Schockwellen um den Erdball gesandt. In rund einem Monat findet seine Vereidigung statt. Fast alle Jobs in seiner Regierung sind vergeben. Viele in den USA sind bereit, zur Normalität überzugehen.

An den Finanzmärkten findet ein regelrechtes «Trump Rally» statt. Man erwartet, dass der neue Präsident die Wirtschaft auf Touren bringen wird. Die Märkte sähen in Trump «einen neuen Ronald Reagan», sagte der britische Finanzinvestor Stephen Jones im watson-Interview. Auch Schweizer Bankanalysten sehen in Trump vorwiegend eine Chance.

Zu ganz anderen Schlüssen kommen viele Menschen, die seit dem Wahltag kaum noch ruhig schlafen können. Sie sehen, was sich seither alles ereignet hat, und sie sind alarmiert. Denn Donald Trump verhält sich bislang überhaupt nicht wie ein «normaler» Präsident. Weshalb das Hashtag #thisisnotnormal auf Twitter Hochkonjunktur hat.

Einige Beispiele gefällig?

Es ist nicht normal, dass Rechtsradikale die Wahl eines US-Präsidenten mit «Hail Trump»-Rufen und Hitlergruss bejubeln. Und der Ku Klux Klan am 3. Dezember eine «Siegesparade» für Trump in North Carolina durchgeführt hat.

FILE - In this Dec. 6, 2016 file photo, Richard Spencer speaks at the Texas A&M University campus in College Station, Texas.  Twitter has restored Spencer's personal account less than a month after the social media company suspended it along with other accounts belonging to prominent members of the so-called

Richard Spencer, Anführer der Alt-Right-Bewegung. Bild: David J. Phillip/AP/KEYSTONE

Es ist nicht normal, dass seit dem 9. November im ganzen Land zahlreiche Übergriffe auf Angehörige von Minderheiten (Schwarze, Latinos, Muslime) registriert wurden, insbesondere an Schulen. Wiederholt kam es dabei zu körperlichen Attacken.

Es ist nicht normal, dass ein gewählter US-Präsident auf die Geheimdienste losgeht, weil diese angeblich Hinweise darauf haben, dass Russland die Wahlen zu seinen Gunsten beeinflusst hat.

Es ist nicht normal, dass ein gewählter Präsident sich über Darsteller eines Musicals aufregt, die seinen Vize auf durchaus anständige Weise aufgefordert hatten, die Vielfalt der USA zu respektieren. Während er selber im Wahlkampf zahlreiche Menschen verhöhnt und beleidigt hat.

Es ist nicht normal, dass der gewählte Präsident wahrheitswidrig behauptet, Millionen Menschen hätten ihre Stimme «illegal» abgegeben, nur weil er es nicht verkraften kann, dass Hillary Clinton 2,8 Millionen Stimmen mehr erhalten hat. Und damit die Legitimität seiner eigenen Wahl anzweifelt.

Es ist nicht normal, dass der gewählte Präsident Menschen ins Gefängnis stecken will, die die US-Flagge verbrennen, obwohl dies vom Obersten Gerichtshof 1990 als Ausdruck der freien Meinungsäusserung geschützt wurde.

Es ist nicht normal, dass Trump behauptet, er habe die Verlegung einer Ford-Fabrik von Kentucky nach Mexiko verhindert, obwohl das nie geplant war.

Es ist nicht normal, dass Trump den Kauf einer neuen «Air Force One» annullieren will, nur weil der Chef von Hersteller Boeing ihn wegen möglicher Handelskriege mit wichtigen Kunden wie China kritisiert hat.

Es ist nicht normal, dass offenbar niemand Trump daran hindern kann oder will, auf Twitter um sich zu schlagen. Wer kann ihn dann an irgendetwas hindern, zum Beispiel am Einsatz von Atomwaffen?

Es ist nicht normal, dass ein gewählter Präsident nicht aus seinem Wahlkampfmodus herausfindet und zu einer «Victory Tour» aufbricht, statt sich seriös auf die Übernahme der Regierungsverantwortung vorzubereiten.

Es ist nicht normal, dass der gewählte Präsident sich als Kämpfer gegen das Establishment in Szene setzt und damit um die Stimmen der «kleinen Leute» buhlt, nur um Vertreter dieser Eliten in sein Kabinett zu berufen.

Es ist nicht normal, dass der gewählte Präsident im Wahlkampf über die Wall Street herzieht und dann drei Goldman-Sachs-Banker in seine Regierung holt.

epa05653583 Steven Mnuchin, a contender for the position of Secretary of Treasury of the USA under the administration of US President-elect Donald Trump, speaks to reporters as he arrives at the Trump Tower, in New York, NY, USA, 30 November 2016.  EPA/ALBIN LOHR-JONES / POOL

Steve Mnuchin soll Trumps Finanzminister werden. Bild: EPA/ABACA USA POOL

Es ist nicht normal, dass der designierte Finanzminister Steve Mnuchin eine Bank mitbegründet hat, die eine 90-jährige Frau in Florida aus ihrem Haus geworfen hat, weil sie aus Versehen 27 Cent zu wenig einbezahlt hatte.

