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Kristi Noem oder weshalb politischer Klatsch wichtig ist

U.S. Secretary of Homeland Security Kristi Noem looks on during Iowa's Roast and Ride, Saturday, Oct. 11, 2025, in Des Moines, Iowa. (AP Photo/Charlie Neibergall)
Ernst Roast and Ride
Bild: keystone
Analyse

Kristi Noem – oder weshalb politischer Klatsch wichtig ist

In einer nihilistischen Zeit müssen Strukturen und Personen analysiert werden.
17.02.2026, 20:1917.02.2026, 20:19

Ein User namens Marc hat mir folgenden Brief geschickt:

Guten Tag Herr Löpfe
Ich habe Ihre Analyse zu Kristi Noem gelesen. Inhaltlich hat mich weniger die politische Position beschäftigt als die Form der Argumentation.
Sie kritisieren eine Personalisierung der Politik und die Politik der Härte. Gleichzeitig arbeitet der Text fast ausschliesslich mit Charakterzeichnungen, Anekdoten und moralischen Urteilen über Personen. Die strukturelle Ebene, also warum solche politischen Figuren erfolgreich werden, bleibt dabei eher im Hintergrund. Gerade das hätte mich interessiert. Denn möglicherweise erklärt nicht die Figur die politische Realität, sondern die Realität die Figur.
Mein Eindruck beim Lesen war daher, der Artikel überzeugt emotional, aber er erklärt wenig. Und genau diese Erklärung würde vermutlich auch Leser erreichen, die Ihrer politischen Haltung nicht ohnehin zustimmen. Das ist keine Gegenrede, sondern eher eine Leseerfahrung. Vielleicht Anstoss für einen künftigen Text.

Marcs Wunsch sei mir Befehl. Hier also meine Begründung, weshalb gerade in unserer Zeit Charakterzeichnungen, Anekdoten und moralische Urteile über Personen so wichtig geworden sind.

Was genau mit der «strukturellen Ebene» gemeint ist, weiss ich nicht. Ich gehe davon aus, dass die ökonomischen Grundlagen – der Niedergang des amerikanischen Mittelstandes im Neoliberalismus –, die Angst vor Immigration oder die Einsamkeit der Menschen angesprochen werden. Dass all dies den Aufstieg von Donald Trump, aber auch der Rechtspopulisten allgemein, befördert hat, ist unbestritten, aber inzwischen auch bis zur Verblödung durchdekliniert worden.

Wir leben in einer Zeit, in der die Analyse der strukturellen Ebene kaum mehr neue Erkenntnisse liefert. Wir leben in einer Zeit des Nihilismus, in der gilt: Alles ist wahr, und auch das Gegenteil. Ideologische Grenzen verschwimmen, und Diktatoren wie Wladimir Putin richten ihre Propaganda darauf aus, dass den Menschen jegliche Orientierung verloren geht.

US-Politikwissenschaftler Ian Bremmer.
Ian Bremmer, Politikwissenschaftler.Bild: www.imago-images.de

Das gilt zunehmend auch für die USA und Donald Trump. Wie der renommierte Politikwissenschaftler Ian Bremmer kürzlich in einem Interview in der «NZZ am Sonntag» erklärt hat, ist der amerikanische Präsident nicht fähig, strategisch zu denken. Das sehen selbst seine Anhänger so. So erklärt Ben Shapiro, ein einflussreicher Trump-Blogger, in einem Interview mit dem «New Yorker»:

«Er (Trump) ist sicherlich eine nicht-ideologische Figur, das ist der Grund, weshalb so viele Menschen versuchen, MAGA für ihre Bewegung in Beschlag zu nehmen. Es gibt die Reagan-Konservativen, die behaupten, MAGA sei Reagan-Konservatismus. Es gibt nationale Populisten, die sagen, er sei ein nationaler Populist. Trump ist keines von beidem. (…) Wenn es um die Innenpolitik geht, gibt es bei ihm eine seltsame Mischung von Ablehnung der Regierung und gleichzeitig den Wunsch, die Regierung für die eigenen Zwecke einzuspannen. (…) Ich denke, dass Trump jemand ist, der gewillt ist, unterschiedliche Dinge auszuprobieren und sofort eine Kehrtwende zu machen, wenn sie nicht funktionieren.»

Tatsächlich ist MAGA keine Bewegung, die man bestimmten strukturellen Elementen zuordnen kann. Zu widersprüchlich sind die Lager, die darin vertreten sind: Tech-Oligarchen, die völlig andere Ziele verfolgen als nationale Populisten, liberale Hardliner und katholische Sozialromantiker. Gleichzeitig liegen sich jüdische Fundamentalisten wie der erwähnte Shapiro mit Antisemiten wie Nick Fuentes, Tucker Carlson und Megyn Kelly in den Haaren.

epa12745747 A carnival float built by float designer Jacques Tilly, titled Epstein and depicting Jeffrey Epstein, is ready for the start of the annual Rose Monday (Rosenmontag) Carnival parade in Düss ...
Auch an der Fasnacht ein Thema: die Epstein-Affäre.Bild: keystone

Wer genau in dieser Gemengelage die Strippen zieht, ist umstritten. Für die einen ist Trump eine Marionette der Tech-Oligarchen, für andere kuschen die ach so von sich überzeugten Herren des Universums vor Trump. Wieder andere sehen Stephen Miller, Steve Bannon oder Tucker Carlson als heimliche Macht hinter dem Präsidenten, da dieser körperlich und geistig angeschlagen scheint.

Anyway. Die Epstein-Affäre zeigt, dass sich selbst die Grenzen der Parteien, aber auch der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Unterhaltung auflösen. Das Geheimnis dieses pädophilen Sexverbrechers besteht darin, dass es ihm gelang, Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus in seinen Bann zu ziehen. Entstanden ist eine Epstein-Klasse, die Ezra Klein in der «New York Times» wie folgt beschreibt:

«Epstein hatte Geld (…), aber seine Verbindungen waren seine universale Währung. Und das breite Spektrum dieser Verbindungen hat sein System am Leben erhalten. Viele durchschauten Epstein und hielten sich von ihm fern. Andere jedoch sahen in dem Umstand, dass er so viele reiche und mächtige Menschen um sich scharen konnte, den Grund, weshalb er so schlecht nicht sein konnte. (…) Dieses Netzwerk machte Epstein sowohl legitim als auch wertvoll.»

Vom italienischen Philosophen und Marxisten Antonio Gramsci stammt das Zitat: «Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann: In diesem Interregnum treten die vielfältigsten morbiden Erscheinungen auf.»

Gramsci beschrieb damit die Zustände zwischen den beiden Weltkriegen. Seine Analyse trifft jedoch auch auf unsere Zeit zu. Der sich ausbreitende Nihilismus ist die Folge einer zerfallenden Weltordnung und der Ungewissheit, was darauf folgen soll.

Lieber Marc: Es geht nicht allein darum, ob die Figur die politische Realität oder die Realität die Figur beschreibt. Es geht um beides. Deshalb gilt es auch aufzuzeigen, wie moralisch verwerflich und dumm sich Menschen wie Kristi Noem verhalten.

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