Vier Punkte, die der Ukraine gerade schwer zu schaffen machen
Der Abwehrkampf der Ukraine gegen Russland fordert die Truppen bis an die Grenzen – körperlich, psychisch und organisatorisch. Neue Berichte zeigen: Lange Einsätze, mangelhafte Versorgung, geschönte Zahlen und zunehmende Desertionen setzen den Soldaten massiv zu.
Obschon sich die militärische Gesamtlage für Kiew – primär wegen des massiven Drohneneinsatzes – aktuell deutlich günstiger darstellt als noch vor einem halben Jahr, sorgen vier besonders gravierende Entwicklungen in der Ukraine für Schlagzeilen und hitzige Diskussionen unter der Bevölkerung.
40 Tage bis zur Selbstaufgabe der Frontsoldaten
Eine neue Studie der ukrainischen Militär-Ombudsstelle zeigt, wie schnell der Frontdienst die eigenen Soldaten zermürbt: Wer länger als 40 Tage ununterbrochen an vorderster Stellung bleibt, entwickelt oft Apathie und «kümmert sich nicht mehr darum, ob er überlebt oder nicht».
Ombudsfrau Olga Reschetylowa spricht im Interview mit der «Ukrainska Prawda» von massiv sinkender Kampfkraft. Eigentlich gilt eine Grenze von 15 Tagen pro Stellungseinsatz. «Doch dies ist eine überholte Norm, an die sich niemand hält, was wiederum dazu führt, dass es überhaupt keine Einschränkungen mehr gibt», klagt Reschetylowa. Wegen Personalmangels und Gleichgültigkeit der vorgesetzten Kommandeure bleiben viele Soldaten monatelang ohne Ablösung.
Die Untersuchung macht damit ein Kernproblem sichtbar: Nicht nur Waffen fehlen, sondern auch Rotationen, planbare Dienstzeiten und psychologische Entlastung. Reschetylowa kündigt im Interview eine Eingabe zuhanden des Oberbefehlshabers Sirski an, um «die Anweisungen zum Verbleib in den Stellungen zu ändern».
Nachschubprobleme bis fast zum Hungertod
Es ist ein Skandal, der die ganze Ukraine aufgeschreckt hat. Aus dem Raum Kupjansk kursieren seit mehreren Tagen Bilder von ausgemergelten ukrainischen Soldaten, die sich kaum von historischen Fotografien von KZ-Häftlingen unterscheiden. Begleitet werden die drastischen Aufnahmen von Berichten, wonach Frontkämpfer bis zu 17 Tage lang nicht ausreichend mit Essen und Wasser versorgt worden seien.
Die Bilder wurden von der Tochter eines der betroffenen Soldaten publik gemacht. Der ukrainische Generalstab räumte umgehend schwere Logistikprobleme ein: Russische Luft- und Raketenangriffe auf Übergänge über den Oskil-Fluss hätten die Versorgung massiv behindert. Nachschub gelange teils nur noch per Boot oder mit schweren Drohnen an die Front. Hinzu komme der Einsatz russischer Drohneneinheiten, die Versorgungsfahrzeuge gezielt jagten.
Gleichzeitig versagte die militärische Führung: Lokale Kommandeure sollen im Sowjetstil die Lage beschönigt und Probleme verschwiegen haben. Die Konsequenz: Der Brigadechef wurde abgesetzt und ein Korpskommandant degradiert. Laut Medienberichten beauftragte Generalstabschef Sirski einen Generalmajor mit einer umfassenden Untersuchung und Inspektion der Nachschubwege.
Geschönte Verlustzahlen
Über eigene Verluste spricht Kiew nur selten – und wenn, dann zurückhaltend. Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte Anfang Februar in einem Interview mit dem französischen Fernsehen die Zahl von 55’000 gefallenen ukrainischen Soldaten seit Kriegsbeginn. Beobachter und westliche Denkfabriken halten diese Angabe jedoch für zu tief.
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington schätzt die ukrainischen Gesamtverluste bis Ende 2025 auf 500’000 bis 600’000 Soldaten, darunter 100’000 bis 140’000 Tote. Das CSIS beruft sich in seiner Studie auf Angaben der Newsseite Mediazona und des Russland-Büros der BBC. Dieses erhebt seit Kriegsbeginn die Todeszahlen, indem es Todesanzeigen und Kriegsgräber systematisch erfasst.
Die russischen Gesamtverluste seit Februar 2022 gibt das CSIS mit 1,25 Millionen Mann an, davon 325'000 Getötete. Die BBC berichtet von 214'000 bestätigten russischen Gefallenen
Auch andere Indizien nähren Zweifel an Selenskyjs Angaben: Seit 2025 erhielt die Ukraine beim Leichenaustausch mehr als 16’500 sterbliche Überreste zurück. Wie Russland meldet auch die Ukraine täglich hohe gegnerische Verluste, bleibt bei den eigenen aber vage – aus Gründen der Moral, der Mobilisierung und der operativen Sicherheit.
Desertionen im grossen Stil
Neben Tod und Resignation wird die Fahnenflucht zu einem immer grösseren Problem. Laut der Antrittsrede des neuen Verteidigungsministers Fedorow entfernten sich im vergangenen Jahr rund 200’000 Ukrainer unerlaubt von der Front oder desertierten. Das wäre eine dramatische Zahl für eine Armee, die ohnehin unter akutem Personalmangel leidet.
Das Warschauer Zentrum für Oststudien schreibt von 300'000 neuen Rekruten, welche die Ukraine jedes Jahr benötigt. Im Jahr 2024 seien es jedoch nur 200'000 gewesen. Wenn Soldaten ohne klare Ablösung, mit schlechten Versorgungsbedingungen und unter enormem psychischem Druck kämpfen müssen, steigt die Neigung zum Weglaufen. Die Armee-Ombudsfrau Reschetylowa spricht von 1,6 Millionen Ukrainern, die unter idealen Bedingungen mobilisiert werden könnten, was geregelte Rotationen und weniger Anlass zum Desertieren erlauben würde. (aargauerzeitung.ch)

