Kristi Noem – oder weshalb politischer Klatsch wichtig ist
Ein User namens Marc hat mir folgenden Brief geschickt:
Marcs Wunsch sei mir Befehl. Hier also meine Begründung, weshalb gerade in unserer Zeit Charakterzeichnungen, Anekdoten und moralische Urteile über Personen so wichtig geworden sind.
Was genau mit der «strukturellen Ebene» gemeint ist, weiss ich nicht. Ich gehe davon aus, dass die ökonomischen Grundlagen – der Niedergang des amerikanischen Mittelstandes im Neoliberalismus –, die Angst vor Immigration oder die Einsamkeit der Menschen angesprochen werden. Dass all dies den Aufstieg von Donald Trump, aber auch der Rechtspopulisten allgemein, befördert hat, ist unbestritten, aber inzwischen auch bis zur Verblödung durchdekliniert worden.
Wir leben in einer Zeit, in der die Analyse der strukturellen Ebene kaum mehr neue Erkenntnisse liefert. Wir leben in einer Zeit des Nihilismus, in der gilt: Alles ist wahr, und auch das Gegenteil. Ideologische Grenzen verschwimmen, und Diktatoren wie Wladimir Putin richten ihre Propaganda darauf aus, dass den Menschen jegliche Orientierung verloren geht.
Das gilt zunehmend auch für die USA und Donald Trump. Wie der renommierte Politikwissenschaftler Ian Bremmer kürzlich in einem Interview in der «NZZ am Sonntag» erklärt hat, ist der amerikanische Präsident nicht fähig, strategisch zu denken. Das sehen selbst seine Anhänger so. So erklärt Ben Shapiro, ein einflussreicher Trump-Blogger, in einem Interview mit dem «New Yorker»:
Tatsächlich ist MAGA keine Bewegung, die man bestimmten strukturellen Elementen zuordnen kann. Zu widersprüchlich sind die Lager, die darin vertreten sind: Tech-Oligarchen, die völlig andere Ziele verfolgen als nationale Populisten, liberale Hardliner und katholische Sozialromantiker. Gleichzeitig liegen sich jüdische Fundamentalisten wie der erwähnte Shapiro mit Antisemiten wie Nick Fuentes, Tucker Carlson und Megyn Kelly in den Haaren.
Wer genau in dieser Gemengelage die Strippen zieht, ist umstritten. Für die einen ist Trump eine Marionette der Tech-Oligarchen, für andere kuschen die ach so von sich überzeugten Herren des Universums vor Trump. Wieder andere sehen Stephen Miller, Steve Bannon oder Tucker Carlson als heimliche Macht hinter dem Präsidenten, da dieser körperlich und geistig angeschlagen scheint.
Anyway. Die Epstein-Affäre zeigt, dass sich selbst die Grenzen der Parteien, aber auch der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Unterhaltung auflösen. Das Geheimnis dieses pädophilen Sexverbrechers besteht darin, dass es ihm gelang, Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus in seinen Bann zu ziehen. Entstanden ist eine Epstein-Klasse, die Ezra Klein in der «New York Times» wie folgt beschreibt:
Vom italienischen Philosophen und Marxisten Antonio Gramsci stammt das Zitat: «Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann: In diesem Interregnum treten die vielfältigsten morbiden Erscheinungen auf.»
Gramsci beschrieb damit die Zustände zwischen den beiden Weltkriegen. Seine Analyse trifft jedoch auch auf unsere Zeit zu. Der sich ausbreitende Nihilismus ist die Folge einer zerfallenden Weltordnung und der Ungewissheit, was darauf folgen soll.
Lieber Marc: Es geht nicht allein darum, ob die Figur die politische Realität oder die Realität die Figur beschreibt. Es geht um beides. Deshalb gilt es auch aufzuzeigen, wie moralisch verwerflich und dumm sich Menschen wie Kristi Noem verhalten.