Es ist nicht normal, dass der gewählte Präsident den ehemaligen General und CIA-Direktor David Petraeus als Aussenminister in Erwägung zog, obwohl er zu zwei Jahren Gefängnis bedingt verurteilt worden war, weil er seiner Geliebten vertrauliches Material zugespielt hatte. Während er Hillary Clinton ins Gefängnis stecken wollte, obwohl ihr noch nie etwas Illegales nachgewiesen werden konnte.

Trumps Regierungsmannschaft

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(22.12.16) Trumps Regierungsmannschaft
quelle: ap/ap / mark lennihan
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Es ist nicht normal, dass der frühere Präsidentschaftskandidat Mitt Romney mit dem gewählten Präsidenten auf Schmusekurs geht, den er im Wahlkampf als «Aufschneidler» und «Betrüger» beschimpft hatte, nur weil er sein Aussenminister werden wollte.

Es ist nicht normal, dass Trump mit dem argentinischen Präsidenten Mauricio Macri telefoniert, und wenige Tage später heisst es, im nächsten Jahr werde mit dem Bau eines Hochhauses in Buenos Aires begonnen, an dem Trump beteiligt ist und das seit längerem blockiert war.

Es ist nicht normal, dass der neue Präsident noch vor seiner Vereidigung einen Konflikt mit China riskiert, weil er mit der taiwanischen Präsidentin Tsai Ing Wen telefoniert hat und die Ein-China-Politik seines Landes in Frage stellt.

Es ist nicht normal, dass Trump den Ex-General Michael Flynn zu seinem Sicherheitsberater machen will, der auf Twitter Fake News über Hillary Clinton verbreitet hat und offenbar in Afghanistan vertrauliches Material an Dritte (genauer: an Pakistan) weitergegeben hat.

President-elect Donald Trump speaks during a meeting with technology industry leaders at Trump Tower in New York, Wednesday, Dec. 14, 2016. From left are, Amazon founder Jeff Bezos, Alphabet CEO Larry Page, Facebook COO Sheryl Sandberg, Vice President-elect Mike Pence, and Trump. (AP Photo/Evan Vucci)

Trump beim Treffen mit Vertretern der Tech-Branche. Bild: Evan Vucci/AP/KEYSTONE

Es ist nicht normal, dass Donald Trump den Chef von Twitter angeblich nicht an seinem Treffen mit den Silicon-Valley-Bigshots teilnehmen liess, weil der Kurznachrichtendienst sich im Wahlkampf geweigert haben soll, ein Anti-Clinton-Emoji zuzulassen.

Es ist nicht normal, dass der gewählte Präsident nicht aufhört, die Medien zu attackieren, insbesondere seinen «Lieblingsfeind» CNN, und den Chef des Rechtsaussen-«Newsportals» Breitbart zu seinem Chefstrategen ernennt.

Es ist nicht normal, dass Trump bislang nicht erklärt hat, wie er den Interessenkonflikt zwischen seinen Rollen als Geschäftsmann und als Präsident auflösen will. Eine Medienkonferenz zu diesem Thema hat er auf den Januar verschoben.

Man könnte weitere Beispiele erwähnen. Sie ergeben ein beunruhigendes Bild. Was aber bezweckt Donald Trump mit diesem Verhalten? Es gibt verschiedene Interpretationen. Die gängigste besagt, dass er die verhassten Medien vor sich her treiben und so in den Schlagzeilen bleiben will. Gleichzeitig kann er seine Anhänger bei Laune halten.

Vielleicht sind seine Twitter-Rants aber auch Ausdruck eines dünnhäutigen und geltungssüchtigen Menschen. Trump liebt den Applaus im Rampenlicht, auf Kritik reagiert er allergisch. Gleichzeitig will er das Land wie ein CEO regieren. Auch die Volkswirtschaft betrachtet er wie ein Unternehmen, gegen alle Grundprinzipien der Ökonomie.

Wenn es so kommt, wird es gefährlich.

Es gab seit der Wahl Vergleiche von Trump mit Ronald Reagan und George W. Bush. Beide waren ebenfalls Feindbilder der Linken. Als junger Gymnasiast habe ich Reagan als Kalten Krieger verachtet. Aber «Ronnie» war auch ein humorvoller und optimistischer Mensch. Das ermöglichte es ihm, sein Feindbild zu überwinden und die ausgestreckte Hand von Michail Gorbatschow zu ergreifen.

Wird Trump Amerika zu alter Grösse führen?

Kann man von Trump Ähnliches erwarten, etwa im Umgang mit Iran? Man möchte es. Aber was seit der Wahl geschehen ist, stimmt nicht zuversichtlich. Wenig spricht dafür, dass der neue Präsident tatsächlich ein neuer Reagan sein wird. Deshalb gilt für die Zeit nach dem 20. Januar 2017: Fürchtet euch! Denn nichts ist normal.

Trump mag nicht, wie Medien Berichte über ihn bebildern – so reagiert das Internet

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Trump mag Pressebilder nicht – so reagiert das Internet
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