Kinderpornografie in Zelle von Kindermörder Marc Dutroux gefunden: Wie ist das möglich?
Die Affäre Dutroux erschütterte Belgien Mitte der 1990er Jahre in seinen Grundfesten. Jetzt sorgt der mittlerweile 69-jährige und auf Lebenszeit verwahrte Kindermörder erneut für Schlagzeilen: Wie das belgische Wochenmagazin «Humo» berichtet, wurden bei einer Durchsuchung in Dutroux' Zelle rund 200 pornografische Fotografien gefunden. Über 100 davon sollen nackte Kinder zeigen.
Die Fotos wurden bereits im Jahr 2024 sichergestellt. Doch erst jetzt wurde bekannt, dass die belgische Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Besitz von kinderpornografischem Material führt. Dutroux' Anwalt bestätigt dies, will sich jedoch nicht weiter zum Inhalt der Untersuchung äussern.
Nun fragt sich ganz Belgien: Wie ist so etwas möglich?
Dutroux sitzt seit 30 Jahren in der Haftanstalt Nivelles im südlichen Landesteil ein. Er befindet sich in strenger Einzelhaft und hat bloss zu seinem Anwalt Bruno Dayez physischen Kontakt. Von den anderen Häftlingen lebt er weitgehend abgeschirmt.
Dutroux sagt, die Fotos seien ihm untergejubelt worden
Dutroux gab laut «Humo» im Verhör kurz nach der Zellendurchsuchung an, er habe die Fotos nach einem Hofgang in einem Umschlag auf seinem Bett gefunden. Sie seien wahrscheinlich von anderen Häftlingen dorthin gelegt worden, um ihn «zu schikanieren». Warum Dutroux diesen Fund nicht von sich aus der Gefängnisleitung gemeldet hatte, blieb jedoch offen. Sein Anwalt hat zusätzliche Untersuchungen gefordert. Unter anderem will er von einem Experten das Alter der gezeigten Personen auf den Fotos feststellen lassen.
Die andere und wohl wahrscheinlichere Variante ist, dass Dutroux die Fotos von einem korrupten Wärter oder einem Mithäftling erhalten hat. Belgische Medien spekulieren nun, wie er an das Geld für eine solche Bestechung gekommen sein könnte. Dutroux gilt als mittellos. Nur ein Mann aus Wallonien, der ihm seit Jahren Briefe schreibt, zahle gelegentlich etwas auf das Gefängniskonto ein.
Wird Dutroux erneut verurteilt, drohen ihm zehn Jahre zusätzliche Haft. Allerdings hat er schon heute kaum Aussichten, jemals wieder das Gefängnis verlassen zu können.
Theoretisch hätte Dutroux nach der Verbüssung lebenslanger Haft ab 2013 unter Auflagen freikommen können. Für ihn gilt aber die Verwahrung. Zuletzt stellte im Jahr 2020 ein psychiatrisches Gutachten fest, dass Dutroux weiterhin als hochgradig gefährlich gelte und eine psychopathische Persönlichkeitsstruktur aufweise. Die Anträge seiner Anwälte auf Haftentlassung, unter anderem mit der Begründung, Gefängnis bis ans Lebensende sei «Folter», wurden abgelehnt.
Langanhaltende Gerüchte über Verstrickungen der Politik
Der Fall Dutroux bleibt ein dunkles Trauma in der belgischen Gesellschaft. Zusammen mit Komplizen, darunter seiner Ehefrau Michelle Martin, entführte der schon damals als Kinderschänder vorbestrafte Dutroux 1995 und 1996 insgesamt sechs Mädchen und junge Frauen.
Zwei der Mädchen, beide acht Jahre alt, verhungerten in einem Kellerverlies in Dutroux' Haus in Marcinelle bei Charleroi, als Dutroux wegen Autodiebstahls im Gefängnis sass. Zwei junge Frauen im Alter von 17 und 19 Jahren brachte er um. Sabine Dardenne und Laetitia Delhez, damals zwölf und vierzehn Jahre alt, konnten aus dem Verlies gerettet werden.
Die Ermittlungen wie auch das Verfahren nach der Festnahme Dutroux' wurden von zahlreichen Skandalen geprägt. Bei einer Hausdurchsuchung zum Beispiel wurden Schreie der im Keller gefangenen und später verhungerten Kinder schlicht überhört oder ignoriert. Auch hielten sich lange Gerüchte über Mitwisser bis in die Politik. Dutroux selbst nährte diese Spekulationen, indem er sagte, er sei nur «Zulieferer» für ein grösseres Netzwerk gewesen. Dies wurde dem notorischen Lügner jedoch als Manipulationsversuch der Öffentlichkeit ausgelegt.
Die Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit den Behörden führte 1996 zum sogenannten «Weissen Marsch» mit 300'000 Protestierenden. Die wenig später beschlossene, tiefgreifende Staatsreform besiegelte das Ende des «alten Belgiens» und war eine indirekte Folge der Affäre Dutroux. (aargauerzeitung.ch)
