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Wladimir Putins schlimmster Albtraum: Die Russen sterben aus

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Wladimir Putins schlimmster Albtraum: Die Russen sterben aus

Russlands Frauen gebären zu wenig Kinder – und die Männer sterben zu früh.
16.03.2023, 04:5716.03.2023, 12:16
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Das Ökonomen-Ehepaar Anne Case und Angus Deaton schrieb vor ein paar Jahren eines der gescheitesten Bücher der Gegenwart: Es trägt den Titel «Tod aus Verzweiflung» und zeigt auf, weshalb in den USA viele Menschen – vor allem weisse Männer ohne Hochschulabschluss – viel zu früh sterben. Mittlerweile scheiden jährlich weit über 100’000 Amerikaner wegen Drogen- und Alkoholsucht oder Selbstmord frühzeitig aus dem Leben.

So schlimm die amerikanischen Zahlen sind, in Russland fordert der «Tod aus Verzweiflung» noch weit mehr Opfer. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Russen ist mittlerweile auf 71 Jahre gesunken, diejenige der Männer gar auf 66 Jahre. «Das ist tiefer als in Nordkorea, Syrien und Bangladesch», stellt dazu der Historiker Max Boot in der «Washington Post» fest.

Doppelt so viele Covid-Tote wie in den USA

Gleichzeitig ist die Geburtenrate in Russland auf durchschnittlich 1,5 Kind pro Frau gesunken. Um den Bestand der Bevölkerung zu sichern, sind jedoch mindestens 2 Kinder pro Frau nötig. Dazu kommt, dass Covid in Russland besonders heftig gewütet hat. Der «Economist» schätzt, dass seit 2020 zwischen 1,2 und 1,6 Millionen an Covid gestoben sind. Sollte diese Zahl zutreffen, dann hat das Corona-Virus in Russland mehr Opfer gefordert als in den USA, deren Bevölkerung doppelt so gross ist.

Der Krieg gegen die Ukraine schliesslich fordert ebenfalls einen erschreckenden Blutzoll. Die Zahl der seit Februar 2022 gefallenen Russen wird auf 60’000 bis 70’000 geschätzt. Mehr als eine Million Männer haben das Land zudem verlassen, um zu verhindern, dass sie eingezogen werden.

Rechnet man all dies zusammen, dann sieht die demografische Entwicklung für Russland zappenduster aus. Die Bevölkerungszahl von aktuell 145,6 Millionen Menschen wird gemäss Hochrechnung bis Ende dieses Jahrhunderts auf 126 Millionen schrumpfen.

Wladimir Putin stellt sich gerne als Retter des christlichen Abendlandes dar. Doch längst nicht alle Bewohner des Riesenreichs sind Slawen. In vielen der 22 russischen Republiken haben nicht Christen die Mehrheit, sondern Moslems. Ähnlich wie die Weissen in den USA, die Angst davor haben, bald in der Minderheit zu sein, fürchten sich die christlichen Slawen davor, von Moslems übertrumpft zu werden.

epa10060971 Muslims gather for morning prayers to celebrate Eid al-Adha near Moscow's Cathedral Mosque in Moscow, Russia, 09 July 2022. Eid al-Adha is the holiest of the two Muslims holidays cele ...
Muslime versammeln sich zum Freitagsgebet in Moskau.Bild: keystone

Die demografische Entwicklung ist für Wladimir Putin ein Albtraum. Gleichzeitig ist es für ihn eine Verlockung, mit der Einverleibung der Ukraine ins russische Reich diese Entwicklung verhindern zu können. Max Boot zitiert Stephen Sestanowich, einen ehemaligen US-Botschafter in Moskau, wie folgt: «Die Entvölkerung Russlands nährt Putins apokalyptische Vorstellung seiner grossen Verantwortung. Wer sich Sorgen über den Bevölkerungsschwund macht, der mag die Einverleibung von rund 40 Millionen Menschen im Nachbarland eine attraktive Idee finden.»

Dabei ist Putins Albtraum grösstenteils selbstverschuldet. Wie Alexander Gabuev, der Direktor des Carnegie Russia-Eurasia Centers in Berlin, in «Foreign Affairs» aufzeigt, hat der russische Präsident eine ausgezeichnete Ausgangslage nicht ausnutzen können. Bei seinem Amtsantritt hatte das Land die schlimmsten Auswüchse der wilden Neunzigerjahre mehr oder weniger verkraftet. Russland hatte keine äusseren Feinde mehr. Weder die USA noch China und schon gar nicht die EU dachten auch nur im Traum daran, es anzugreifen.

Dank des in den Nullerjahren fast explosionsartig steigenden Ölpreises wurde Russland auch zu einem wirtschaftlichen Gewinner. Es war genug Geld da, um die Schulden zu begleichen und die Löhne eines aufkeimenden Mittelstandes zu finanzieren. «Angesichts dieser wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Umstände hätte sich Russland zu einer Nation mit einem ähnlichen Wohlstand wie Kanada entwickeln können», so Gabuev. «Russland hatte alle Voraussetzungen, um zu einer prosperierenden, selbstbewussten, sicheren und vertrauenswürdigen Macht im 21. Jahrhundert zu werden – zu einem Land, das mithilft, die drängendsten Probleme der Welt an die Hand zu nehmen.»

Es sollte nicht sein. Putin zog sich immer mehr in die Schmollecke zurück, wandte sich vom Westen ab und Verschwörungstheorien zu. Hinter der Farben-Revolution in der Ukraine und in Georgien witterte er böse westliche Machenschaften, ebenso in den Demonstrationen nach seiner Wiederwahl im Jahr 2012. Anstatt mit Handel den Wohlstand der Bevölkerung zu steigern, träumte er davon, die Grossmacht UdSSR wieder herzustellen, allerdings ohne Kommunismus.

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Eine Gazprom-Raffinerie bei Moskau.Bild: keystone

Mit dem abscheulichen Überfall auf die Ukraine hat sich Putin geopolitisch ins eigene Knie geschossen. Nochmals Gabuev: «Anstatt in die Ukraine einzumarschieren, hätte die russische Regierung die Vision eines sicheren Landes anbieten können. Eines Landes mit einem hohen Mass an strategischer Autonomie und einem inklusiven Wirtschaftswachstum, das einen Wohlstand auf dem Niveau Norwegens und eine Lebenserwartung auf dem Niveau von Japan ermöglicht hätte.»

Stattdessen hat Putin Russland in eine Sackgasse geführt, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Das Öl muss Russland mit grossen Abschlägen an China und Indien verkaufen und dabei rasant schrumpfende Gewinnmargen in Kauf nehmen. Politisch ist es immer mehr auf die Gunst des grossen Bruders China angewiesen. «Russland driftet langsam zu einem wirtschaftlichen und politischen Modell, das demjenigen des Irans gleicht», stellt Gabuev fest.

Kein Wunder also, dass russische Männer aus Verzweiflung sterben und russische Frauen keine Lust haben, Kinder zu gebären. Putin hat es vermasselt, und zwar im grossen Stil. In seinem Wahn, das russische Grossreich wieder herstellen zu wollen, hat er in allem geirrt.

«Er hat sich in der Stärke seiner Armee geirrt», stellt Thomas Friedman in der «New York Times» fest. «Aber auch in der Armee der Ukraine. Er hat sich bei den Nato-Verbündeten geirrt, bei Joe Biden, bei den Menschen in der Ukraine, bei Schweden, bei Finnland, bei Polen, bei Deutschland und bei der EU. Dabei hat er Russland in eine Energie-Kolonie von China verwandelt – und muss beim Iran um Drohnen betteln.»

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175 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Frankygoes
16.03.2023 06:33registriert März 2019
Das ist ja grad das Unverständliche..
Russland: "Unsere Bevölkerungspyramide sieht nach Weltkriegen, Misswirtschaft und Flucht nicht so toll aus, was tun?"
Putin: "Zieht 600k junge ein und schickt sie in den Tod!"
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Ali mini äntli
16.03.2023 06:00registriert September 2021
wenn Korruption die einzige Möglichkeit ist zu Wohlstand zu kommen, ist das Land auf dem Weg zum Niedergang.
Korruptionsbekämpfung und Rechtssicherheit sind zwei Voraussetzungen dass auch die Bevölkerung etwas vom Reichtum des Landes hat.
Russland hatte jedoch eine schwierige Ausgangslage: nach Zahrenreich und 70 Jahre Planwirtschaft plötzlich selber Denken und Handeln ist nicht so einfach. Gerade desshalb hätte die Machtelite dies fördern sollen. Doch die schauen in erster Linie für sich. Gedanklich immer noch in der Sowjetunion gefangen ist ein Niedergang nicht aufzuhalten.
1925
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[CH-Bürger]
16.03.2023 06:11registriert August 2018
mein Herz ist zweigeteilt:
- Schadenfreude für Putin
- Trauer + Mitleid für die RUS-Bevölkerung
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